Während der diesjährigen 3daysofdesign in Kopenhagen rückte die Art der Wahrnehmung in den Vordergrund. Viele Ausstellungen und Neuheiten luden dazu ein, Design nicht nur anzuschauen, sondern vor allem: zu hören, zu riechen, zu berühren oder spielerisch zu erleben.1. Fritz Hansen: Musik auf die OhrenMit dem «Sound Club» stellt Fritz Hansen in diesem Jahr die akustische Wahrnehmung ins Zentrum. Besucherinnen und Besucher werden eingeladen, Platz zu nehmen und zuzuhören. Creative Director Els Van Hoorebeeck sagte es so: «Die Idee der Installation ist, dass man nicht einfach kurz ein Foto macht und weitergeht.» Es gehe darum, den Moment zu erleben. Das Konzept passt zum diesjährigen Messemotto «Make This Moment Matter». «Mach diesen Moment zu etwas Besonderem», statt «more» stand «meaningful» im Zentrum der diesjährigen Designwoche. PD Ob im Sitzen oder im Liegen, über Kopfhörer oder Lautsprecher: Das Hörerlebnis war facettenreich. Gemeinsam mit der japanischen Audiomarke Technics hat die dänische Designmarke Fritz Hansen eine Installation aufgebaut, die untersucht, wie Möbel, Licht und Musik gemeinsam die Atmosphäre eines Raums prägen. Anlass der Zusammenarbeit ist das 90-Jahr-Jubiläum der Kaiser-Idell-Leuchte von Christian Dell, die in ihrer Form an den Arm eines Plattenspielers erinnert. Die zufällige Gemeinsamkeit war denn auch der Grundstein für das neue Produkt: ein Home-Plattenspieler in tiefem Bordeauxrot, der nicht nur technisch, sondern auch optisch überzeugt. Im Tonstudio? Nein, bei Fritz Hansen an den 3daysofdesign. PD Statt einer klassischen Produkteinführung schuf Fritz Hansen verschiedene Hörsituationen: eine Podcast-Lounge, eine Listening-Bar mit Kopfhörern und exklusiver Vinyl-Aufnahme sowie einen Innenhof mit Live-DJs. Das Setting trifft den Nerv der Zeit: Bereits an der Mailänder Möbelmesse war das Thema Musik im Design omnipräsent. Und auch in Kopenhagen ergänzten viele Marken ihre Produktinstallationen mit immersiven Klängen oder bauten ganze Soundsysteme auf, so etwa auch Deoron, die ihr Konzept der Live-Music-Session von Italien in die dänische Hauptstadt brachten. 2. Frama: Eine Installation über DüfteAuch bei Frama geht es in diesem Jahr um die Wahrnehmung mit den Sinnen: Im Mittelpunkt der Ausstellung «The Mechanics of Scent» steht der Duft. Das Kopenhagener Designlabel begründete die Entscheidung mit einem Zitat des französischen Schriftstellers Georges Perec: «Wir denken nicht genug über Gerüche nach. Sie sind das Erste, was verschwindet, und das Letzte, was bleibt.»Gezeigt wird eine Wanderausstellung, die zuvor schon in Paris, Los Angeles und New York zu sehen war. Sie umfasst acht Duftskulpturen, die Frama gemeinsam mit dem Künstler David Gardner kreierte. Zu sehen sind unter anderem Papierobjekte, die sich vom Wind bewegt sanft im Raum drehen und dabei einen Duft verbreiten.Eine andere Installation erinnerte an eine Kugelbahn, verwendet wurden dafür die Kugeln aus Framas Diffusor «From Soil to Form». Mit den Duftskulpturen fragt Frama, wie sich der Duft als Teil eines Raums gestalten und erleben lässt. Ergänzt wurden die Skulpturen durch Parfums, Seifen und Crèmes aus der Kollektion von Frama.3. Georg Jensen: Zurück zum SpielSelten versinkt man so sehr im Moment wie beim Spielen. Konzentriert man sich auf den nächsten Zug, den Wurf oder den Sieg, rücken Alltagssorgen und To-dos in den Hintergrund. Diesen Gedanken greift Georg Jensen mit der Installation «At Play» auf. Creative Director Paula Gerbase liess sich dafür von den Kindheitserinnerungen des Firmengründers Georg Jensen (1866–1935) inspirieren. Dieser wuchs in Raadvad, einem kleinen Dorf nördlich von Kopenhagen, auf und verbrachte viel Zeit in den umliegenden Wäldern. PD Fast wie in der Kindheit, einfach in Schön. Spielen und Entdecken seien wiederkehrende Motive in der 121-jährigen Geschichte des Unternehmens, sagt Gerbase. Für «Georg Jensen At Play» schuf sie zusammen mit ihrem Team eine Serie verspielter Objekte und Spiele, darunter eine Neuinterpretation des traditionellen skandinavischen Spiels Kubb, gefertigt aus Walnussholz und Silber, aber auch kleinere Objekte wie Kreisel, Würfel, Pfeife oder ein Jo-Jo. Die Kollektion sei eine Einladung, die Welt mit Neugier, Leichtigkeit und einer «grosszügigen Portion fröhlichen Wettbewerbsgeists» zu erleben, so Paula Gerbase. PD Die Spiele von Georg Jensen werden durch ihre Schönheit selbst Nichtspieler für eine Partie begeistern können. 4. Iittala: Eine begehbare Aalto-VaseEine Vase, die man betreten kann? Möglich machten es Iittala und der Aluminiumhersteller Hydro. Zum 90-Jahr-Jubiläum der ikonischen Aalto-Vase von Alvar Aalto schufen sie eine sieben Meter hohe, begehbare Interpretation des Designklassikers. Der Pavillon auf dem Ofelia Plads übertrug die berühmte Form von Alvar Aalto in den architektonischen Massstab. Im Inneren waren Vasen der neuen Aalto City Collection ausgestellt, die für das Jubiläumsjahr entwickelt wurde.Interessant war auch hier der Perspektivwechsel: Die Aalto-Vase wurde nicht nur betrachtet, sondern räumlich erlebt. Indem Besucherinnen und Besucher durch ihre Konturen gingen, entstand ein neuer Zugang zu einem der bekanntesten Entwürfe des nordischen Designs.5. Muuto: Ein Herz für AluminiumUm die ganz grossen Gefühle ging es bei Muuto. Zum 20-jährigen Bestehen der Marke präsentierte das Unternehmen den «Close to Heart Chair», einen auf 150 Exemplare limitierten Entwurf des Kopenhagener Designstudios Spacon.Der Stuhl besteht aus stranggepressten Aluminiumprofilen und folgt einer klaren, konstruktiven Logik. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich das zentrale Detail: Die Verbindungselemente sind herzförmig. Die kleinen Herzen verbergen sich innerhalb der Konstruktion und setzen einen spielerischen Akzent in einem Material, das oft als kühl und technisch wahrgenommen wird. PD Versteckter Kitsch: Die in Herzform gebogenen Rohre sind erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Zusätzliche Wärme erhält der Stuhl durch seine Farbe: Während in den Designneuheiten noch immer viel silbernes Aluminium zu sehen ist, entschieden sich die Designer von Spacon bei ihrem Entwurf für ein dezentes Mintgrün, das je nach Licht eine unterschiedliche Intensität hat.6. Vitra: Ein Stuhl wie eine UmarmungIm Lounge Chair «Bascule» sitzend, fällt es leicht, im Moment zu sein. Einsinken, zurücklehnen, Beine hochlegen: Der gemeinsam mit dem Berliner Designduo Studio Œ entwickelte Sessel folgt den Bewegungen des Körpers und ermöglicht einen fliessenden Übergang von der Sitz- in die Liegeposition. Wie das möglich ist? Christian Grosen, Chief Design Officer bei Vitra, erklärt: «Die in den Armlehnen des Sessels verborgene hängende Mechanik reagiert stufenlos auf Gewichtsverlagerungen des Sitzendens und unterstützt jede Position unabhängig von der Körpergrösse. Durch diese Gewichtsautomatik entsteht ein sanfter Schaukeleffekt.» Zum Drin-Versinken: Im neuen Lounge Chair «Bascule» geht es fliessend von der Sitz- in die Liegeposition. PD Sofort ins Auge sticht der Bezug: Er liegt locker über der Konstruktion und erinnert an eine übergeworfene Jacke. Die beiden Designerinnen Lisa Ertel und Anne-Sophie Oberkrome orientierten sich dabei an Schnitten aus der Mode und untersuchten, wie sich unterschiedliche Stoffe in Bewegung verhalten: «Spannend wurde es immer dann, wenn Bewegung ins Spiel kam: Sobald sich ‹Bascule› bewegte, wurde sichtbar, wie die Stoffe reagieren, wo sie sich straffen oder locker fallen, wo sich Falten bilden», sagen sie. Entstanden ist ein Stuhl, dem man ansieht, wie er sich anfühlen wird, wenn man sich hineinsetzt.7. Knife, Fork, Spoon 3.0: Die Vergangenheit und die Zukunft des BestecksEssen verbindet bekanntlich. Und kaum ein Gegenstand begleitet diese Momente so selbstverständlich wie Messer, Gabel und Löffel. Die Ausstellung «Knife, Fork, Spoon 3.0» widmete sich deshalb einem Gegenstand, der uns täglich begleitet: dem Besteck.Für die von dem Kurator Dung Ngo und der Galerie Marta aus Los Angeles kuratierte Schau entwarfen zwölf Designerinnen, Künstler und Architekten Bestecke, die mithilfe von 3-D-Druck gefertigt wurden. Die Entwürfe reichen von organischen, pflanzenähnlichen Formen bis zu stark personalisierten Interpretationen des klassischen Bestecks.Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich ein Objekt weiterentwickeln kann, das sich seit über hundert Jahren kaum verändert hat. Gleichzeitig rückte die Ausstellung den Esstisch als Ort des Zusammenseins und der haptischen Erfahrung in den Fokus.«Knife, Fork, Spoon 3.0» ist Teil der Gruppenausstellung «Ark Journal», wo internationale Marken wie Molteni, MDF Italia oder Vaarnii ausstellten. Schön zum Anschauen und zum Anfassen waren unter anderem auch die Teppiche von Reuber Henning, die ausschliesslich aus ungefärbten Naturfasern gewebt werden.8. Bread and Butter: Wellness-RitualeWenn es um die Wahrnehmung mit den Sinnen geht, passt auch die Gruppenausstellung «Bread and Butter» sehr gut ins Konzept: In ihrer zweiten Ausgabe widmete sie sich den Bade- und Wellness-Ritualen in verschiedenen Kulturen. Designerinnen und Designer interpretierten alltägliche Gewohnheiten neu: Der Londoner Designer John Tree etwa entwickelte einen Hocker mit Eimer, inspiriert von Kindheitserinnerungen an das Gebadet-Werden, während das Studio Large-Medium-Small Gefässe entwarf, die auf traditionelle Praktiken der koreanischen Badekultur Bezug nehmen. Ein Hocker mit Eimer des britischen Designers John Tree. PD Auf die koreanische Badekultur bezog sich das Studio Large-Medium-Small mit seinen Schalen. PD Der Londoner Designer John Tree etwa entwickelte einen Hocker mit Eimer, inspiriert von Kindheitserinnerungen an das Gebadet-Werden, während das Studio Large-Medium-Small Gefässe entwarf, die auf traditionelle Praktiken der koreanischen Badekultur Bezug nehmen. Die Ausstellung zeigte, wie eng Gestaltung mit Ritualen verbunden ist. Im Mittelpunkt standen dabei nicht einzelne Produkte, sondern Momente des Innehaltens und der Pflege. Kurz: Wellness. Ein Thema, das derzeit vielerorts Konjunktur hat und auf persönlicher Ebene gut zum Motto «Make This Moment Matter» passt. Wellness in Objekten wurde an der Gruppenausstellung «Bread and Butter» präsentiert. PD Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.