Eines der größten Bieterrennen des Jahres in Deutschland geht in die Schlussrunde. Interessenten für Volkswagens milliardenschweren Schiffsmotorenhersteller Everllence haben nach F.A.Z.-Informationen diese Woche vor dem Management Konzepte präsentiert; für den heutigen Freitag sind Gespräche mit Gewerkschaftern angesetzt.Die Bieter sollen nach jetzigem Stand Anfang übernächster Woche ihr endgültiges Preisgebot einreichen, wie zu hören ist, und damit kurz nach der VW-Hauptversammlung, die am 18. Juni ansteht. Volkswagen könnte dann noch in derselben Woche die Entscheidung fällen – will das aber in jedem Fall vor dem 20. Juli tun, wenn die Werksferien beginnen. Den Wert der Einheit taxieren Beteiligte auf etwa 8,5 Milliarden Euro.Im Rennen um die Mehrheit an Everllence sind nach Auskunft aus Finanzkreisen die Beteiligungsgesellschaften CVC, Bain und EQT – wobei Letztere in einem ungewöhnlichen Konsortium bietet: nämlich zusammen mit dem Volkswagen-Hauptaktionär Porsche SE und dem VW-Großaktionär Qatar.Everllence ist der neue Name der Traditionssparte MAN Diesel & Turbo, die zwischendurch einige Jahre MAN Energy Solutions (MAN ES) hieß. VW hatte das Geschäft vor rund fünfzehn Jahren mehrheitlich übernommen und wollte es 2019 schon wieder feilbieten. Dieser erste Anlauf scheiterte. Nun will VW 51 Prozent der Anteile an Everllence abgeben. Der Wolfsburger Konzern lehnte auf Anfrage eine Stellungnahme zu dem Verfahren ab. Auch die Private-Equity-Häuser äußern sich nicht.Transaktion mit einer speziellen NoteEverllence erzielte im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben mit 16.200 Beschäftigten 4,9 Milliarden Umsatz. Zum Gewinn macht das in Augsburg ansässige Unternehmen keine Angaben; Kenner beziffern das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda), das üblicherweise als Basis für die Preisermittlung dient, auf 700 bis 800 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Schiffsmotoren machen den Löwenanteil des Geschäfts aus, das Unternehmen gilt hier als Weltmarktführer.Die Zweitaktmotoren können so groß sein wie ein Einfamilienhaus und mehr als 100.000 PS bringen. Aber auch Gas- und Dampfturbinen, Kraftwerkstechnik und Reaktoren für die chemische Industrie liefert das Unternehmen, ebenso Systeme, die Rechenzentren mit Strom versorgen und kühlen. Wegen des Rechenzentren-Booms ist das ein potentielles Wachstumssegment, das der Transaktion nebenbei eine Zusatzfantasie beschert. Volkswagen hatte den Verkaufsprozess im Spätsommer vergangenen Jahres aufs Gleis gesetzt, als der Konzern die Investmentbanken Goldman Sachs und J.P. Morgan mandatierte, wie Insider berichten. Die drei genannten Beteiligungshäuser kamen in die engere Wahl und unterbreiteten Anfang des Monats vorläufige Offerten, in denen sie Pläne zu Standorten und Arbeitsplätzen beschrieben. Ein konkreter Preis war dem Vernehmen nach damals noch nicht gefordert, die Interessenten nannten nur eine Größenordnung.Der Preis dürfte in dieser Transaktion nur eines der Hauptkriterien sein, was mit einer besonderen Abstimmungskonstellation im Aufsichtsrat zusammenhängt. Denn EQT bietet zusammen mit zwei VW-Großaktionären, die im Kontrollgremium vertreten sind. Zwei der zehn Vertreter auf der Kapitalbank sind Qatar zuzuordnen, vier der Porsche SE. Diese sechs werden, wie zu hören ist, wegen eines möglichen Interessenkonflikts nicht an der Abstimmung teilnehmen.Arbeitnehmer im Aufsichtsrat mit ungewöhnlicher MachtDeshalb haben die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat eine deutliche Mehrheit und damit ungewöhnlichen Einfluss, wie man ihn beinahe nie in einem M&A-Prozess erlebt. Entsprechend konzessionsbereit müssen die Finanzinvestoren wohl auftreten. Die besondere Konstellation gilt auch als Grund, warum Volkswagen nach dem Erhalt der endgültigen Gebote nicht gleich über den Zuschlag entscheidet: Der Prozess soll offenbar formal besonders akribisch laufen, damit keine rechtliche Angriffsfläche entsteht. VW behielte nach einer Transaktion 49 Prozent. Die skandinavische EQT und Porsche kennen einander schon gut über die gemeinsame Investition beim Verkehrsanbieter Flix, der die Fernbusgesellschaft Flixbus und den Deutsche-Bahn-Konkurrenten Flixtrain betreibt.Als VW im Jahr 2018 den Börsengang seiner Nutzfahrzeugsparte Traton einleitete, trennte der Wolfsburger Konzern die MAN ES und den Getriebespezialisten Renk vom übrigen Geschäft seines Lastwagen- und Busherstellers MAN ab. Gemeinsam mit der Marke Scania sollte dieser unter dem Dach von Traton einen reinen Nutzfahrzeugkonzern bilden. Renk und MAN ES sollten dagegen verkauft werden, was im Fall von Renk auch geschah - das Unternehmen ging an den Finanzinvestor Triton. Für MAN ES kam es anders, als die Corona-Pandemie die Weltwirtschaft beeinträchtigte.