Nach dem Aus für das Kampfflugzeug FCAS droht das nächste deutsch-französische Projekt zu scheitern: Paris und Berlin haben in den vergangenen fünf Jahren versucht, der Idee eines gemeinsamen Panzers mit dem englischen Namen Main Ground Combat System (MGCS) Leben einzuhauchen. Mit mäßigem Erfolg. Im Verlauf des Ukrainekrieges wird zudem die Frage gestellt, ob schwere Kampfpanzer überhaupt eine Zukunft auf dem Schlachtfeld haben. Ja, sagen regelmäßig NATO-Planer und deutsche Generale – allerdings nur mit veränderter Technik, effektiver Drohnenabwehr und digitaler Vernetzung.So hätte ein künftiger deutsch-französischer Panzer neben der ideellen Verbindung beider Nationen mancherlei für sich. Anders als in früheren Zeiten werden beispielsweise weder Frankreich noch Deutschland alleine künftig 60-Tonnen-Kampfpanzer in Tausenderstückzahlen bauen können oder wollen. Im Kalten Krieg besaß die Bundeswehr etwa 2000 solcher Angriffsmaschinen, dazu mehr als 2000 Schützenpanzer. Rund neunzig Prozent dieser Bestände wurden seither verkauft, verschenkt oder verschrottet.Heute verfügt die Bundeswehr über etwa 300 Leopard-2-Panzer, darunter ältere und bereits erneuerte Modelle. Von 2027 an sollen modernisierte Panzer der Version A8 ausgeliefert werden, etwa 35 Stück pro Jahr. Frankreich besaß am Ende des Kalten Kriegs etwa 1000 ältere Kampfpanzer. Vom jüngeren Leclerc aus den Neunzigerjahren gelten aktuell 150 bis 200 als einsatztauglich. Neue Kampfpanzer wurden jenseits des Rheins seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gebaut.Russland plant mit mehr als 1000 Panzern pro JahrRussland hingegen plant nach westlichen Einschätzungen, mit der Modernisierung bestehender Kampfpanzer und dem Bau des modernen T-90M2 Ryvok-1 mehr als 1000 Einheiten pro Jahr zu fertigen, eine massive Asymmetrie, der Europa derzeit nichts entgegensetzt. Warum also nicht die beiden größten Volkswirtschaften des Kontinents zu einem gemeinsamen Projekt verbinden, das im Spannungsfall eine aufwuchsfähige Produktion bis tief ins europäische Hinterland gewährleistet?Bereits vor Wochen hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gesagt, es gebe wohl keine Zukunft für das Panzervorhaben ohne das Flugzeugprojekt. Der deutsche Verteidigungspolitiker Volker Mayer-Lay (CDU), ein erklärter FCAS-Gegner, sprach damals von unziemlichem „strategischem Druck“ und einem „nahezu erpresserischen Akt“, dem sich Berlin und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nicht beugen dürften.Das Panzerprojekt ist seit Jahren auch aus sich selbst heraus in Schwierigkeiten, ein gemeinsames Waffensystem noch nicht einmal in Umrissen erkennbar. Schlechte Voraussetzungen für ein gemeinsames Hauptwaffensystem, wenn Europa sich von 2029 an tatsächlich darauf einrichten müsste, dass Russland gegen die NATO angriffsfähig ist. So hat es Generalinspekteur Carsten Breuer wieder und wieder beschrieben. Zwar stehen seit 2025 zumindest in Deutschland alle Mittel bereit, einen Aufwuchs der Panzerverbände zu finanzieren, doch die Industrie liefert weiter wenig und kämpft an der Vergabefront vor allem um Aufträge.Deutschland wollte Führungsrolle beim PanzerprojektMit der Gründung des Firmenverbundes KNDS aus der deutschen Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und dem französischen Nexter entstand vor zehn Jahren eine Partnerschaft für den Panzerbau, die jedoch bald in nationale Reibereien und politisches Misstrauen geriet. Im Mai 2026 erklärte die Bundesregierung, 40 Prozent der KNDS-Aktien übernehmen zu wollen und mit dem bisherigen Familienanteil zum staatlichen Panzerhersteller zu werden.Bei heftigen Auseinandersetzungen um einzelne Produktionsanteile hatten zuvor Franzosen versucht, auch bei diesem Projekt die Oberhand zu gewinnen, vor allem technologisch. Nicht einmal auf das künftige Kaliber der Kanone konnte man sich bislang einigen, 130 Millimeter nach deutschen oder 140 Millimeter nach französischen Vorstellungen. Zwischendurch war von zwei modularen Geschütztürmen die Rede.Berlin war zwar bereit, Frankreichs Vorsprung und Vorhand beim Flugzeugprojekt FCAS anzuerkennen, wollte jedoch im Gegenzug eine klare Führungsrolle beim Panzerprojekt. Und dann kam auch noch Rheinmetall hinzu, der wachsende westdeutsche Rüstungskonzern, der sich immer expressiver zutraute, das ganze Panzerprojekt selbst zu führen, ersatzweise und nebenher auch andere.Eine Absichtserklärung ohne FolgenNachdem sich bis 2023 die Verhandlungen ohne erkennbare Fortschritte dahingeschleppt hatten, versuchten die beiden Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Sébastien Lecornu mit großem Elan und deutsch-französischen Spirit, die gemeinsamen Rüstungsprojekte voranzutreiben. Pistorius reiste in den französischen Monet-Ort Giverny zum „cher ami“ Sébastien, Lecornu besuchte den deutschen Kollegen in dessen Heimat Osnabrück.Pistorius hob bei diesem Anlass im Sommer vorigen Jahres abermals hervor, was ihn bewegte: „Es ist an uns, in schwierigen Zeiten Antworten auf die Bedrohungen zu finden, die unseren Frieden in Europa gefährden.“ Frankreich, für das er ein großes Herz habe, „ist und bleibt unser wichtiger europäischer Verbündeter. Unser erster Freund“. Heute gehe es darum, diese Zusammenarbeit weiter auszubauen und gemeinsam neue Impulse zu setzen.Das hatten beide bereits bei der feierlichen, aber weitgehend folgenlosen Unterzeichnung einer Absichtserklärung in Paris im Januar 2024 betont. Anfang 2025, kurz vor der Bundestagswahl, reiste Pistorius abermals nach Paris, wieder wurde eine Erklärung unterzeichnet und dabei sogar ein „Gesellschaftervertrag“ für eine Project Company. Lecornu empfing Pistorius am Hôtel des Invalides mit militärischen Ehren, der deutsche Minister wurde von Präsident Macron zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt, eine seltene Auszeichnung.Rheinmetall hat eigene PläneVon einem deutsch-französischen Kampfpanzer, der in etwa fünfzehn Jahren, also ebenfalls sehr spät, eingeführt werden soll, ist derweil immer noch nichts zu sehen. Vor allem Rheinmetall geht energisch andere Wege, und in Berlin wird gemunkelt, die von Armin Papperger geführte Firma blockiere das MGCS-Vorhaben eher, um die hauseigenen Angebote und Partnerschaften nach vorne zu bringen. Denn recht überraschend hatten die Düsseldorfer bereits 2022 ein „radikal neues Kampfpanzerkonzept“, so die Eigenwerbung, vorgestellt.Der Panther, namensgleich mit einem Naziprodukt, schlug rasch ein, Ungarn will ihn gemeinsam mit Rheinmetall bauen, und im Sommer 2024 berichtete das „Handelsblatt“, dass Italien von Rheinmetall 200 Panther kaufen wolle. Das Auftragsvolumen zusammen mit Lynx-Schützenpanzern derselben Firma beträgt etwa 20 Milliarden Euro.Im Herbst desselben Jahres gründeten Rheinmetall und die italienische Rüstungsfirma Leonardo ein neues Unternehmen mit Hauptsitz in Rom, das für Europa und alle Welt Kampf- und Schützenpanzer produzieren soll. Papperger erklärte damals: „Wir schaffen ein neues Schwergewicht im europäischen Panzerbau.“Für das deutsch-französische MGCS war das eine neuerliche Hiobsbotschaft. Und noch schlimmer: Dutzende der Panther, die derzeit nur als Vorführobjekt existierten, sollen bereits bis 2030 ausgeliefert sein – vom deutsch-französischen Projekt hieß es bereits vor Jahren, der MGCS solle in den Vierzigerjahren die bestehenden Panzerflotten ablösen.Welche Rolle haben Panzer in Zukunft?Frankreichs Verteidigungsministerium hat aber bereits Mittel für eine Zwischenlösung eingeplant, in Deutschland stünde mit einem Projekt Leopard 2 AX eine weitere Fortentwicklung des aktuellen deutschen Kampfpanzers zur Verfügung, die ebenfalls bereits mit einer neuen, reichweitenstarken 130-Millimeter-Kanone von Rheinmetall und weiteren für das MGCS geplanten Komponenten ausgerüstet werden könnte.Auf den ukrainischen Schlachtfeldern haben Panzer kaum eine Rolle gespielt, von den deutschen Leopards, darunter auch moderne Versionen, hat man nach der Übergabe wenig gehört. Die 14 Exemplare der modernen A6-Baureihe, die ein Panzerbataillon aus Augustdorf abgeben musste, fanden sich später großteils als beschädigte und teilzerstörte Geräte in einem Reparaturhangar in Litauen wieder. Über Erfolge im Duell mit russischen Einheiten ist wenig bekannt, ganz anders als etwa beim Flugabwehrsystem Iris-T, das ebenfalls aus Deutschland geliefert wurde.So steht der Beweis aus, ob ein Milliardenprojekt Kampfpanzer eigentlich gebraucht wird, egal ob aus deutsch-französischer Kooperation oder nationalem Design. Paris und Berlin müssen sich in den kommenden Wochen jedenfalls auch darüber Gedanken machen. Sicherheitsexperten jedenfalls fordern: Die Bundeswehr muss kaufen, was sie braucht, nicht was sie aus früheren Zeiten kennt.
MGCS: Droht das deutsch-französische Kampfpanzeraus?
Der Flugzeug-Plan ist beerdigt, am Kampfpanzer halten Berlin und Paris fest. Aber es kommt nicht voran – weil die deutsche Industrie auch das nicht will?












