Frankfurt/Main (dpa) - Mit seinen bunten Socken samt Zuckerstangen-Motiv und ein paar gut kaschierten „Deoflecken auf der Hose“ sorgte Julian Nagelsmann bei der Kader-Show für die XXL-WM auch optisch für Aufregung. Dass er die Strümpfe schon vor vielen Jahren ausgerechnet vom degradierten Oliver Baumann geschenkt bekommen hatte, war eine zusätzlich pikante Note - Manuel Neuer wurde von Nagelsmann stattdessen zur Nummer eins erkoren. „Ich dachte eigentlich, das sind die Herzsocken“, sagte der Bundestrainer. „Aber da sind Zuckerstangen drauf, habe ich gar nicht gewusst“, fuhr der 38-Jährige fort und fügte schnell an. „Aber es sind tatsächlich die Socken von Olli, aber die habe ich jetzt nicht deswegen angezogen“, betonte Nagelsmann.26 Spieler, ein Bundestrainer, ein PokalDer WM-Kader der DFB-Elf steht. dpaDeswegen. Damit meinte Nagelsmann natürlich die aufsehenerregenden Top-Neuigkeiten in der Torhüterfrage. Spektakuläres WM-Comeback von Rekordtorwart Neuer, Rückstufung von Baumann zur 1b in der Fußball-Nationalmannschaft. Und das gerade mal zwölf Tage vor dem Abflug nach Amerika.Ausführliche Neuer-BegründungWas sich seit Tagen angebahnt hatte und von Nagelsmann auch bei seinem jüngsten ZDF-Auftritt noch verbal umschifft wurde, ist nun Gewissheit. Und Nagelsmann lieferte bei seinem sehr konzentrierten Auftritt über rund 60 Minuten in der Futsal-Arena auf dem DFB-Campus in Frankfurt die Erklärung für seine offenbar schon länger angedachte Entscheidung.„Manu gibt einem Team eine Sicherheit. Er ist ein Spieler, der Weltklasse-Niveau hat, der einen Namen hat und auch beim Gegner etwas auslöst“, sagte Nagelsmann. „Jeder weiß, welche Aura Manu umgibt. Wir planen mit ihm als Nummer eins. Die Entscheidung steht so und ist in meinen Augen die richtige“, sagte der Bundestrainer.Titelansage hat BestandWeltklasse-Niveau und Gegner-Respekt. Das sind zwei Dinge, die Nagelsmann in den kommenden Wochen bestmöglich bis zum Finale in East Rutherford (New Jersey) am 19. Juli brauchen wird. Denn die Ziele bleiben unverändert groß. Die gleich nach dem EM-Aus 2024 getroffene Titelansage gilt. „Ich glaube, dass alle Mannschaften Weltmeister werden wollen. Wir wollen das auch. Jeder Spieler der nominiert ist, hat die Verpflichtung das zu zeigen“, forderte er. Lässig im DFB-Outfit mit den vier Weltmeister-Sternen auf der Brust saß Nagelsmann auf dem Podium. An klaren Worten mangelte es wie immer bei Deutschlands jüngstem WM-Bundestrainer nicht. „Die Vorfreude ist groß. Ich bin mega heiß, die Jungs sind mega heiß“, sagte der 38-Jährige. Und natürlich kamen schnell die Fragen zu Neuer und Baumann, der lange als WM-Nummer eins galt.Plattform XDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Plattform X angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Plattform X angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.„Schlag“ für BaumannNatürlich sei die Rückstufung ein „Schlag“ für Baumann gewesen. Das Verhalten des 35-Jährigen, der die ganze WM-Qualifikation über ein sicherer Rückhalt war, will Nagelsmann nun von allen seinen Auserkorenen bei der WM sehen.„Olli ist ein absoluter Teamplayer, ein ganz toller Mensch, der die Mannschaft nie im Stich lassen wird und der, wenn er Einsätze bekommt, weil der Manu Probleme hat, das herausragend machen wird. Das weiß Olli, das weiß ich und darauf sind wir alle vorbereitet“, lobte Nagelsmann den Hoffenheimer. Auch Urbig fliegt mitEin Restzweifel bleibt nämlich, ob Neuer mit 40 Jahren das gesamte Turnier verletzungsfrei durchspielen kann. Deshalb ist Baumann ausdrücklich die 1b. Und deshalb geht auch Bayerns Neuer-Backup Jonas Urbig als Trainingstorwart als vierter Schlussmann hinter dem Stuttgarter Alexander Nübel noch mit, auch wenn er nicht auf der offiziellen Kaderliste steht. Ein DFB-Novum, das durch die FIFA-Regeln möglich ist. Manuel Neuer feiert ein Comeback in der Nationalmannschaft. (Archivbild) Sven Hoppe/dpaVereinzelte Weltklasseleistungen von Neuer in der Champions League lösten immer wieder eine öffentliche Debatte um den Keeper aus. Experten und auch Ex-Nationalspieler äußerten, dass auch der beste Torwart bei der WM spielen müsse. Gegen Neuer spricht freilich eine vermehrte Verletzungsanfälligkeit im Alter. Eine Wadenblessur behindert ihn aktuell kurz vor dem DFB-Pokalfinale mit dem FC Bayern am Samstag in Berlin gegen den VfB Stuttgart.Wie anstrengend die vergangenen Wochen für ihn waren, machte Nagelsmann deutlich. „So eine Nominierung ist schwieriger als das Turnier selbst. Meine Rübe war gestern Abend Matsche“, sagte er. „Fiese Gespräche“ habe er bei den Absagen führen müssen. Nach vielen öffentlichen Debatten und Indiskretionen, die wie im Falle des Kölners Said El Mala, der doch nicht zur WM fährt, nicht zutrafen, blickt Nagelsmann nun aber nach vorn.Vorbereitung startet in FrankenAm Mittwoch kommender Woche startet das Vier-Tage-Trainingslager in Herzogenaurach. Nach dem Test gegen Finnland in Mainz am 31. Mai geht es zwei Tage später nach Chicago, wo am 6. Juni die WM-Generalprobe gegen Co-Gastgeber USA folgt.In der Gruppenphase spielt die Nationalmannschaft am 14. Juni in Houston gegen Curaçao, am 20. Juni im kanadischen Toronto gegen die Elfenbeinküste und am 25. Juni in East Rutherford gegen Ecuador. Das Teamquartier wird in Winston-Salem im US-Bundesstaat North Carolina bezogen.Neuer letzter Rio-ChampionDa der Freiburger Matthias Ginter den Sprung in die Auswahl nicht schaffte, ist Neuer der einzige verbliebene Weltmeister von 2014. Eine Kehrtwende im Fall Neuer schien lange ausgeschlossen, doch in der Vorwoche sickerten erste Infos durch. Dass sein öffentliches Vorgehen in der Debatte immer perfekt gewesen sei, wollte Nagelsmann nicht behaupten. Dennoch sei er mit seiner Kommunikation weiterhin im Reinen.Bittere Nachricht für Oliver Baumann: Julian Nagelsmann (l) im Gespräch mit dem Hoffenheimer Torwart bei einer Trainingseinheit. (Archivbild) Federico Gambarini/dpaAngeführt wird das Aufgebot von Kapitän Joshua Kimmich. Seine Stellvertreter Kai Havertz und Antonio Rüdiger sind nach langen Verletzungen rechtzeitig wieder in WM-Verfassung, wie auch der Dortmunder Felix Nmecha und Jamal Musiala, der für Nagelsmann auch mit „95 Prozent zu den besten auf dem Planeten“ gehöre. Jüngster Akteur im Aufgebot ist Bayern-Teenager Lennart Karl mit 18 Jahren und der Erfahrung von zwei Länderspielen.Sieben Bayern-Spieler als größter BlockDen Sprung ins Aufgebot schafften die in diesem Jahr bisher nicht berücksichtigten Maximilian Beier und Nadiem Amiri. Für den Münchner Tom Bischof war hingegen kein Platz frei. Dennoch stellt der FC Bayern mit sieben Spielern den größten Block vor vier Stuttgartern und vier Dortmundern. Die Nominierung des in Fankreisen teils harsch kritisierten Leroy Sané wurde von Nagelsmann verteidigt. Der 30-Jährige sei ein Spieler, der „kontrovers diskutiert wird“, sagte der Bundestrainer, weil er manchmal „eine gewisse Ausstrahlung hat“. Er traue sich aber zu, Sané so zu kitzeln, „dass am Ende der WM deutlich mehr positive Stimmen über ihn fallen als negative“. Der Offensivstar starte „vielleicht erst mal“ in einer Herausforderer-Rolle ins Turnier.© dpa-infocom, dpa:260521-930-108903/7