The Big Picture

Der Börsengang des Weltraumunternehmens von Elon Musk sprengt alle bisherigen Rekorde. Lohnt sich eine Investition in SpaceX? Und werden die Finanzmärkte diese Transaktion überhaupt verdauen können? «Unsere Mission ist es, die Systeme und Technologien zu bauen, die notwendig sind, um das Leben multiplanetar zu machen, die wahre Natur des Universums zu verstehen und das Licht des Bewusstseins zu den Sternen zu tragen.»Mission Statement von SpaceX, im Prospekt zur PublikumsöffnungOptimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

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Bitte passen Sie die Einstellungen an.«It's a trap!»Admiral Ackbar, in: «Star Wars: Return of the Jedi» (1983)Heute in einer Woche, am 12. Juni 2026, wird Wirtschaftsgeschichte geschrieben: SpaceX öffnet sich dem Publikum. Es ist der mit Abstand grösste Börsengang aller Zeiten. Das von Elon Musk geführte Weltraumunternehmen soll nach dem IPO (Initial Public Offering) an der US-Technologiebörse Nasdaq eine Marktkapitalisierung von fast 1,8 Bio. $ auf die Waage bringen – und würde sich umgehend in den Top Ten der wertvollsten Unternehmen der Welt einreihen.Doch SpaceX ist weit mehr als ein spektakulärer Börsengang.Es ist ein Test.Ein Test für die Hausse rund um das Thema künstliche Intelligenz (KI), das die Aktienmärkte seit dreieinhalb Jahren dominiert. Ein Test für die Bereitschaft der Investoren, einem wolkigen Narrativ Glauben zu schenken, weil es von einer visionären Figur präsentiert wird. Und es ist ein Test für die Fähigkeit der Finanzmärkte, eine derart grosse Aktienemission zu absorbieren.Wir befassen uns im dieswöchigen «Big Picture» mit dem Geschäftsmodell von SpaceX, den Eckwerten der Transaktion sowie der Frage, ob es sich empfiehlt, die Aktien zu kaufen. Zudem widmen wir uns der grösseren Frage, was das IPO für die Verfassung der Finanzmärkte bedeutet.Inhaltsverzeichnis SpaceX, das Unternehmen Ein IPO für die Geschichtsbücher Soll man in SpaceX investieren? Gezeitenwechsel an den Finanzmärkten SpaceX, das Unternehmen Die Space Exploration Technologies Corporation, gegründet 2002 von Elon Musk, hat sich das Ziel gesetzt, die Kosten für Raumtransporte drastisch zu senken, die Besiedlung des Mars zu ermöglichen und die Menschheit zu einer multiplanetaren Spezies zu machen.Mit der Entwicklung der Trägerraketen «Falcon 9» und «Falcon Heavy» hat SpaceX das erste Ziel erreicht; es hat sich als Kostenführer und wettbewerbsfähigster Anbieter für Transporte ins All etabliert. Quasi nebenbei, um Skaleneffekte zu erreichen und den verfügbaren Laderaum in den Falcon-Raketen auszunützen, hat SpaceX mit Starlink ein überaus profitables, auf mehr als 9600 Satelliten gestütztes Angebot von Internet-Konnektivität etabliert.Im März dieses Jahres fusionierte Musk SpaceX mit seinem KI-Unternehmen xAI, das primär den Chatbot Grok sowie die Social-Media-Plattform X (vormals Twitter) umfasst. Seit der Fusion gliedert der Konzern sein Geschäft in die drei Bereiche Space (Raketentransporte), Connectivity (Starlink) und AI (xAI).Wie das alles zusammenpasst und welche Visionen SpaceX verfolgt, versucht Finanzchef Bret Johnsen in einem 17-minütigen Promotionsvideo für das IPO von SpaceX zu erklären.Mit dem Angebotsprospekt publiziert SpaceX erstmals konsolidierte Geschäftszahlen. 2025 schrieb der Konzern einen Umsatz von knapp 18,7 Mrd. $ – ein Wachstum von 33% gegenüber dem Vorjahr – und einen operativen Verlust von 2,6 Mrd. $. Die der Erfolgsrechnung belasteten Ausgaben für Forschung und Entwicklung (R&D) beliefen sich 2025 auf 8,6 Mrd. $.Für das erste Quartal des laufenden Jahres weist SpaceX einen Umsatz von 4,7 Mrd. $ sowie einen operativen Verlust von etwas mehr als 1,9 Mrd. $ aus.Connectivity (Starlink) ist die mit Abstand grösste und profitabelste Sparte; sie erreichte 2025 einen Umsatz von 11,4 Mrd. $ und einen Betriebsgewinn von 4,4 Mrd. $. Die anderen beiden Sparten sind leicht (Space) bis deutlich (AI) defizitär.Vor der Fusion mit xAI hätte sich SpaceX also als durchaus profitables, anständig wachsendes Unternehmen in den Bereichen Raketentransporte und satellitenbasierte Internet-Dienste dem Börsenpublikum präsentieren können. Doch Musk hat dem Unternehmen kurz vor dem IPO einen KI-Anstrich gegeben.Wie extrem dieser ausfällt, wird deutlich, wenn man das Marktpotenzial betrachtet, das SpaceX im Börsenprospekt für seine drei Geschäftsfelder skizziert. Der «Total Addressable Market» (TAM) wird auf insgesamt 28,5 Bio. $ (28'500 Mrd.) beziffert – was eine heroische Annahme ist. Zum Vergleich: Der Taxidienst Uber bezifferte vor dem IPO im Jahr 2019 seinen TAM in 175 Ländern auf astronomische 5,7 Bio. $ – was damals alle bisherigen Normen sprengte.Erhellend ist die Aufteilung des TAM von SpaceX: Unterteilung des «Total Addressable Market» (TAM) von SpaceX, gegliedert nach den Geschäftsfeldern Space, Connectivity und AI. Quelle: SpaceX Dem Segment Space, dem eigentlichen Kerngeschäft, wird ein TAM von «nur» 370 Mrd. $ zugerechnet. Das Segment Connectivity (Starlink) kommt auf einen TAM von 1,6 Bio. $. Die gesamte restliche zukünftige Wachstumsfantasie wird dem Segment AI zugerechnet, wobei ein Potenzial von satten 22,7 Bio. $ dem Bereich «Enterprise Applications» zugeordnet wird.Damit wird deutlich: SpaceX ist ein erfolgreiches Raumfahrtunternehmen. Im Angebotsprospekt werden auf Dutzenden Bildern startende Raketen gezeigt, und die Vision, den Mars zu besiedeln, liefert spektakuläre Schlagzeilen. Doch die Verkaufsstory, das Narrativ, für den Börsengang ist unzweideutig eine andere: SpaceX ist ein KI-Unternehmen. Ein IPO für die Geschichtsbücher SpaceX wird am 12. Juni insgesamt 555'555'555 neue Aktien emittieren und für den Handel am Nasdaq Stock Market zulassen. Der Angebotspreis wird offiziell erst am Abend des 11. Juni definiert, aber SpaceX hat bereits kommuniziert, dass dieser bei 135 $ je Aktie liegen soll. Auf Basis dieses Preises wird SpaceX eine Marktkapitalisierung von 1,77 Bio. $ erreichen. Der offizielle Handel beginnt am 12. Juni. Das Tickersymbol ist SPCX.Mit der Emission werden SpaceX frische Mittel in Höhe von 75 Mrd. $ zufliessen. Inklusive Mehrzuteilungsoption der Banken («Greenshoe») beläuft sich das Emissionsvolumen auf gut 86 Mrd. $, was die Transaktion zum mit Abstand grössten IPO der Geschichte macht. Der bisherige Rekordhalter, Saudi Aramco, nahm 2019 in Riad 29 Mrd. $ ein. Das bisher grösste IPO in New York, jenes des chinesischen Internetkonzerns Alibaba im September 2014, kam auf 25 Mrd. $.Die Altaktionäre verkaufen (noch) keine Titel, das heisst, der Emissionserlös fliesst in die Kassen von SpaceX. Damit will der Konzern Kapitalinvestitionen und R&D-Aufwendungen finanzieren. Musk hat beispielsweise bereits angekündigt, dass die Zahl der Starlink-Satelliten von heute knapp 10'000 auf mehr als 100'000 steigen soll.Die Zahl der frei handelbaren Titel («Free Float») entspricht in der ersten Phase nur 4,2% der ausstehenden Aktien. Über eine duale Aktienstruktur hat sich Elon Musk die Kontrolle über SpaceX gesichert; er wird rund 80% der Stimmen kontrollieren.23 Banken sind an der Platzierung beteiligt, mit Goldman Sachs, Morgan Stanley, JPMorgan, Bank of America und Citigroup in der Führungsrolle. Auch UBS und Deutsche Bank sind dabei. Den Banken winkt insgesamt ein Gebührenpool von rund 850 Mio. $ – entsprechend frenetisch rühren sie die Werbetrommel. Jamie Dimon, der mächtige CEO von JPMorgan, führte am Donnerstag vor Kunden der Bank ein äusserst wohlwollendes Live-Gespräch mit Musk.Gemäss einem Bericht der «Financial Times» prognostiziert Goldman Sachs in Verkaufsgesprächen mit Investoren, dass sich der Umsatz von SpaceX allein in der KI-Sparte bis 2030 auf gut 320 Mrd. $ verhundertfachen (sic!) soll.Der Börsenbetreiber Nasdaq hat seine Indexregeln angepasst und wird SpaceX bereits nach 15 Handelstagen in den prestigeträchtigen Nasdaq 100 aufnehmen. Für das Gewicht im Index wird der Free Float zudem verdreifacht, das heisst, es fliesst ein Free Float von 12,6% in die Kalkulation ein. In die Indizes von FTSE Russell wird SpaceX voraussichtlich nach fünf Handelstagen aufgenommen. Die Regeln von MSCI erlauben eine Aufnahme nach zehn Handelstagen, was bedeutet, dass SpaceX voraussichtlich auch bald in den verbreiteten Welt-Indizes von MSCI enthalten sein wird. Passive Investoren, die den Index abbilden, werden demnach bald auf indirektem Weg auch Aktionäre von SpaceX sein.Gegen diesen Trend stemmt sich bislang S&P Dow Jones: Der Indexbetreiber hat angekündigt, dass er seine Regeln auch für Mega-IPO-Transaktionen nicht anpasst. Nach aktuellem Wissensstand würde sich SpaceX daher frühestens zwölf Monate nach dem IPO für eine Aufnahme in den S&P 500 qualifizieren.Eine der wichtigsten Besonderheiten des IPO betrifft die Verkaufsbeschränkungen für Altaktionäre. Normalerweise unterliegen diese einer sogenannten Lock-up-Periode von mindestens 180 Tagen, während der sie keine Titel verkaufen dürfen. Das ist bei SpaceX nicht der Fall. Wie im revidierten Angebotsprospekt auf den Seiten 258 und 259 zu entnehmen ist, haben die Altaktionäre explizit die Erlaubnis, bereits in den kommenden Wochen und Monaten Aktienpakete zu verkaufen. So können beispielsweise nach Abschluss des zweiten Geschäftsquartals am 30. Juni bis zu 20% der ausstehenden Aktien auf den Markt geworfen werden. Sollte der Aktienkurs mehr als 30% über den Ausgabepreis steigen, können die Altaktionäre weitere 10% veräussern. Elon Musk selbst darf allerdings keine Aktien verkaufen. Soll man in SpaceX investieren? Unsere kurze Antwort: Nein.SpaceX öffnet sich zu einem sehr späten Zeitpunkt zu einer hohen Bewertung dem Publikum. Risikokapitalgeber und institutionelle Investoren hatten schon in diversen Finanzierungsrunden die Möglichkeit, sich zu viel geringeren Bewertungen einzukaufen. Diese – u.a. Andreessen Horowitz, Sequoia Capital, Founders Fund, Coatue, Gigafund, Valor Management, etc. – werden nach dem IPO auf gigantischen Buchgewinnen sitzen. Die grosszügigen Lock-up-Ausnahmen können von den Altaktionären genutzt werden, einen Teil ihrer Gewinne zu realisieren.Die Art und Weise, wie SpaceX kurz vor dem Börsengang mit xAI vermählt wurde, deutet stark darauf hin, dass die «KI Story» für das IPO aufgepumpt werden musste, um eine hohe Bewertung zu erreichen: SpaceX kommt fast zum hundertfachen Umsatz des vergangenen Geschäftsjahres an die Börse.KI ist zwar momentan das heisseste Thema an den Aktienmärkten, aber just in diesem Bereich müssen sich Investoren in Bezug auf SpaceX die unbequemsten Fragen stellen: Woher genau soll der «Total Addressable Market» von mehr als 20 Bio. $ für KI-Lösungen für Unternehmen stammen?Ist es nicht just in diesem Bereich, in dem sich der härteste Konkurrenzkampf zwischen grossen Anbietern von KI-Modellen abzeichnet? Wieso genau sollte SpaceX diesen Kampf gegen formidable Rivalen wie Alphabet, OpenAI, Anthropic sowie, aus China, Alibaba oder DeepSeek, gewinnen können?In den Bereichen Raketentransporte und Starlink besitzt SpaceX echte Konkurrenzvorteile, aber im Bereich KI sind sie, zumindest für uns, nicht ersichtlich. Ein Teil des KI-Narrativs ist zwar, dass SpaceX dereinst dezentrale, satellitenbasierte Rechenzentren betreiben kann, deren Energieversorgung und Kühlung im All nichts kostet. Aber auch damit lässt sich das skizzierte Marktpotenzial kaum rechtfertigen.Aswath Damodaran, Professor an der Stern School of Business der New York University, hat sich in seinem stets lesenswerten Blog «Musings on Markets» eingehend mit der Bewertung von SpaceX befasst. Auch mit ambitionierten Annahmen punkto Wachstum und Profitabilität kommt Damodaran zum Schluss, dass der IPO-Preis deutlich über dem fairen Wert von SpaceX liegt. Er sieht einen fairen Wert von etwas weniger als 100 $ je Aktie.«A Loaded Bet on AI!» – «Eine Grosswette auf KI!» nennt Damodaran das Narrativ für den Börsengang von SpaceX.Wir teilen seine Meinung.Dies gesagt: Selbstverständlich ist es möglich, dass sich Millionen von «Musk Fanboys» in den ersten Handelstagen auf die Aktien stürzen werden. Die involvierten Banken, die Altaktionäre, Musk selbst – sie alle haben ein Interesse daran, dass der Aktienkurs steigt. Der Verkaufsdruck droht aber rasch zuzunehmen, sobald die ersten Lock-up-Fristen fallen und die Altaktionäre verkaufen.Vor diesem Hintergrund sehen wir SpaceX bestenfalls als Objekt zur Spekulation – ein Feld, auf dem wir uns nicht bewegen –, nicht aber zur Investition. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Mega-Börsengänge in der Vergangenheit in der kurzen bis mittleren Frist oft viel Hype, aber wenig Gewinn gebracht haben, wie Kollege Christoph Gisiger an dieser Stelle zeigt.Bleibt noch die Frage, ob der Markt überhaupt in der Lage ist, eine derart grosse Emission zu absorbieren. Gezeitenwechsel an den Finanzmärkten SpaceX ist nur der Beginn. Die beiden KI-Pioniere Anthropic und OpenAI stehen ebenfalls in den Startlöchern und planen ihr IPO im Herbst. Um diesen Transaktionen zuvorzukommen, hat das Google-Mutterhaus Alphabet zu Beginn dieser Woche eine Aktienkapitalerhöhung über 85 Mrd. $ angekündigt.86 Mrd. $ für SpaceX, 85 Mrd. für Alphabet, voraussichtlich je rund 60 Mrd. $ für Anthropic und OpenAI: Ist das zu viel?Ein Signal, dass es den Märkten mulmig wird und die Liquiditätslage angespannt ist, liefert der Preis von Bitcoin. Er ist seit Mitte Mai von 80'000 auf 60'000 $ gefallen.Ängste, dass die IPO-Transaktionen den Markt überlasten, hält der auf Liquiditätsanalyse spezialisierte Michael Howell von CrossBorder Capital in London allerdings für übertrieben. 300 Mrd. $ sind nicht mehr als 0,5% der Kapitalisierung des gesamten US-Aktienmarktes, rechnet Howell vor. Zwar werden die Gewichtsveränderungen in den Indizes in passiven Fonds zu erzwungenen Umschichtungen führen, aber der vergleichsweise geringe Free Float – das wird auch bei Anthropic und OpenAI so sein – wird diesen Effekt entschärfen.In erster Linie wird SpaceX ein Test für das Sentiment sein, wie stark das Thema KI an den Börsen immer noch zieht – oder ob dieser Boom allmählich müde wird. Die harsche Reaktion auf den enttäuschenden Ausblick des Chipkonzerns Broadcom von Mitte Woche zeigte, dass die Marktteilnehmer selektiv vorgehen und besonders im Halbleitersektor die Stimmung kurzfristig zu heiss gelaufen ist.Deutlich spannender ist jedoch das grössere Bild: Das IPO von SpaceX fällt nämlich just die Periode, in der sich an den Börsen einer der fundamentalsten Gezeitenwechsel der jüngeren Geschichte abspielt. Diesen Gezeitenwechsel illustriert die folgende Grafik von BCA Research: Finanz-Cashflows von Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta und Oracle, pro Quartal, in Mrd. $. Quelle: BCA Die Balken zeigen den quartalsweisen Cashflow aus Finanzierungen der grossen Tech-Konzerne Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta und Oracle seit 2017.Balken im negativen Bereich (d.h. ein negativer Cashflow aus Finanzierungen) bedeuten, dass die Unternehmen während dieser Zeit laufend Kapital an ihre Geldgeber zurückgeführt haben: über die Rückzahlung von Schulden, über Aktienrückkäufe und/oder über Ausschüttungen von Dividenden.Während Jahren haben die grossen Tech-Konzerne Kapital in Höhe von Hunderten Milliarden an ihre Aktionäre ausgeschüttet. Das war auch 2024 und 2025 noch so, obwohl sie in diesen Jahren ihre Kapitalinvestitionen für den Bau von Rechenzentren kräftig in die Höhe schraubten; sie konnten diese Investitionen aus ihrem operativen Cashflow finanzieren und trotzdem noch Aktien zurückkaufen.Ende 2025 hat die Dynamik jedoch gedreht: Seither weisen die Tech-Giganten einen positiven Cashflow aus Finanzierungen aus, was bedeutet, dass sie wieder Kapital aufnehmen. Bislang lief das primär über Emissionen an den Bondmärkten – im Fall von Alphabet und Amazon übrigens auch in der Schweiz. Alphabet hat nun den Startschuss gegeben und zeigt, dass auch die Aufnahme von neuem Aktienkapital nicht Tabu ist.Damit verändert sich das Angebot an den Aktienmärkten:Aktienrückkäufe und Firmenübernahmen verknappen das Angebot. Primär- (IPO) und Sekundärplatzierungen (Kapitalerhöhungen) erhöhen das Angebot.Kumuliert betrachtet standen die vergangenen gut 15 Jahre besonders in den USA unter dem Mantra einer stetigen Angebotsverknappung an den Börsen. Wie Jurrien Timmer, globaler Makrostratege von Fidelity Investments, vorrechnet, wurden seit 2009 über Rückkäufe und M&A-Transaktionen Aktien im Wert von kumuliert rund 29 Bio. $ vernichtet. Die grossen Tech-Konzerne spielten dabei nicht die einzige, aber eine substanzielle Rolle. Über Börsengänge und Kapitalerhöhungen wurde das Angebot am US-Aktienmarkt dagegen nur um gut 3,5 Bio. $ erhöht.Kurz gesagt: Die vergangenen 15 Jahre waren eine Periode ununterbrochener Angebotsverknappung an den Aktienmärkten. Doch nun dreht die Dynamik. Kapitalinvestitionen (Capex) werden in den Allokationsentscheidungen der Unternehmensführer wieder wichtiger, und das bedeutet zwangsläufig, dass weniger Kapital für Aktienrückkäufe zur Verfügung steht.Unter den Tech-Kolossen ist dieser Effekt am extremsten – Alphabet kauft seit dem ersten Quartal dieses Jahres keine Aktien mehr zurück –, doch der Trend ist breiter. Wie eine Analyse von BCA zeigt, nimmt bei den Unternehmen im S&P 500 die Bedeutung von Kapitalinvestitionen seit drei Jahren laufend zu, während die Ausschüttungen abnehmen. Unternehmen im S&P 500: Verwendung des operativen Cashflows für Dividenden (hellbraun), Aktienrückkäufe (grün) und Kapitalinvestitionen (schwarz; obere Hälfte). Untere Hälfte der Grafik: Total Shareholder Distributions = Aktienrückkäufe plus Dividenden. Quelle: BCA Das IPO von SpaceX schreibt diesen Trend ebenso fort wie die kommenden Börsengänge von Anthropic und OpenAI. Ein Boom in den Kapitalinvestitionen hat begonnen. Die Zeit, als Kapital im Überfluss vorhanden war und Unmengen davon als «überschüssig» deklariert und an die Aktionäre ausgeschüttet werden konnte, ist vorbei.