Wer demnächst nachts in Berlin am Schloss Bellevue vorbeifährt, könnte Ungewöhnliches bemerken. Alles ist dunkel, aber von drinnen aus dem Schloss blinkt es nach draußen: drei kurze Lichtsignale, drei lange, wieder drei kurze – das SOS-Zeichen des Morsecodes. Was ist los? Ist die Bundespolizei nicht sowieso vor Ort im Einsatz beim Amtssitz des Bundespräsidenten? Ist der in Not? Wieso ist nachts überhaupt jemand hier? Frank-Walter Steinmeier wohnt doch mit seiner Frau Elke Büdenbender in seiner Dienstvilla in Berlin-Dahlem und schläft auch dort, heißt es immer. Oder wer sendet die Signale?Tatsächlich ist das Schloss Bellevue leer. Steinmeier ist aus- und mit seiner Behörde umgezogen in ein Ausweichquartier, das jetzt offiziell „Sitz des Bundespräsidenten am Spreebogen“ genannt wird. Im Schloss, das Bundespräsident Herzog früher schon eine „Bruchbude“ genannt hat, und im Präsidialamtsgebäude daneben wird demnächst renoviert. Die Möbel sind schon weg, die Gemälde, die hier als Leihgaben hingen, wurden abgenommen und sind zurückgegangen. Was nach der Renovierung – sie soll acht Jahre dauern – hier hängen wird, entscheidet dann der nächste Bundespräsident oder die Bundespräsidentin.

Noch bevor die Arbeiten beginnen, dürfen aber alle kommen, das Volk soll ins Schloss Bellevue, so hat es Frank-Walter Steinmeier beschlossen und die Räume für zwei Wochen der Akademie der Künste für eine Pop-up-Galerie zur Verfügung gestellt: „Freiraum Kunst“ (das steht jetzt auch groß auf dem Dach) heißt die Ausstellung, in der der politische Ort reflektiert und in seiner Leere selbst zum Exponat werden soll. Der Andrang war so groß, dass bei Bekanntgabe der Server sofort zusammenbrach: 500.000 Menschen wollten innerhalb der ersten Stunde online Tickets reservieren, die auch jetzt noch nicht alle weg sind, sondern erst nach und nach freigeschaltet werden. Viele mögen vor allem an den Räumlichkeiten des Schlosses selbst interessiert sein, das sonst nur vom Zaun aus zu sehen ist – aber auch das gehört ja zum Konzept. Wer einmal da ist, ist auch schon im Dialog mit der Kunst, ist Teil des „Stoffwechsels“, wie der Präsident der Akademie der Künste, Manos Tsangaris, das nennt.„Haaalloooo!“Dass die Bevölkerung nachts per SOS-Signal ins Schloss gerufen wird, ist dabei eine schöne Metapher dafür, dass ohne die Bevölkerung die Politik nichts ist, Bürgerinnen und Bürger also immer wieder zur Teilhabe aufgerufen und auch umworben werden müssen, damit Demokratie funktionieren kann. Kommt man ins leere Schloss hinein, ruft dann gleich wieder jemand um Hilfe, jedenfalls klingt es so. Es ist ein Rufen, das aus einer der Vergitterungen in der Ecke am Fenster der Eingangshalle zu dringen scheint, die man auch für eine Belüftungsanlage halten könnte: „Hallo!“ Pause. Dann wieder: „Haaalllloooo!“ Das geht die ganze Zeit so und klingt irgendwann ziemlich verzweifelt. Jochen Gerz, „Rufen bis zur Erschöpfung“, 1972. VideostillJochen Gerz/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Zu wem die Stimme gehört, erschließt sich in den nächsten Räumen, wo zunächst nur das dazugehörige Video ohne Ton zu sehen ist, in der oberen Etage dann beides zusammen: Es ist das „Rufen bis zur Erschöpfung“, das der Künstler Jochen Gerz 1972 in einer seiner Performances dokumentiert hat. Auf dem Baugelände des späteren Flughafens Charles de Gaulle sieht man Gerz in einer Entfernung von 60 Metern vor Kamera und Mikrofon stehen, er ruft so lange, bis ihm die Stimme versagt. Wenn das Werk jetzt im politischen Raum gezeigt werde, dann lege es nicht nur die fragile Beziehung aus Sprechen und Gehörtwerden frei, sagt der Kurator der Ausstellung und Vizepräsident der Berliner Akademie der Künste, Anh-Linh Ngo. Die Kluft zwischen dem Versprechen von Teilhabe und ausbleibender Wirkung erzeuge Enttäuschung und untergrabe das Vertrauen in demokratische Prozesse. Es sei auch ein Spiegel unserer Zeit in der Weise, dass wir in den sozialen Medien oft nichts anderes tun, als „Hallo!“ zu rufen, gesehen werden wollen, nach Aufmerksamkeit schreien: „Kommunikation erschöpft sich oft im Vollzug, Präsenz suggeriert Selbstwirksamkeit, ohne sie einzulösen.“In der Eingangshalle, in der bis vor Kurzem noch eine Ahnengalerie mit Porträts von Friedrich Ebert, dem ersten Reichspräsidenten, und Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten, zu sehen war, hängt jetzt noch etwas anderes: das riesige Porträt einer jungen Frau mit rot-orangefarbenen Haaren, großen Creolen, zeitgemäßen XXL-Wimpern und geboosterten Lippen, die einen an eine Doppelgängerin entweder der Autorin Ronja von Rönne oder an die Schauspielerin Palina Rojinski erinnert oder an beide zusammen. „Die Bundespräsidentin“ heißt das Bild, das der Künstler El Bocho 2026 angefertigt hat. Die leer gewordene Stelle der Ahnengalerie füllt er im Street-Art-Stil, mit etwas also, das in diesen Räumen sonst nicht da ist – und stellt implizit die Frage, wann in Bellevue die erste Bundespräsidentin einziehen wird. Dem Porträt gegenüber hängt eine anonyme Herrenrunde, Anzugmänner mit Krawatten, deren Gesichter abgeschnitten sind. Der orangene Hintergrund verweist dabei auf die Haarfarbe der Bundespräsidentin gegenüber. Das neue Zeitalter scheint offenbar schon begonnen zu haben, das Männergruppen-Bild heißt einfach nur „Die Alten“, 2026. „Wir sind kein Soziologenclub!“„Wir sind kein Soziologenklub“, sagt Akademie-Präsident Tsangaris im Gespräch, sie hätten deshalb auch nicht irgendwelche vermeintlich politischen Künstler ausgewählt. Auch der Kurator Anh-Linh Ngo sieht die Gefahr, dass Kunst nur noch als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln begriffen werde, das sei Kunst nicht. Stattdessen gehe es darum, Räume zu öffnen, auch Diskursräume. Wenn man in der Schau an den Werken von Wolfgang Tillmans, Katharina Grosse oder an der Riesencollage der Künstlerin Monica Bonvicini vorbeigekommen ist, die in dem Saal hängt, wo vor Kurzem noch vor einem Gemälde von Gotthard Graubner Entscheidungen getroffen wurden, erreicht man das „Büro der öffentlichen Sache“. Hier sollen in den nächsten Wochen Gespräche stattfinden, Lesungen, Performances – und auch ein „Kommunikationsmarathon“ unter dem Titel „Wir müssen reden!“. Besuchern soll auch die Möglichkeit gegeben werden, vor einer Kamera Statements über die Gesellschaft oder den Bundespräsidenten abzugeben, die mit einem Visualizer an die Wand geworfen werden. Die „Freiraum Kunst“-Installation des Künstlers Christian Awe auf dem Dach des AmtssitzesAFPFrank-Walter Steinmeier selbst wird auch vor Ort sein – in gleich mehreren Rollen und Formaten. Eigentlich sollte ein Raum für offizielle Termine und Reden reserviert bleiben, für die man ihn samt Einrichtung bis Baubeginn noch braucht. Es kann also durchaus sein, dass er vorbeikommt in den „zwei Körpern des Königs“, als Frank-Walter und als Bundespräsident. Die Künstlerin Karin Sander hat für diesen Raum darüber hinaus noch einen dritten Steinmeier entworfen – in 3D. Seit den 1990er-Jahren arbeitet Sander mit 3D-Körperscannern und reproduziert Personen in einem computergesteuerten, fotografischen Prozess. In Schloss Bellevue sehen wir den Bundespräsidenten im Maßstab 1:5 in 3D, 36 Zentimer hoch, auf einem Sockel mitten im Saal stehen – mit allerdings sehr grauer Farbgebung. Die „Logik der Stellvertretung“ werde hier als „technisches und symbolisches Arrangement“ greifbar, erläutert Anh-Linh Ngo, was sehr viel auratischer klingt, als die spielzeugartige Figur bei genauer Betrachtung anmutet. Vielleicht hätte man sie hier gar nicht allein auf einen Sockel, sondern inmitten einer Vielzahl von anderen 3D-Figuren zeigen sollen, die die Künstlerin Karin Sander schon angefertigt hat. Das hätte dann – als Sinnbild demokratischer Teilhabe – jene Menschen antizipiert, die jetzt alle ins leere Schloss kommen, weil man alarmiert nach ihnen ruft. „Freiraum Kunst. Akademie der Künste goes Bellevue“, Spreeweg 1, Berlin-Tiergarten, bis zum 28.6. Mo–Fr 11–19 Uhr, Sa, So 10–19 Uhr. Eintritt frei mit Zeitfenster-Ticket. Buchung hier.