Der andere BlickMerz und Höcke liegen beide historisch danebenIst die AfD die NSDAP? Und sind Westdeutsche eigentlich Deutsch sprechende Amerikaner? Der deutsche Kanzler und der Rechtsausleger der AfD rutschen auf dem glatten Parkett der deutschen Geschichte aus.12.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Teilnehmer dieser Demonstration des Deutschen Gewerkschaftsbundes bringen 2025 ihre Ablehnung von Merz und Höcke zum Ausdruck.Arne Dedert / DPASie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Oliver Maksan, stellvertretender Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die deutschen Politiker Friedrich Merz und Björn Höcke könnten unterschiedlicher kaum sein. Der Kanzler und CDU-Chef steht schon biografisch für die Westbindung und europäische Einbettung der Bundesrepublik Deutschland. Seine erste parlamentarische Station führte den überzeugten Transatlantiker Ende der achtziger Jahre ins Europäische Parlament.Der Thüringer AfD-Chef und Rechtsaussen der Rechtspartei hingegen will die Westbindung Deutschlands nicht nur institutionell, sondern auch kulturell überwinden. Seine Rhetorik strotzt vor nationalromantischem Kitsch.Umso bemerkenswerter ist es, dass sie sich in einem Punkt erstaunlich ähnlich sind: Beide bedienen sich der deutschen Geschichte, um ihre entgegengesetzten politischen Botschaften zu begründen – und beide versteigen sich dabei zu historisch unhaltbaren Aussagen.Merz erklärte jüngst vor Parteifreunden in Mecklenburg-Vorpommern, die AfD stehe «in der Tradition des schlimmsten deutschen Unrechts». Die NSDAP nannte er dabei nicht beim Namen. Gemeint war sie dennoch, wie auch anders. Der AfD-Politiker Höcke hingegen, wie Merz aus Westdeutschland stammend, behauptete jetzt mit Blick auf die Reeducation nach 1945 steil, die Westdeutschen seien letztlich nur Deutsch sprechende Amerikaner. Überlebt habe das Deutschtum nur in Ostdeutschland. In beiden Fällen wird Geschichte für die eigenen politischen Ziele weit über die Belastbarkeitsgrenze hinaus gedehnt.Merz kann für seine Behauptung keine überzeugenden Belege anführen. Sie ist deshalb Geraune und kein ernstzunehmender Debattenbeitrag. Mit der Sozialistischen Reichspartei gab es eine direkte Nachfolgeorganisation der NSDAP, die personell und inhaltlich in Kontinuität zu ihr stand. Diese wurde deswegen in den fünfziger Jahren verboten.Die 2013 als eurokritische Professorenpartei gegründete, danach zweifellos weiter nach rechts gewanderte AfD hingegen steht weder personell noch inhaltlich in irgendeiner Kontinuität zum Nationalsozialismus. Auch ist sie anders als die NPD, heute Die Heimat, keine neonazistische Partei, also ein Aufguss alter Ideen im neuen Gewand.Die AfD ist keine Neonazi-ParteiDie AfD ist vielmehr ein Kind des im ganzen Westen auftretenden Rechtspopulismus. Dieser nährt sich aus der Ablehnung einer Politik, durch die der klassische Nationalstaat etwa durch die Einbindung in transnationale Organisationen wie die EU an Bedeutung verlor. Mit dem Rassemblement national in Frankreich oder den Maga-Republikanern in den USA finden sich Brüder im Geiste.Sie alle eint eine Verachtung der Eliten, anders als die Nationalsozialisten will aber keine dieser Parteien die Demokratie abschaffen und durch einen totalitären Führerstaat ersetzen, auch nicht die AfD. Regierte sie, würde alles Mögliche geschehen, aber sicher kein Angriffskrieg, um Lebensraum im Osten zu schaffen. Dass die Partei sich schwertut, aus dem russischen Angriff auf die Ukraine die richtigen Schlüsse zu ziehen, darf man nicht mit Sympathien für Invasionen verwechseln. Die kalte Schulter für die Ukraine ist vielmehr Folge eines isolationistischen Verständnisses von Aussen- und Sicherheitspolitik. Nationales Interesse wie billige Gasversorgung geht vor europäisches Sicherheitsdenken.Auch ist Antisemitismus nicht die Achse, um die sich die deutsche Rechtspartei dreht. Antisemiten gab und gibt es in ihren Reihen. Dominant sind sie aber nicht. Das Verhältnis zu Israel ist sicherlich ambivalent. In ihr finden sich glühende Israel-Freunde wie die Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch, aber auch solche, die der Geschichte zum Trotz keine besondere Verpflichtung Deutschlands gegenüber dem jüdischen Staat erkennen wollen. Die Distanz weiter Teile der Partei zu Israel ergibt sich aber aus ihren isolationistischen, nicht aus antisemitischen Überzeugungen.Nicht weniger problematisch sind Höckes Aussagen. Seine Behauptung, im Osten der Bundesrepublik lebten die eigentlichen Deutschen, während die Westdeutschen zu «Deutsch sprechenden Amerikanern» geworden seien, ist historisch unhaltbar.Natürlich nahmen die westlichen Besatzungsmächte durch die Reeducation Einfluss auf Mentalität und politische Institutionen der jungen Bundesrepublik. Und bis zur Wiedervereinigung und dem Zwei-plus-vier-Vertrag war die Bundesrepublik nur teilsouverän.Das hinderte weite Teile der Bevölkerung aber nicht daran, einem ausgeprägten Antiamerikanismus zu frönen. Der SPD-Kanzler Gerhard Schröder spielte auf dieser Klaviatur, als er – im Rückblick richtig – den Amerikanern schroff die Gefolgschaft für den Irakkrieg verweigerte. Seine Justizministerin Herta Däubler-Gmelin verglich George W. Bush gar mit Hitler. Nach westdeutschem Stockholm-Syndrom klingt das nicht.Gleichzeitig konnte die Reeducation an Deutschlands demokratische Traditionen anknüpfen. Die gibt es bekanntlich seit dem frühen 19. Jahrhundert und sind damit nicht einfach ein Fremdimport. Der Geschichtslehrer Höcke vermag das offenbar nicht zu erkennen oder verschweigt es bewusst – und macht sich damit letztlich linke Geschichtsdeutungen zu eigen, wonach die deutsche Geschichte seit Luther über Bismarck unentrinnbar auf Hitler zulief, während es auch ohne Amerikaner genügend Abzweigungen gegeben hätte.Die DDR war kein selbstbestimmter StaatHinzu kommt, dass gerade die DDR kein selbstbestimmter Staat war. Die aus der sowjetischen Besatzungszone hervorgegangene andere deutsche Republik war bis zu ihrem Ende von Moskau in viel stärkerem Masse bestimmt und abhängig, als es die Bundesrepublik zu irgendeinem Zeitpunkt von Washington war. Das blieb nicht ohne Wirkung auf ihre Bürger. Dass sich ostdeutsche AfD-Politiker Putins Russland näher fühlen als Trumps Amerika, hat damit zu tun.Merz und Höcke dienen ihren Parteien mit ihren Äusserungen nicht. Der Kanzler diffamiert durch seine historisch unhaltbaren Unterstellungen nicht nur die AfD, sondern auch ihre Wähler oder Sympathisanten. Merz hat sich offenbar vom früher ausgegebenen Ziel verabschiedet, die in den Umfragen führende AfD politisch zu stellen, und holt stattdessen das grobe geschichtspolitische Besteck hervor. Von der Stange gegangene CDU-Wähler dürfte er damit bei den bevorstehenden Wahlen in ostdeutschen Bundesländern kaum zurückholen.Höcke wiederum will seine Partei offenbar als Ostpartei einmauern. Der Westwanderung der AfD, die sich in den vergangenen Wahlen gezeigt hat, dient das nicht. Entsprechend viel Unmut gibt es in der Partei wegen Höckes Aussagen.Zur Beruhigung der immer nervöser werdenden deutschen Demokratie tragen weder Merz noch Höcke bei. Im Gegenteil. Sie dehnen den Streit sogar auf die Geschichte aus.Passend zum Artikel