Um 13.04 Uhr am Donnerstag durfte die Fußballwelt endlich hochoffiziell wissen, was viele schon lange zu wissen glaubten: Manuel Neuer kehrt in die deutsche Nationalmannschaft zurück. Bundestrainer Julian Nagelsmann wollte den Zeitpunkt der öffentlichen Bestätigung kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft bis zuletzt in eigenen Händen halten.Dabei entglitt die Debatte, die sich nicht allein aus Sicht des Sportlichen um das Für und Wider der Rückkehr des 40 Jahre alten Torwarts, der nach der EM im eigenen Land im August 2024 seine Zeit in der Nationalelf selbst für beendet erklärt hatte, drehte.Diesmal umdribbelt Nagelsmann die Antworten nichtDas Lavieren um die neue, alte Besetzung im Tor, von der abgesehen von der bisherigen Nummer eins, Oliver Baumann, so viele zu wissen glaubten, gipfelte beim Verweis auf die Einhaltung der internen Kommunikationswege im kommunikativen Tiefpunkt bei Nagelsmanns Auftritt im ZDF-Sportstudio am Samstag.Am Donnerstagmittag, in der abgedunkelten, für den Termin hergerichteten Futsal-Halle auf dem Campus des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), konnte, wollte und musste Nagelsmann, der am Vorabend in Istanbul die Freiburger Niederlage im Europa-League-Finale gesehen hatte, die Antwort nicht mehr umdribbeln – und wollte auch in die Offensive gehen, um für Verständnis für seine Art der Kommunikation Verhalten zu werben.Neuer steht nicht nur auf der vorläufigen Liste, deren bis zu 55 Namen der Bundestrainer bei seinen teils irritierenden verbalen Finten vorgab, gar nicht zu kennen. Er wird auch auf der endgültigen Liste der 26 WM-Spieler stehen, die der DFB offiziell bis zum 1. Juni beim Weltverband FIFA einreichen muss.Und er soll die Nummer eins sein. „Wir haben uns entschieden, ihn zu kontaktieren und zu fragen, ob er nochmal für die Nationalelf spielen möchte“, sagte Nagelsmann. Neuer gehöre für ihn „zweifelsfrei“ zu den drei besten Torhütern des Landes.„Weil es einfach Manuel Neuer ist“Baumann sei eine „Weltklasse-1-B-Lösung. Die Entscheidung steht so und sie ist aus meiner Sicht auch die richtige“. Nagelsmann begründete seinen Rückruf mit der „Aura von Manu“. Am Ende der einstündigen Veranstaltung brachte er es auf einen Nenner: „Weil es einfach Manuel Neuer ist.“Nach der Mauertaktik vom Samstag öffnete Nagelsmann das Spielfeld, auf dem er sich bewegte, ein wenig. Demnach habe er Baumann bereits im März verraten, dass er ein „Treffen mit Manu nach der Verletzung von Marc-André ter Stegen“ gehabt habe.Der Hoffenheimer schleppte also die Hypothek mit sich herum, zu wissen, dass er womöglich nicht die Nummer eins bei der WM sein werde, sich aber nichts anmerken lassen durfte. Auch deswegen war dem Bundestrainer daran gelegen, Baumann trotz Degradierung zu stärken. „Ich ziehe den Hut vor Oli“, sagte Nagelsmann. „Die Entscheidung ist ein Schlag gewesen.“„Man kann es anders machen, vielleicht besser“Die Kritik an seiner Kommunikationsstrategie nahm Nagelsmann in Teilen an. „Es gibt immer Dinge, die man zum Tag X retroperspektiv bewerten, anders machen würde.“ Er könne „aber auch nur die Dinge sagen, die du weißt, die du planst“. Eine frühere Festlegung gegenüber Baumann sei „keine Garantie, dass es deutlich besser ankommt“. Immerhin: „Man kann es anders machen, vielleicht auch besser.“Zuletzt hatte die Debatte um Neuer andere Baustellen so überstrahlt, dass der Eindruck entstehen konnte, allein vom Torwart hinge bei seiner fünften WM der deutsche Erfolg ab. Dass dem nicht so sein wird, zeigten neben den Indiskretionen der vergangenen Tage, durch die immer wieder Namen von vermeintlich Nominierten und Nichtnominierten medial genannt worden waren, die Social-Media-Kanäle des DFB am Donnerstag. Dort wurden, vor Verkündung durch Nagelsmann, zwölf Nationalspieler, von Kapitän Joshua Kimmich zur Frühstückszeit bis zu Leon Goretzka zur Mittagessenszeit, häppchenweise vom Verband bestätigt.Weder digital am Vormittag noch analog am Mittag nominiert wurde Said El Mala. Der junge Kölner fehlt wie Tom Bischof vom FC Bayern. Auch bekannte Spieler wie Niclas Füllkrug, Maximilian Mittelstädt, Robert Andrich, bei der EM 2024 im Aufgebot, und der Freiburger Abwehrspieler Matthias Ginter, Teil der DFB-Auswahl bei drei WM-Turnieren, von Nagelsmann aber nie berufen, fehlen. Nagelsmann sprach mit allen persönlich: „Aus Trainersicht sind das ganz, ganz fiese Gespräche.“ Dennoch hätten die „Spieler, die zu Hause bleiben“ laut Nagelsmann „durchweg positiv reagiert“.Leroy Sané, der vor der WM 2018 von Joachim Löw kurzfristig gestrichen worden war, ist dabei. Nagelsmann nutzte den Termin der Verkündung zu einem Plädoyer für den in der Öffentlichkeit oft kritisch gesehenen Nationalspieler von Galatasaray Istanbul, wo er zuletzt nicht herausragte. Das gab Nagelsmann mit Blick auf die Quote von Toren und Vorlagen zu. Die Nominierung begründete er mit Sanés „extrem hoher Anerkennung in der Mannschaft und eine extrem enge Bindung zu vielen“.Der Offensivspieler sei „in einer Herausforderer-Rolle“, sagte Nagelsmann. „Er ist ein Spieler, wo man immer mehr sieht, was er nicht bringt, weil er manchmal leider eine gewisse Ausstrahlung hat. (..) Ich habe einen super Draht zu ihm und traue mir zu, den Spieler so zu kitzeln, dass am Ende der WM deutlich mehr positive Stimmen entfallen werden als negative.“Bevor sich die USA-Reisegruppe am Mittwoch in Herzogenaurach trifft, spielen acht Münchner, darunter Neuer, bei dem die Schwere seiner Wadenblessur unklar ist, und sein Ersatzmann Jonas Urbig, den Nagelsmann als Trainingstorwart mitnimmt, der aber nicht zum WM-Kader gehört, und vier Stuttgarter am Samstag im DFB-Pokalfinale in Berlin gegeneinander. Auch das war ein Grund dafür, Kaderverkündung und Trainingsstart nach hinten zu verschieben.In der komprimierten Vorbereitung in der Heimat steht noch ein Testspiel in Mainz gegen Finnland am 31. Mai an, bei dem Kai Havertz fehlen wird, weil er am Tag zuvor mit dem FC Arsenal im Finale von Budapest um den Champions-League-Titel spielt. Am 2. Juni geht es nach Chicago, dort wartet Ko-Ausrichter USA für die Generalprobe, ehe die WM für die Deutschen am 14. Juni mit dem Auftakt gegen Außenseiter Curaçao startet.Bis 24 Stunden vor dem Anstoß darf Nagelsmann bei ernsthafter Verletzung oder Krankheit noch Nationalspieler tauschen. Für Torhüter gilt gar eine Sonderregel: Sie dürfen bei entsprechendem Attest während der gesamten Zeit des Turniers gewechselt werden. Nach all der Aufregung in der Debatte um seine Nummer eins dürfte Nagelsmann auf diese letzte Pointe in der Torwartfrage während der WM liebend gerne verzichten.Ganz sicher, das weiß auch der Bundestrainer, kann er sich nie sein. Und so stärkte er Baumann prophylaktisch den Rücken nach der Rückversetzung. „Wenn er (Neuer/d. Red) mal ein Spiel wegfällt, dann wird Oli es genauso gut machen, wie in der WM-Quali.“