In Belfast brennen Busse. Netzwerke, die Nordirland in Brand gesetzt haben, mobilisieren und wachsen. In London verliert die Regierung von Premierminister Keir Starmer Wähler an eine Partei, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab. Die wachsende Skepsis kommt nicht von ungefähr. Im politischen Gefüge des Vereinigten Königreichs zeichnet sich seit Jahren ein Trend ab: In acht Jahren fünf Premierminister, ein historischer Austritt aus der EU, eine Wirtschaftskrise, und nun eine Rechtsaußen-Partei, die heute stärker dasteht als die regierende Labour-Partei. Die Ausschreitungen von Belfast sind nicht der Anfang dieser Krise. Sie sind ihr vorläufiger Höhepunkt.

Die neue Reform-UK-Partei ist ebenso keine Randerscheinung mehr. Laut aktuellen Umfragen liegt die Partei von Nigel Farage mit 24 Prozent vor den Konservativen und der regierenden Labour-Partei. In Projektionen würde sie bei einer Wahl heute 188 Sitze gewinnen. Das ist der politische Kontext, in dem die Ausschreitungen von Belfast stattfanden.

Tim Bale, Professor für Politikwissenschaft an der Queen Mary University London, sieht darin kein britisches Sonderproblem, sondern ein europäisches Muster. Mainstream-Parteien hätten überall denselben Fehler gemacht: Sie hätten Asylregeln verschärft, Abschiebungen beschleunigt und Grenzen stärker kontrolliert, in der Hoffnung, damit Wähler von der Rechten zurückzugewinnen. Das Gegenteil sei eingetreten. Je stärker sie das Thema Migration in den Vordergrund rückten, desto mehr profitierten die Rechtsaußen-Parteien davon. „Die Wähler bevorzugen das Original vor der Kopie“, erklärt Bale der Berliner Zeitung. Wer das Spiel der Rechten spiele, werde es nicht gewinnen.