PfadnavigationHomeSportFußballNationalmannschaftMission Bollwerk – „Wir haben wieder die deutschen Tugenden“Stand: 11:43 UhrLesedauer: 6 MinutenVor dem WM-Auftakt spricht DFB-Sportdirektor Rudi Völler über die Ziele der deutschen Nationalmannschaft. „Wir wollen weit kommen“, sagt Völler.Die Defensive war zuletzt die Problemzone der Nationalmannschaft. Doch nur mit einer guten Abwehr ist bei einer WM Großes möglich. Weltmeister Jérôme Boateng sieht die Defensive gerüstet. Doch es bleiben Risiken.Die intensiven Einheiten haben Kraft gekostet. Nach Tagen mit teilweise rund zweistündigen Trainingseinheiten bei über 30 Grad hatte die Fußball-Nationalmannschaft am Donnerstagvormittag frei.Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck nutzten die Zeit zum Erholen. Am Abend sahen sie sich mit ihren Kollegen das Eröffnungsspiel des Weltturniers zwischen Mexiko und Südafrika (2:0) an.Tah und Schlotterbeck kommen bei dieser WM äußerst verantwortungsvolle Aufgaben zu. Sie sind das Innenverteidiger-Duo der deutschen Mannschaft. Eine Schlüsselposition. „Wir sind ein sehr gutes Duo“, betonte Schlotterbeck vor dem Auftaktspiel seiner Mannschaft am Sonntag (21 Uhr, ARD und MagentaTV sowie im Liveticker bei WELT) gegen Curaçao: „Wir freuen uns, dass es losgeht. Und wollen allen zeigen, wie gut wir sind.“ Und Tah sagte: „Nico ist ein überragender Innenverteidiger, ein besonderer Typ.“ Es gebe nur wenige Innenverteidiger in Europa, die am Ball eine solche Qualität haben.Schlotterbeck wird von Real Madrid umworben, der neue Trainer José Mourinho will ihn laut Medienberichten unbedingt haben. „Man kriegt so etwas natürlich mit über die Medien, aber grundsätzlich liegt der Fokus jetzt auf der WM, auf dem ersten Spiel“, sagte der 26-Jährige. Der Abwehrspieler hatte im vergangenen April seinen Vertrag beim BVB trotz Offerten anderer Klubs bis 2031 verlängert. Auch der FC Bayern galt als ein möglicher neuer Verein. Angeblich soll Schlotterbeck die Möglichkeit haben, Dortmund in diesem Sommer trotz des neuen Kontrakts zu verlassen. Lesen Sie auchDie Nationalmannschaft hat Topspieler in ihrem Kader, nicht nur in der Offensive um die Jungstars Jamal Musiala und Florian Wirtz. Aber: Die Defensive aus Viererkette und Mittelfeld ist nicht über einen langen Zeitraum eingespielt. Fünf Gegentore in vier SpielenDas hatte Folgen: In den vergangenen vier Länderspielen schossen die deutschen Gegner fünf Tore. Als Deutschland 2014 in Brasilien den WM-Titel gewann, blieb die Mannschaft in vier von sieben Spielen ohne Gegentreffer – und kassierte im ganzen Turnier lediglich vier Gegentore. Es bedarf einer Top-Abwehr, um Großes zu erreichen. Und einer optimalen Defensivleistung der gesamten Mannschaft. Hier hat Deutschland noch zu oft zu große Probleme.Tah und Schlotterbeck sind dennoch zuversichtlich. „Wir sind sehr eingespielt“, sagte Schlotterbeck. „Wir ergänzen uns mit unseren unterschiedlichen Stärken sehr gut.“ Er sieht die gesamte Mannschaft gut vorbereitet: „Ich weiß, wie gut wir sind. Ich finde nicht, dass wir uns vor irgendjemandem verstecken müssen. Wir haben viele tolle Einzelspieler und etwas, was wir lange nicht mehr hatten: Wir haben wieder die deutschen Tugenden auf dem Platz. Wir haben Disziplin, Leidenschaft, Widerstandsfähigkeit. Wenn wir diese deutschen Tugenden auf den Platz bringen, brauchen wir uns vor niemandem zu verstecken.“Tah sagte: „Wir trainieren so oft miteinander und haben an Details gearbeitet. Ich mache mir gar keine Sorgen, wir hatten ein paar Generalproben. Es wird funktionieren.“Tah ist mit 30 Jahren einer von drei Spielern der Ü30-Generation, die anderen sind Manuel Neuer (40) und Kapitän Joshua Kimmich (31). Für den Bayern-Profi ist es zehn Jahre nach seinem Debüt für Deutschland die erste WM. „Jona gibt den Takt vor, lauter, er gibt die Höhe vor“, sagte Schlotterbeck zum Verschieben und Verhalten der Abwehrkette.Sein Kollege Tah hat sich in München enorm entwickelt, hat mit dem Klub das Double gewonnen und strahlt Sicherheit aus. Er und Schlotterbeck sind in der Innenverteidigung gesetzt – Antonio Rüdiger bleibt zunächst nur der Platz auf der Ersatzbank, obwohl er im Training von Real Madrid täglich gegen die Weltklasse-Stürmer Vinícius Júnior und Kylian Mbappé verteidigt.Die Einschätzungen von Jérôme Boateng Jérôme Boateng bildete mit Mats Hummels bei der WM 2014 das Innenverteidigungs-Duo und gewann mit Deutschland das Turnier in Brasilien. Er sagt im Gespräch mit WELT: „Die deutsche Innenverteidigung ist stabil. Tah und Schlotterbeck haben sich sehr gut entwickelt.“ Boateng sagt zudem: „Ich glaube, dass Rüdiger dennoch weiter wichtig ist, mit seiner Aggressivität und seiner Erfahrung von Real Madrid.“Lesen Sie auchVor Tah und Schlotterbeck spielen der Dortmunder Felix Nmecha und Aleksandar Pavlović vom FC Bayern – die „Doppelsechs“, eine Schlüsselposition.Links setzt Bundestrainer Julian Nagelsmann auf Nathaniel Brown. Der Profi von Eintracht Frankfurt ist enorm schnell und technisch versiert, mit 22 Jahren und ohne Turniererfahrung aber taktisch wohl noch nicht so reif wie andere. Der Bundestrainer sagt, Brown wisse noch gar nicht, „wie gut er ist.“ Und wünscht sich von ihm (noch) mehr Selbstvertrauen.Kimmich ist beim FC Bayern im Mittelfeld der zentrale Ballverteiler, Nagelsmann setzt ihn aber als Rechtsverteidiger ein. Gegen schnelle Stürmer könnte Kimmich mitunter in Bedrängnis kommen. Ein K.o.-Spiel bei einer WM hat er noch nie erlebt.Thomas Helmer absolvierte als Defensivprofi 68 Länderspiele für Deutschland. „Wenn wir die Abwehrreihe mal durchgehen, wissen wir doch alle, dass es rechts keine Alternative zu Joshua Kimmich gibt“, sagt der Europameister von 1996 im Gespräch mit WELT: „Das birgt natürlich auch ein gewisses Risiko – vor allem, wenn er mit Leroy Sané auf der Seite spielt, da Sané sicherlich kein defensiv denkender Spieler ist und Kimmich, wenn er überhaupt eine Schwäche hat, sicherlich die in der Defensive hat oder im Verteidigen. Wenn ich der Gegner wäre, würde ich über diese Seite bei uns angreifen.“ Sané wird voraussichtlich spielen, Jungstar Lennart Karl musste seine WM-Teilnahme verletzt absagen.Tah sei der Beste, befindet HelmerTah sei der Stabilste in der Abwehrkette. „Der Beste. Er macht seine – in Anführungszeichen – Schnelligkeitsdefizite durch sein gutes Stellungsspiel und seine Zweikampfstärke wett. Er ist sehr routiniert und hat sich enorm entwickelt. Er ist für mich der Fixpunkt da hinten“, betont Helmer.Tahs Nebenmann sieht Helmer kritischer: „Nico Schlotterbeck ist manchmal zu fehlerhaft, nur die Diagonalbälle werden nicht reichen. Da muss er auch ein bisschen zulegen.“ Allerdings hat Schlotterbeck im Aufbauspiel eine enorme Qualität, seine Pässe führen oft zu Torchancen. Die Idee mit Brown auf der linken Seite gefällt Helmer, „weil er mit Schnelligkeit kommt“. Gegen Curaçao könne man das so machen. „Ob der Bundestrainer das dann aber auch gegen die Elfenbeinküste so plant, weiß ich nicht. David Raum ist erfahrener – und kommt viel über die Mentalität“, so der 61-Jährige. „Ich halte Brown für einen guten Mann. Seine Unbekümmertheit spricht für sich. Aber Erfahrung ist bei so einem Turnier auch sehr wichtig.“Die deutsche Abwehr steht von Sonntag an sehr im Fokus.Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Seit über einer Woche sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die WM-Vorbereitung der deutschen Auswahl.