Neuer ORF-Chef: Clemens Pig übernimmt einen Sender in der GlaubwürdigkeitskriseÖsterreichs grösstes Medienhaus bekommt nach dem unrühmlichen Rücktritt seines Generaldirektors wegen sexueller Belästigung eine neue Führung. Die Bestellung erfolgte nach den Wünschen der Politik.12.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer künftige ORF-Chef Clemens Pig leitete in den vergangenen zehn Jahren die Nachrichtenagentur APA und gilt als Experte für Digitalisierung.Roland Schlager / APAEs war ein Start-Ziel-Sieg. Der Stiftungsrat des öffentlichrechtlichen Senders ORF hat in der Nacht zum Freitag nach einer mehr als 15-stündigen Sitzung Clemens Pig zum neuen Generaldirektor von Österreichs grösstem Medienunternehmen gewählt. Der 52-Jährige leitete in den letzten zehn Jahren die österreichische Nachrichtenagentur APA und galt als Favorit unter insgesamt neun Kandidaten, die für Hearings geladen worden waren. Bereits vor einem Monat verkündeten Boulevardmedien, die Entscheidung für Pig sei de facto gefallen – notabene gut zwei Wochen vor Ablauf der offiziellen Bewerbungsfrist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dies wirft ein grelles Licht auf das Verfahren: Formell wählen die 35 Stiftungsräte den ORF-Chef unabhängig und weisungsfrei. Tatsächlich ist das Aufsichtsgremium des Senders aber komplett verpolitisiert und in sogenannten Freundeskreisen organisiert, inoffiziellen Fraktionen der Parteien. Die einstigen Grossparteien ÖVP und SPÖ, die sich die Republik seit Jahrzehnten bis in den hintersten Winkel aufteilen, haben im Stiftungsrat zusammen eine klare Mehrheit.Bundeskanzler Stocker sprach persönlich mit den KandidatenEs ist denn auch ein offenes Geheimnis, dass jeweils auf höchster politischer Ebene über den ORF-Chef entschieden wird. Laut nie dementierten Medienberichten wurde in der seit gut einem Jahr regierenden Dreierkoalition aus ÖVP, SPÖ und der liberalen Partei Neos vereinbart, dass das Vorschlagsrecht für den einflussreichen Posten der konservativen Kanzlerpartei zukommt. Die SPÖ darf im Gegenzug über weitere Führungsfunktionen im ORF bestimmen.Dem Vernehmen nach führte Bundeskanzler Christian Stocker persönlich Gespräche mit allen aussichtsreichen Bewerbern. Früh hiess es, Pig sei der Wunschkandidat seiner ÖVP. Ihr Generalsekretär sprach dies in einem Interview sogar recht offen aus.Der ehemalige APA-Chef wehrte sich gegen diese «Schubladisierung» und betonte im Vorfeld, keinerlei Zusagen zu haben. Als Experte für Digitalisierung, der die journalistisch seriöse Nachrichtenagentur auch wirtschaftlich erfolgreich führte, ist er durchaus geeignet als ORF-Chef. Dennoch schadete ihm die wochenlange Debatte. Dass die Politik über den «General» entscheide, sei zwar nicht neu, schrieb etwa das Nachrichtenmagazin «Profil». Aber selten sei dies «so plump, so früh und so sichtbar» geschehen.FPÖ-Anhänger wollen Ernennung anfechtenEin FPÖ-naher Stiftungsrat kündigte deshalb bereits vor den über den ganzen Donnerstag hindurch abgehaltenen Hearings an, die Ernennung anfechten zu wollen. Das ist insofern brisant, da erstmals für eine ORF-Wahl das vor zwei Jahren beschlossene Medienfreiheitsgesetz der EU gilt, das unter anderem transparente und objektive Kriterien für die Bestellung von Geschäftsführern öffentlich-rechtlicher Medien verlangt. Andere, namentlich politische Gründe dürfen keine Rolle spielen. Bei bewussten Pflichtverletzungen können Stiftungsräte auch persönlich haftbar gemacht werden.Ob allfällige Beschwerden Aussicht auf Erfolg haben, ist offen. Kaum jemand bestreitet, dass Pig ein fähiger Medienmanager ist. Ihm fehlt aber TV- und Radioerfahrung, die andere Anwärter im hochkarätigen Feld mitbrachten. So bewarb sich etwa der langjährige Geschäftsführer der privaten Sendergruppe Puls 4, Markus Breitenecker, der zuletzt im Vorstand des deutschen Mutterkonzerns ProSiebenSat.1 sass. Auch die ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer und der einst bei amerikanischen Streamingdiensten wie HBO und Hulu tätige Johannes Larcher galten als kompetente Kandidaten. Sie erhielten alle aber nur wenige Stimmen.Pig haftet nun unverschuldet der Makel an, den Chefposten primär wegen politischer Packelei erhalten zu haben – und entsprechend liefern zu müssen. Das schadet dem ganzen ORF, der sich von der FPÖ seit Jahrzehnten vorwerfen lassen muss, ein Sprachrohr der Regierung zu sein. Am lautesten wehrt sich deshalb jeweils die ORF-Redaktion gegen die Einflussnahme der Parteien.Das selbst parteiintern kritisierte Vorgehen ist aber auch ein Risiko für die ÖVP. Ihr Fraktionschef August Wöginger wurde erst vor gut einem Monat wegen Amtsmissbrauchs verurteilt, weil er einem Parteifreund eine Stelle zugeschanzt hatte. Er musste daraufhin von seiner Funktion zurücktreten. Solche Postenschieberei war stets üblich in Österreich, ist in der Bevölkerung aber höchst unpopulär. Nun führt die ÖVP ihre diesbezügliche Expertise wieder in aller Öffentlichkeit vor – trotz der Rüge durch die Justiz im «Fall Wöginger».Der ehemalige ORF-Chef drängte eine Mitarbeiterin zu SexUnabhängig vom fragwürdigen Ernennungsprozedere steht Pig vor grossen Herausforderungen. Der ORF hat äusserst turbulente Wochen hinter sich, die seine Glaubwürdigkeit beschädigt haben. Pigs Wahl wurde erst möglich, weil der ehemalige Generaldirektor Roland Weissmann im März zurücktreten musste und damit für eine ursprünglich wahrscheinliche zweite Amtszeit nicht mehr infrage kam. Er hatte jahrelang eine Mitarbeiterin zu einem sexuellen Verhältnis gedrängt und ihr dabei unaufgefordert auch intime Fotos zugeschickt.Im Zuge dieser Affäre lässt die interimistische Sender-Chefin Ingrid Thurnher weitere Fälle von Machtmissbrauch und Sexismus verschiedener Führungskräfte neu untersuchen. Exorbitante Gehälter mancher Manager sind ein weiteres Thema, das insbesondere die FPÖ regelmässig skandalisiert.Die stärkste Partei des Landes will den «Staatsfunk» in seiner jetzigen Form ebenso abschaffen wie die ORF-Gebühren. Die in den vergangenen Wochen bekannt gewordenen Skandale leisten dieser Position Vorschub, auch wenn der Sender regelmässig die höchsten Vertrauenswerte aller Medien in Österreich verzeichnet. Thurnher bewarb sich nicht um eine reguläre Amtszeit, weil sie in ihren verbleibenden Monaten an der Spitze des Unternehmens schonungslos aufräumen will. Diese Aufgabe wird kaum bis Ende Jahr erledigt sein. Dann muss Pig sie übernehmen.Das Geld ist knapp, doch Pig will expandierenDazu kommt finanzieller Druck. Bereits in den vergangenen drei Jahren musste der ORF insgesamt 300 Millionen Euro einsparen. Ausserdem wurde die Haushaltsabgabe gesetzlich bis mindestens 2029 bei rund 15 Euro eingefroren, was angesichts der nach wie vor hohen Inflation weitere Kürzungen erfordert. Am Mittwoch gab Finanzminister Markus Marterbauer in seiner Budgetrede bekannt, dass ab 2027 auch eine jährliche Steuerkompensation im Umfang von 93 Millionen Euro gestrichen wird. Das entspricht fast zehn Prozent der Einnahmen – oder den Produktionskosten von 49 «Tatort»-Folgen, wie der «Kurier» vorrechnete.Schon vor zwei Wochen erklärte Thurnher, diese Pläne rüttelten an den Grundfesten des ORF und würden für das Publikum spürbar. Wie Pig die Sparvorgaben konkret umsetzen will, ist offen. In einer Art Casting-Show der Kandidaten am Montag auf ORF III sprach er sich für einen Ausbau der Korrespondentenbüros, die Beibehaltung teurer Sportübertragungen und von Unterhaltungssendungen wie «Dancing Stars» aus.Passend zum Artikel
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Österreichs grösstes Medienhaus bekommt nach dem unrühmlichen Rücktritt seines Generaldirektors wegen sexueller Belästigung eine neue Führung. Die Bestellung erfolgte nach den Wünschen der Politik.







