Nach dem Aus für das gemeinsame Kampfflugzeug wachsen in Paris die Zweifel am Fortbestand anderer Gemeinschaftsprojekte mit Deutschland wie der digitalen Combat Cloud. Vor dem Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung des Senats bestätigte Dassault-Chef Eric Trappier am Mittwoch, dass der Abbruch des Flugzeugprojekts Auswirkungen auf alle anderen im Rahmen des „Future Combat Air System“ (FCAS) geplanten Projekte haben werde.„Wir befinden uns gerade in der Phase der vertraglichen und rechtlichen Beendigung. Sie ist noch nicht abgeschlossen“, sagte Trappier.Von der deutsch-französischen Missstimmung zeigten sich Senatoren aller Parteien beunruhigt. Verteidigungsminister Boris Pistorius sagte am Mittwoch kurzfristig eine Reise nach Paris ab. Eigentlich sollte er gemeinsam mit dem ehemaligen Verteidigungsminister, Premierminister Sébastien Lecornu, in der deutschen Botschaft in Paris auftreten.Bei der Senatsanhörung des Dassault-Chefs stand die Frage im Vordergrund, wie Frankreich ein Kampfflugzeug der sechsten Generation ohne einen finanzstarken deutschen Partner entwickeln könnte. Die Nachfragen der Senatoren waren geprägt von der Sorge, dass Deutschland künftig nationale Lösungen favorisiert.Helsing-Auftrag als „Provokation“Als „Provokation“ bezeichnete ein rechtsbürgerlicher Senator die jüngste Berliner Entscheidung, dem Rüstungsunternehmen Helsing einen Auftrag zur Entwicklung der digitalen Grundlage für künftige Luftkampfsysteme zu übertragen. Trappier bestätigte, dass dies eine Fortführung einer deutsch-französisch-spanischen Combat Cloud unwahrscheinlicher mache. Er verwies auch auf den für die Bundeswehr entwickelten eigenen Satellitenschwarm, der in Konkurrenz zum europäischen Projekt Iris 2 steht.Der Chef des französischen Rüstungsunternehmens Dassault äußerte in der Anhörung Bedauern über das Scheitern des Kampfflugzeugs. „Ich bin traurig und enttäuscht, dass es uns nicht gelungen ist, gemeinsam ein flugfähiges Flugzeug zu definieren“, sagte er. Die gesamte Arbeit der vergangenen neun Jahre werde aber genutzt werden, etwa bei Aerodynamik, Tarnkappeneigenschaften und Nutzlast.Trappier führte das Scheitern auf den Einstieg Spaniens zurück, womit sich das Gleichgewicht zugunsten von Airbus verschoben habe und es Dassault nicht mehr möglich gewesen sei, die vereinbarte Rolle als Architekt auszuüben. Das Anforderungsprofil für den künftigen französischen Flugzeugträger sei bereits 2017 formuliert worden.Frankreich verfolgt eigenen Plan BFrankreich verfolge fortan einen Plan B, sagte der Ausschussvorsitzende Cédric Perrin von den Republikanern. „Wir sind fest entschlossen, die Studien zu einem künftigen Kampfflugzeug fortzusetzen“, bestätigte Dassault-Chef Trappier. Bis 2035 soll ein Demonstrator für ein Kampfflugzeug der sechsten Generation entwickelt werden – mit Partnern.Trappier deutete an, dass es Gespräche gebe; der Name Saab fiel mehrmals. „Wir sind motiviert und in der Lage zu kooperieren, aber unter Spielregeln, die von Anfang an akzeptiert sind“, sagte er. Er sei von der Presse vielfach missverstanden worden. Dassault arbeite ohnehin im Verbund mit den Unternehmen Safran und Thales. Technologisch seien sie zu dritt in der Lage, ein Kampfflugzeug zu bauen, wünschenswert seien aber Partnerschaften.Auf Nachfrage schloss er aus, dass die Entwicklung von unbemannten Kampfdrohnen dazu führen könne, dass keine Kampfflugzeuge mehr gebraucht würden. „Das Kampfflugzeug bleibt das wichtigste Instrument der Luftüberlegenheit“, sagte er. Ziel für das Kampfflugzeug der sechsten Generation sei ein Gewicht von elf Tonnen. Bis 2035 werde aber noch kein Triebwerk für den Demonstrator entwickelt sein.Einziges europäisches Kampfflugzeug ist amerikanischDerzeit sei das einzige europäische Kampfflugzeug unbestritten ein amerikanisches, die F-35. Trappier äußerte Zweifel, dass es den Europäern bei dem derzeitigen Vorgehen gelingen könnte, ein einziges Modell zu entwickeln. Die Amerikaner würden auch nicht im Konsensverfahren vorgehen, sondern im Alleingang entscheiden.Vor dem Ausschuss wurde darüber diskutiert, ob das deutsch-französische Panzerprojekt MGCS ebenfalls in Gefahr sei. Der Niedergang der deutschen Automobil- und Chemieindustrie gehe einher mit einem Aufwuchs der deutschen Rüstungsindustrie. Trappier sagte: „Der Kampf an der Landfahrzeugfront ist voll entbrannt.“ Zumindest sei aber die Rüstungsindustrie nicht mehr mit Stigma behaftet. Die EU-Kommission in Brüssel habe ihre berüchtigte Taxonomie zur Rüstungsindustrie aufgegeben.Trappier plädierte für eine „pragmatische Zusammenarbeit kooperationswilliger Staaten“. Beim nächsten deutsch-französischen Ministerrat in Berlin am 17. Juli sollen mehrere Rüstungsprojekte verkündet werden, darunter der Aufbau eines Frühwarnsystems zur Raketenabwehr sowie Kapazitäten für Präzisionsschläge („deep strikes“).
FCAS-Aus: Frankreich fürchtet deutsche Alleingänge
Das Projekt für ein deutsch-französisches Kampfflugzeug ist gescheitert. Paris arbeitet an einem Plan B – und Berliner Entscheidungen stoßen auf Kritik.






