Das bisher letzte Bild von Manuel Neuer im Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist nach wie vor ein altes. Erst schaut er am 5. Juli 2024 in Stuttgart erstaunt dem Kopfball von Mikel Merino hinterher, weil er sich in sein Tor senkt, danach traurig aus der leuchtend gelben Wäsche, weil sein Traum, den EM-Titel im eigenen Land zu gewinnen, durch das 1:2 gegen Spanien nach Verlängerung im Viertelfinale geplatzt ist.Die malade Wade sorgt für eine verzwickte LageNun, knapp zwei Jahre später, ist ter Stegen in San Sebastián, Neuer in Winston-Salem. Ter Stegen ist nicht die Nummer eins. Neuer ist es. Ter Stegen wird bei der WM, die am Donnerstag begonnen hat, nicht einmal dabei sein. Neuer schon. Vermutlich. Während ter Stegen sich im Urlaub im Baskenland von seiner nächsten größeren Verletzung erholt, regeneriert sich Neuer im deutschen WM-Camp im US-Bundestaat North Carolina von seiner nächsten kleineren Verletzung. Die malade Wade macht Probleme. Mal wieder.Sie brachte Neuer, aber auch den Bundestrainer, in eine etwas verzwickte Lage. Oliver Baumann sprang ein, für den zurückgetretenen Neuer, für den unglücklichen ter Stegen. Er spielte eine tadellose WM-Qualifikation und sah sich noch bis vor vier Wochen bei der Endrunde im Tor. Julian Nagelsmann sah dort trotzdem einen anderen – schon vor mehr als vier Wochen.Der Bundestrainer fragte Neuer, der sagte zu. Als die Rückkehr beschlossen, jedoch nicht kommuniziert war, zwickte wieder die linke Wade. Nachmittags machte der Muskel beim Bayern-Torwart zu, abends sitzt der Bundestrainer im Sportstudio. Doch da gab es bei Neuers Weg zurück für Nagelsmann „koan Weg zurück“ mehr. Nicht nur die Kommunikation verlief holprig.Seit Neuer auch wieder offiziell die Nummer eins der Nation im Fußballtor ist, war er nur im Training zu sehen. In Herzogenaurach. In Frankfurt. In Chicago. Und in Winston-Salem. Ein neues Bild von Neuer im deutschen Torwarttrikot gab es nicht. Bei den Tests gegen Finnland und die USA spielte Baumann. Danach sprach er über die für ihn schmerzhafte Rolle rückwärts im Tor: „Das war nicht ganz cool.“ Als Wadenbeißer geriert sich Baumann dennoch nicht, verliert kein böses Wort über Nagelsmanns Volte.Es bleiben einige Fragen im Fall Manuel NeuerOder spielt Baumann am Anfang doch wieder? Ob Neuer bereit ist, für den WM-Start am Sonntag (19.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) gegen Curaçao, ist nicht ausgemacht. Seit der Ankunft in Winston-Salem trainiert er zwar ohne sichtbare Probleme, stand am Dienstag auch erstmals in einem Trainingsspiel im Tor.Fragen aber bleiben: Hält die Wade? Klappt das Zusammenspiel mit den Verteidigern? Geht es ohne Spielpraxis? Ist Neuer mit nun 40 Jahren noch Weltklasse? Oder schlicht: Ergibt die Rückkehr mit all ihren Risiken und Nebenwirkungen überhaupt Sinn?Der Bundestrainer, der mit seiner Entscheidung dafür verantwortlich ist, dass diese Fragen gestellt werden, hat eine kurze und eine lange Antwort. Die kurze darauf, warum er sich kurzfristig für die riskante Wette auf Neuer entschied, geht so: „Weil es einfach Manuel Neuer ist.“ Die lange handelt von den drei derzeit besten deutschen Torhütern, den Titeln, der Qualität und von der Aura, die positiv auf eigene und negativ auf andere Spieler wirken soll.Und bei dieser langen Antwort sagt Nagelsmann dann etwas, das wohl als Hauptantrieb dient: dass Neuer ein Spieler sei, der „einfach sehr viele besondere Momente kreieren kann“ – die Hauptzutat für ein „Manuel-Neuer-Spiel“. Gegen Curaçao wird es das nicht brauchen, auch gegen die Elfenbeinküste und Ecuador eher nicht in der Vorrunde, in der durch den neuen Modus für ein Ausscheiden schon sehr viel zusammenkommen muss, noch mehr als bei den vermaledeiten WM-Kampagnen 2018 und 2022 zusammenkam.Der „Tag X“ mit einem „Manuel-Neuer-Spiel“So läuft das Nagelsmannsche Prinzip Hoffnung darauf hinaus, dass der Torwart zum Beispiel in einem möglichen Achtelfinale gegen Frankreich noch einmal ein „Manuel-Neuer-Spiel“ hat wie im Viertelfinale gegen Frankreich 2014. Oder wie zuvor im Achtelfinale gegen Algerien. Es ist die Hoffnung, dass Neuer der ist, der die Deutschen am Kipppunkt, den es für fast jede Mannschaft auf dem Weg Richtung Gipfel gibt, am Turnierbaum festhält.Dass er das noch kann, hat er vergangene Saison beim FC Bayern bewiesen: im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League bei Real Madrid. Beim Halbfinal-Rückspiel gegen Paris Saint-Germain, auch wenn die Münchner danach ausschieden. Möglich, dass eines dieser Spiele am „Tag X“ stattfand, den Nagelsmann nicht datieren wollte, der ihn aber in der Torwartfrage noch mal umbauen ließ.Doch es gab auch Tage, an denen keine „Manuel-Neuer-Spiele“ stattfanden: im Rückspiel, als er Real ein Tor in der ersten Minute mit einem grotesken Fehlpass ermöglichte. Oder beim Hinspiel in Paris, als er fünf Gegentore hinnehmen musste und keinen Torschuss parierte. Auch bei Weltmeisterschaften gab es diese Momente. Das Schlussbild vor acht Jahren in Russland zum Beispiel, als Neuer am gegnerischen Strafraum den Ball verlor, den Südkorea wenig später ins leere deutsche Tor schoss.In der Bundesliga überragte Neuer Baumann vergangene Saison nicht. Einsätze: 34 zu 22 für Baumann. Spiele ohne Gegentor: 7 zu 6 für Baumann. Gegentore pro Spiel: 0,91 zu 1,53 für Neuer. Paraden: 66 zu 62 Prozent für Baumann. Vereitelte Großchancen: 40 zu 33 Prozent für Neuer. Fehler bei Gegentoren: 2 zu 4 für Baumann. Diese Statistiken beweisen nicht die ewige Gültigkeit der Aussage, die in leichten Variationen von fast allen im deutschen Team zu hören ist: „Manu ist der beste Torhüter aller Zeiten.“Einer von denen, bei denen Neuer etwas auslöst, ist Pascal Zuberbühler. Der Schweizer spielte 2006 eine WM und ist nun leitender Fußballexperte der FIFA. Für den Weltverband analysiert er mit der technischen Studiengruppe Turniere, auch diese WM. Bei der Klub-WM 2025 hatte er ein besonderes Auge auf die Torhüter und war begeistert.„Neuer liest das Spiel sensationell. Er scannt alles, den Ball, Stürmer, Verteidiger, dann entscheidet er. Es sieht einfach aus, ist aber ganz große Klasse“, sagte er im F.A.Z.-Interview. In der Analyse erkannte Zuberbühler, dass kein Torwart bei Ballbesitz so weit vorne positioniert war. Das Fazit des Fachmanns: „Ich denke, er hat die Nationalmannschaft noch in sich.“Was zu beweisen wäre. Das letzte Bild von Neuer im Trikot der Nationalelf soll noch geschossen werden. Das Motiv wird die Sinnfrage beantworten.
Manuel Neuers Comeback zur Fußball-WM 2026: War es das wirklich wert?
Manuel Neuer ist zurück beim Nationalteam. Doch seine malade Wade macht die Situation verzwickt. Denn so eindeutig wie für viele seiner Teamkollegen ist die Antwort auf die entscheidende Frage nicht.












