Der andere BlickMinderheitsregierungen mit AfD-Stimmen? Aus der SPD schallt ein Ruf der VernunftDen deutschen Sozialdemokraten sitzt die Rechtspartei besonders in Ostdeutschland im Nacken. Es ginge auch anders. Der frühere SPD-Politiker Torsten Albig hat dafür einen guten Vorschlag.26.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSPD-Anhänger demonstrieren 2024 in Berlin gegen die AfD.GettySie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Oliver Maksan, Stellvertretender Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Selbst in der SPD gibt es manchmal noch Rufe der Vernunft. Ein solcher kam soeben vom früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Torsten Albig. Er forderte seine niedergehende Partei jetzt auf, mit Blick auf die ostdeutschen Landtagswahlen im Herbst über Minderheitsregierungen mit wechselnden Mehrheiten nachzudenken. Das Neue: Ausdrücklich schloss er die AfD als Mehrheitsbeschafferin ein.SPD-Wähler liefen in Scharen zur AfD überZu Recht sieht Albig darin eine Möglichkeit, in Scharen zur AfD abgewanderte SPD-Wähler zurückzuholen. Schliesslich wird ihnen durch die undemokratische Brandmauer signalisiert, dass auch ihre Anliegen verwerflich seien. Zwar behaupten SPD-Politiker das Gegenteil. Tatsächlich tut die sich als Umverteilungs- und Migrantenpartei verstehende SPD inhaltlich aber nichts, um verlorene Wähler zurückzuholen.Schade nur, dass die SPD solcher Vernunft derzeit nicht zugänglich ist. Die innerparteilichen Reaktionen auf die Forderung nach einem Ende der Brandmauer waren erwartbar ablehnend.Dennoch bleibt der Vorstoss in der Sache richtig. Albig hat die Empirie auf seiner Seite. Dass die Brandmauer zur AfD erkennbar nicht funktioniert, zeigt sich nicht nur auf Bundesebene, wo die Partei stabil in den Umfragen führt.In Sachsen-Anhalt hat die Rechtspartei gar begründete Aussichten, eine absolute Mehrheit der Mandate zu erringen. Die SPD hingegen könnte den Wiedereinzug in das Landesparlament verpassen.Es bedarf also neuer Ideen. Dass sie von einem Sozialdemokraten kommen, macht sie der Öffentlichkeit vermittelbarer. Nach Lage der Dinge muss ein Vorstoss für ein Ende der Brandmauer von links der Mitte kommen. Andernfalls wäre das Verhetzungspotenzial zu gross.Der CDU steckt noch in den Knochen, wie die linken Parteien bei der vergangenen Bundestagswahl gegen sie mobilisierten. Damals brachte der Parteichef Friedrich Merz erst schmissig, dann zaudernd einen Antrag zur Migrationspolitik in den Bundestag ein, der erstmals mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit fand. Linkspartei, SPD und Grüne wähnten die Demokratie in Gefahr und hatten ihr Wahlkampfthema gefunden. Merz muss sich bis heute des Eindrucks erwehren, ein unsicherer Kantonist zu sein.Beispiele für politische Paradigmenwechsel durch Akteure, von denen man es nicht erwartet hätte, lassen sich in der Aussenpolitik finden. So war es der rechtsgerichtete israelische Ministerpräsident Menachem Begin, der Frieden mit Ägypten schloss, von dem sein Land noch heute profitiert. Und der US-Präsident Richard Nixon streckte seine Hände Maos China entgegen, um einen Keil ins kommunistische Lager zu treiben. Der SPD-Kanzler Gerhard Schröder wiederum leitete Sozialreformen ein, von denen Deutschland lange zehrte.Auf die heutige deutsche Innenpolitik übertragen hiesse das: Die deutsche Sozialdemokratie bindet die AfD ein, ohne ihr deswegen einen Persilschein auszustellen oder ihr die Machtinstrumente der Exekutive zu übertragen. Ihr Verdienst wäre, dem deutschen Parteiensystem aus einer Blockade geholfen zu haben. Belohnt würde sie durch erweiterte Optionen bei der Mehrheitsfindung jenseits starrer Koalitionen. Die dänischen Sozialdemokraten machen es vor.Die SPD muss einen Politikwechsel wollenVoraussetzung wäre freilich, dass man an die AfD verlorene Wähler durch einen glaubwürdigen Politikwechsel zurückgewinnen will. Dann ergeben Minderheitsregierungen mit wechselnden Mehrheiten erst Sinn. Am ehesten wäre das in Mecklenburg-Vorpommern vorstellbar, wo die regierende SPD zwar deutlich hinter der AfD liegt, aber vor allen anderen Parteien. Dort könnten eine moderate Linke wie Manuela Schwesig und ein pragmatischer Rechter wie der AfD-Chef Leif-Erik Holm in Sachfragen fallweise tatsächlich zueinanderfinden.Schon im parlamentarischen Verfahren wäre die AfD gezwungen, sich zu positionieren. Bruchlinien träten zutage. Schnell müsste die AfD wie jede andere Partei auch Farbe bekennen und Kompromisse eingehen. Der Streit wäre in ihr Lager getragen. Denn radikalere AfD-Landesverbände wie der Thüringer würden mitnichten einfach stillhalten, wenn sich andere ostdeutsche Parteiverbände kompromissbereit gäben.Die Alternative wären die bis anhin favorisierten Allparteienbündnisse über politische Lagergrenzen hinweg. Diese verschlimmern das Übel. Sie rufen bei vielen Ostdeutschen wenig überraschend Erinnerungen an die Nationale Einheitsfront wach, wie es sie in der DDR gegeben hat. Letztlich beschädigen sie die Parteiendemokratie so mehr, als sie sie schützen.In Ostdeutschland mit seiner geringeren Parteienbindung und lebhaften Erinnerung an alle Formen kartellierter Macht droht das deutsche Parteiensystem erst recht dysfunktional zu werden. Die östlichen Bundesländer könnten aber gleichzeitig der Ausgangspunkt neuer politischer Modelle sein, die besser in die Zeit passen. Die SPD hat den Schlüssel dazu in der Hand.70 KommentareJörg Quitt vor 1 Stunde1 EmpfehlungAus der SPD schallt Vernunft - welche SPD meint Herr Maksan damit?Stefan Rehberg Gestern4 EmpfehlungenDer bis vor kurzem amtierende Ministerpräsident von Sachsen Anhalt zum Beispiel,Herr Hasselhoff, maulte bis kurz vor Amtsabgabe, er müsse, sollte die AFD eine Regierung stellen, wohl aus seinem geliebten Bundesland wegziehen. Der Mann regierte seit 2011 ununterbrochen in wechselnden Koalitionen. Die AFD wurde 2013 erst gegründet. Mit keiner Silbe kam der Mann auf den Gedanken, der Aufstieg dieser Partei - auch und gerade in seinem Bundesland - könne etwas mit ihm und seiner über Jahre verfolgten Politik zu tun haben. Realitätsverlust scheint mir ein zu mildes Wort dafür. Man könnte es vielleicht "incontinentia memorabilis nennen.Passend zum Artikel