Der andere BlickMario Voigts KI-Texte sind nur die Spitze des Eisbergs: Die CDU in Ostdeutschland hat ein PersonalproblemDer Thüringer Ministerpräsident ist ein Meister der Leerformeln. Dafür nutzten seine Mitarbeiter offenbar auch künstliche Intelligenz. Dass sie darin kein Problem sehen, lässt tief blicken.11.06.2026, 18.15 Uhr4 Leseminuten«Leer und zugleich unendlich tief»: Mario Voigt von der CDU ist seit Dezember 2024 Ministerpräsident von Thüringen.ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Nathan Giwerzew, Redaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mario Voigt galt im ostdeutschen Bundesland Thüringen einmal als christlichdemokratischer Hoffnungsträger. Statt aus Westdeutschland stammte er aus dem thüringischen Jena, er hatte einen Doktortitel, und er eckte nicht an. Ihn zum Ministerpräsidenten zu küren, war für seine Partei naheliegend. Doch anderthalb Jahre nach seinem Amtsantritt ist sein guter Ruf passé.Zuerst beschädigten Plagiatsvorwürfe Voigts Ansehen. Die Universität Chemnitz entzog ihm im vergangenen Jahr den Doktortitel, weil er in seiner Dissertation unsauber gearbeitet haben soll. Dann kam durch Recherchen mehrerer Medien heraus, dass Voigts Mitarbeiter grossflächig künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt hatten, um dessen Reden und Gastbeiträge zu erstellen.Besonders verwerflich ist, dass höchstwahrscheinlich auch Voigts Rede zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald KI-generiert war. Voigt sagte, die Augen der Überlebenden seien «leer und zugleich unendlich tief» gewesen. Derart schiefe Sprachbilder sind typisch für KI. Auch die Gastbeiträge des thüringischen Ministerpräsidenten in der «Welt» und der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sind in einer Sprache gehalten, die wohl kaum menschlichen Ursprungs ist.Voigts «Welt»-Beitrag, den er mit seinem sachsen-anhaltischen Amtskollegen Sven Schulze eingereicht hat, liest sich stellenweise absurd. Die «Kontinuität» deutscher Musik sei «keine Nostalgie», sondern «Argument», heisst es darin. Was das bedeuten soll, ist völlig rätselhaft. Voigts Text in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» wiederum enthält Zitate, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Wahrscheinlich hat sie eine KI halluziniert. Das Blatt hat ihn inzwischen zurückgezogen.Die CDU bestrafte die EigenwilligenNun mag man einwenden, deutsche Politiker hätten immer schon Redenschreiber beschäftigt, und Plagiatsvorwürfe gegen Politiker seien nichts Neues. Das greift aber zu kurz. Es ist schamlos, die KI über den Holocaust sprechen zu lassen und deren Geplapper einfach zu übernehmen. Es ist dreist, Zeitungen Gastbeiträge unterzujubeln, die zum Grossteil aus der Maschine stammen. Die Affäre zeigt, dass die CDU im Osten Deutschlands ein massives Personalproblem hat. Bis auf Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer kann sie derzeit keine aktiven Spitzenpolitiker von Format vorweisen. Das hat sie sich selbst zuzuschreiben.In den Jahren, als die CDU in manchen ostdeutschen Bundesländern Wahlergebnisse von über 40 Prozent holte, hat sie kaum starke Kader aufgebaut. Später setzte sie jeden Spitzenpolitiker vor die Tür, der ihre bisherige Linie im Umgang mit der AfD infrage stellte. So blieben irgendwann nur noch die Blassen und Linientreuen übrig.2020 stürzte die sachsen-anhaltische CDU ihren Innenminister und Landeschef Holger Stahlknecht, weil er eine CDU-geführte Minderheitsregierung ins Spiel gebracht hatte, sollte die bisherige Regierung mit der SPD und den Grünen scheitern. Die CDU knickte vor ihren Koalitionspartnern ein, weil sie nichts mehr fürchtete, als im Parlament von der AfD geduldet und von der SPD und den Grünen boykottiert zu werden. Stahlknecht trat zurück, der bis dahin kaum bekannte Schulze beerbte ihn als Landeschef.In dem gleichen Jahr hatten die thüringischen Christlichdemokraten den beliebten Landeschef Mike Mohring abgesägt. Sein Vergehen war, dass er in einer Sachfrage mit der AfD übereinstimmte: dass es klüger sei, den damaligen FDP-Kandidaten Thomas Kemmerich anstatt des Linkspartei-Politikers Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten zu wählen. Auf Mohring folgte der inhaltlich schwer greifbare Voigt. Das rächt sich jetzt.KI-Sprache passt zu stromlinienförmiger PolitikVor über fünfzig Jahren karikierte der Komiker Loriot deutsche Politiker als Sprechautomaten. Seine Figur Karl-Heinz Stiegler gab im Bundestag eine Leerformel nach der anderen von sich, im Plenum erntete sie Applaus. Dass die CDU einmal einen Politiker solchen Typs an die Spitze einer Landesregierung befördern könnte, hätte sich möglicherweise nicht einmal Loriot ausmalen können.Dabei gibt es einige Parallelen zwischen profillosen Politikern und KI-Programmen. Die Texte, die KI-Programme üblicherweise erzeugen, ecken nicht an, weil sie es ihrem Benutzer so recht wie möglich machen wollen; ähnlich verhält sich der angepasste Politiker gegenüber seiner Parteispitze. KI-Texte wirken austauschbar, weil die KI nicht denkt, sondern bloss Wahrscheinlichkeiten kalkuliert. Ein gewiefter Parteipolitiker taktiert auf eine vergleichbare Weise.Deshalb sind KI-Programme wie gemacht für einen politischen Betrieb, der Stromlinienförmigkeit belohnt. Ausgerechnet die Thüringer Staatskanzlei lieferte dafür indirekt die Bestätigung. Zu Voigts Gastbeiträgen teilte sie mit, der Einsatz von KI gehöre zum «Arbeitsalltag moderner Organisationen». Man wolle Thüringen «fit für die Zukunft» machen.Sicher kann der Einsatz von KI in der Verwaltung hilfreich sein. Politik erschöpft sich aber nicht in administrativen Prozessen. Die wichtigste Währung zwischen der Politik und den Bürgern ist die Glaubwürdigkeit; das müsste Voigt gerade angesichts der Plagiatsvorwürfe wissen, die schon seit längerem gegen ihn im Raum stehen. Wer so agiert, erweist der Demokratie einen Bärendienst.2 KommentareDieter Schulz vor 3 MinutenWenn KI zum "Arbeitsalltag moderner Organisationen" gehört, dann sollte man vielleicht auch den Ministerpräsidenten durch eine KI ersetzen.