KommentarDer Börsengang von SpaceX zeigt den Kapitalismus von seiner besten und von seiner schlechtesten Seite KI und Raumfahrt: Diese technologischen Revolutionen sind ohne Hype und die Gier der breiten Masse nicht möglich. Rationale Investoren finanzieren keine Science-Fiction-Abenteuer.12.06.2026, 18.10 Uhr3 LeseminutenElon Musk ist auf dem Weg zum Mars. Die Käufer seiner SpaceX-Aktien werden am Boden zurückbleiben.Wenn nicht alles täuscht, ist soeben die riskanteste Aktie der Welt an die Börse gelangt: SpaceX. Die Investoren – unter ihnen Hunderttausende von Kleinanlegern – finanzieren ein visionäres Grossprojekt mit sehr ungewissem Ausgang: die interplanetare Zukunft der Menschheit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Börsenprospekt von SpaceX ist eine eigentliche Science-Fiction-Erzählung. Sie reicht von der Kolonisierung des Mars über den Abbau von Rohstoffen auf Asteroiden bis hin zum Bau von Datencentern im Orbit.Und auch der Mann, der diese waghalsigen Ziele vorgibt, scheint nicht von dieser Welt zu sein. Elon Musk darf man mit Fug und Recht als unternehmerisches Ausnahmetalent bezeichnen. Vielleicht sogar als Jahrhunderttalent. Ohne ihn hätte sich die Elektromobilität nicht so rasch durchgesetzt. Ohne ihn wäre die Raumfahrt noch immer ein verschlafenes, parastaatliches Monopol.Menschliches PulverfassDoch Musk, der dank seinen Stimmrechtsaktien bei SpaceX das alleinige Sagen hat, ist auch ein menschliches Pulverfass. Sein Leben besteht aus «grossen Höhen, schrecklichen Tiefen und unerbittlichem Stress», wie er selbst es einmal formulierte.Musk gerät manchmal in einen Zustand, den sein Umfeld «Dämonen-Modus» nennt. Dann wird er komplett gefühlskalt, extrem fordernd und verbal aggressiv. Und bekanntlich experimentiert Musk mit Ketamin und anderen bewusstseinserweiternden Substanzen.Diesem nicht immer zurechnungsfähigen Unternehmer vertrauen sich die Investoren nun bedingungslos an. Niemand kann Musk bei SpaceX entlassen, niemand seine Entscheidungen infrage stellen. Womöglich wird seine erste Handlung bei der kotierten SpaceX sein, diese mit «seiner» Tesla zu fusionieren, die auch schon erfolgreicher war.Die Anleger sehen auch noch reichlich wenig von der Erfolgsgeschichte, die Musk ihnen in Aussicht stellt. Letztes Jahr fuhr SpaceX einen Verlust von 5 Milliarden Dollar ein.Kaum ein Geschäftsmodell ist kapitalintensiver als die Raumfahrt. Kaum eine unternehmerische Initiative erfordert mehr Ressourcen als der Ausbau der KI-Infrastruktur. SpaceX macht beides gleichzeitig.Investoren, die sich in dieses unwägbare Abenteuer stürzen, müssten von Musk eigentlich hohe Risikoprämien einfordern. Sie haben exakt das Gegenteil getan. Die Bewertung der SpaceX-Aktien bewegt sich in stratosphärischen Höhen.Wie russisches Roulette mit mehreren PatronenEin waghalsiges Geschäftsmodell, gepaart mit einer extrem hohen Bewertung der Aktien, potenziert die Risiken für Anleger. Es ist, als würden sie russisches Roulette spielen mit mehreren Patronen in der Trommel. Aktionäre, die ihre SpaceX-Aktien nicht rasch wieder auf den Markt werfen, werden mit diesen Titeln wahrscheinlich Geld verlieren.Eigentlich finanzieren rationale Investoren keine Science-Fiction. Ein Börsengang wie jener von SpaceX ist in keinem Lehrbuch vorgesehen. Er zeigt gleichzeitig die besten und die schlechtesten Seiten des Kapitalismus amerikanischer Ausprägung.Nur dem amerikanischen Kapitalmarkt gelingt es, derart extreme unternehmerische Risiken an private Investoren abzutreten, wie dies nun bei SpaceX geschieht. Nur in Nordamerika gibt es einen so tief verwurzelten Glauben daran, dass Ingenieurskunst und Wagniskapital jedes Problem lösen können – selbst die Abhängigkeit der Menschheit von einem einzigen Planeten.Die Kehrseite der Medaille: Die euphorisierten Anleger gehen gerade sehr hohe Risiken ein bei einem geringen Kurspotenzial. Denn dieses haben bereits die Kapitalgeber der ersten Stunde abgeschöpft, die SpaceX bisher finanzierten.Ohne die Gier der breiten Masse geht es nichtWürde sich die Börse rein an Fundamentaldaten orientieren, wäre ein SpaceX-IPO in dieser Dimension unmöglich gewesen. Die endlos lange Reise zum Mars, bei der die Grenzen der Physik ausgelotet werden müssen und reihenweise Raketen explodieren, lässt sich nicht in einen seriösen Businessplan übersetzen.Schon die Wirtschaftsgeschichte zeigt: Technologische Revolutionen gibt es in aller Regel nur um den Preis einer Finanzblase. Das war so beim Eisenbahn-Boom im 19. Jahrhundert oder bei der Elektrifizierung in den 1920er Jahren. Und natürlich bei der Dotcom-Blase der späten 1990er Jahre.In all diesen Phasen flossen durch wilde Spekulation grosse Mengen an Kapital in neue Technologien. Die Blase platzte, Millionen von Anlegern verloren ihr Geld und manchmal sogar ihre Existenz. Aber die physische Infrastruktur – die verlegten Eisenbahnschienen, die Stromnetze, die Glasfaserkabel für das Internet – blieb bestehen.Auf den Trümmern der Spekulation entstand in der Folge ein breiter Nutzen für die Länder, in denen diese Infrastrukturen finanziert, gebaut und schliesslich auf null abgeschrieben wurden.Die Finanzierung von disruptiver Technologie ist ohne grenzenlose Gier, irrationalen Überschwang und hohe Verluste nicht denkbar. Zumal wenn sie so viel Kapital erfordert wie KI und Raumfahrt.Es ist eigentlich egal, wie dieser Börsengang für die Aktionäre ausgeht: SpaceX wird den USA einen gewaltigen Schub nach vorne verleihen. Auch im Wettlauf mit China, bei dem die Weltraumwirtschaft und KI eine grosse Rolle spielen dürften.2 KommentareMaik Rothe vor 9 MinutenIch bin beeindruckt. Und ich merke immer mehr, was Europa ist. Ein Museum.Daniel Stirnimann vor 15 MinutenSoll sich dann keine(r) beschweren, wenn ihr/sein Alterskapital den Klo runter geht. Das hier ist eben kein "Lösli" für 5 Franken.Passend zum Artikel