PfadnavigationHomeICONISTTrendsSitzmöbel-SchauWer entscheidet über gutes Design? Diese Ausstellung überlässt es den BesuchernStand: 09.05.2026Lesedauer: 4 MinutenArchitekt und Designer Volker Albus mit seinem „Lu Yii Wij Tong“-Stuhl Quelle: Deutsches Design MuseumIm Deutschen Design Museum entscheidet keine Jury, sondern das Publikum: Rafael Horzon versammelt 137 Stühle von Architekten, Künstlern und Laien. Zwischen Beton-Hocker, Poolnudel-Materialien und Monobloc-Parodie stellt sich plötzlich die Frage: Was ist gutes Design überhaupt?Am Montagmorgen fegt der Museumsdirektor Betonkrümel von der beigefarbenen Auslegeware Richtung Eingangstür. Gerade wurde das letzte Exponat angeliefert. Nummer 137. Ein Nachzügler. Architekt Arno Brandlhuber ist spät dran mit seinem niedrigen, blobartigen Hocker aus Beton, dessen Oberfläche wie die faltige Haut eines Elefanten wirkt, der sich gerade im Sand gewälzt hat. Eigentlich läuft die Ausstellung im „Deutschen Design Museum“ schon seit zwei Wochen, doch für Freunde des Hauses macht Museumschef Rafael Horzon eine Ausnahme. „Sitzen machen!“ heißt die Schau so falsch wie treffend – das Zitat stammt aus einem von Horzons Lieblingsfilmen: „Eins, zwei, drei“ von Billy Wilder. Gezeigt werden Sitzmöbel. 136, nein, jetzt 137 an der Zahl; sie sind das Ergebnis eines Aufrufs, der nur zwei Monate vor Ausstellungsbeginn herausging. Ausdrücklich jeder sollte sich beteiligen können. Es gab keine Kuratoren, alle Einreichungen wurden akzeptiert, solange Platz im Museum war. Mitzuliefern war einzig ein weißer Sockel. Beteiligt haben sich Architekten, Designer, Schreiner, Künstler, Laien, auch zwei Kinder. Jeder Entwurf hat die Chance auf den DDDDDM, den Deutschen Designpreis des Deutschen Design Museums, in Bronze, Silber und Gold, der am 30. Mai verliehen werden wird. Nicht eine Jury entscheidet, sondern das Publikum. Rafael Horzon, Autor, Möbelunternehmer (Moebel Horzon), Gestalter, Schelm und seit Ende 2024 eben auch Museumsgründer, will mit dieser Ausstellung auch die gängige Praxis von Designpreisen wie „Red Dot“ oder „German Design Award“ kritisieren. Bei diesen müssen die Teilnehmer eine Anmeldegebühr zahlen, und im Falle einer Auszeichnung wird zusätzlich eine „Servicegebühr“ fällig. „Ich finde das absurd, fast schon tragisch“, sagt er. Was ist für ihn gutes Design? „Diese Frage kann ich nicht beantworten.“ Er verweist auf den Künstler Marcel Duchamp und erzählt, er sei kurz versucht gewesen, in Anlehnung an Duchamps Urinal von 1917 selbst anonym eine Kloschüssel einzureichen. Doch dann kam ein Mann ohne Namen mit einem Paket unter dem Arm ins Museum, baute einen Toilettenstuhl zusammen und platzierte eine Flasche Ruinart-Champagner in der Mitte. „Ich finde es mega gut“, sagt Horzon. Was für ihn ein gutes Sitzmöbel ausmacht, darauf legt er sich dann doch fest: „Alles, was nicht schmerzt.“ Und man dürfe nicht auf ihm einschlafen können, dafür gebe es ja schließlich Betten. Träumen sei gerade noch erlaubt, doch vorwiegend seien Stühle zum Arbeiten da. Mit dieser Haltung liegt – oder vielmehr sitzt – er konträr zu Nietzsche, für den Bewegung die Voraussetzung für Denken war. Rund ein Drittel seiner Lebenszeit verbringt ein Deutscher im Sitzen, ob nun zum Denken, Arbeiten, Träumen oder Sonstigem – die Ausstellung zeigt eine erstaunliche Bandbreite an Sitzgelegenheiten. Und auch die Qualität der eingereichten Arbeiten bei diesem wirklich demokratischen Projekt ist verblüffend. Manche sind mehr Konzept oder Witz als Sitz – wie die gepuffte Erbse von Architekt Juergen Meyer H. als „Stuhl eines Erbsenzählers“ betitelt, oder die quadratische Teppichfliese derselben Auslegeware, wie sie den Boden im Designmuseum bedeckt, von Architekturtheoretiker Markus Miessen. Der Beitrag des Berliner Dekorateurstrios Tadan ist noch reduzierter: ein schlichtes, weißes Podest.Doch es gibt auch exquisite Schreinerarbeiten wie den Stuhl des Produktdesignstudenten Moritz Glatte, der ein wenig an Frank Lloyd Wright erinnert. Oder den Dreieckshocker des Designer-Duos Morgun Oh und Emi Shinmura, der komplett ohne Leim und Schrauben konstruiert ist. Architekt Sigurd Larsen hat Schalungsholz von der Baustelle für seinen Stuhl benutzt.Auch 3D-Drucker kamen mehrfach zum Einsatz, wie bei dem fast gläsern wirkenden Bauernstuhl „Heimatlos“ der Zwillingsschwestern Marie und Feline Grub. Und Materialien wie Poolnudeln, Keilrahmen, Betonverbundsteine, Keramik oder Bronze. In Letztere hat die Künstlerin Alicja Kwade den berühmt-berüchtigten weißen Monobloc-Stuhl nachgießen lassen. Mit dem weißen Allüberall-Plastikstuhl spielten zwei weitere Teilnehmer: Volker Albus (Architekt und Designer) und Harald Köhneke (Künstler) schnitzten einen aus Holz, und Albus reichte ebenfalls ein mit einer Louis-Vuitton-Monogramm-Kunstleder-Husse bezogenes Modell namens „Lu Yii Wij Tong“ ein.Gleich vorn in der Ausstellung, als eines der ersten Exponate, steht Konstantin Grcics Monobloc-Stuhl „Bell“, den er vor ein paar Jahren aus recyceltem Polypropylen für das italienische Unternehmen Magis entworfen hat. Als Möbel aus Serienproduktion wäre der Stuhl hier eigentlich fehl am Platz, doch dieser ist ein Unikat: Grcic hat ihn mit den Worten „Game over“ in schillernder Metallicfolie beschriftet. Ein Statement, das die Frage stellt, ob Plastikstühle angesichts des Klimawandels noch einen Platz in unserer Welt haben können. „Sitzen machen!“, Deutsches Design Museum, Berlin, bis 30. MaiAnnemarie Ballschmiter ist Stil-Redakteurin in Berlin. Sie berichtet über Design, Möbel und Trends.