Seit Tagen steht die Aktie von Siemens Energy unter Druck, weil der Markt Überkapazitäten bei Gaskraftwerken befürchtet. Das Kursminus beträgt in den vergangenen vier Wochen ein Fünftel. Den Sorgen der Börse ist der Vorstandsvorsitzende des Energietechnikkonzerns, Christian Bruch, auf einer Presseveranstaltung in dieser Woche in Hamburg entgegengetreten: „Dass wir in Überkapazitäten hineinlaufen, erwarte ich nicht. Wir arbeiten gerade den riesigen Überhang an Aufträgen ab.“Bruch: „Wir feuern aus allen Zylindern“Der hohe Bedarf an Gasturbinen führt nach seinen Angaben zu einer hohen Auslastung bei Siemens Energy. „Wir feuern aus allen Zylindern.“ Trotzdem betrage die Wartezeit für große Turbinen sowie für Transformatoren derzeit bis zu vier Jahre. „Wir befinden uns in einem Superzyklus im Gasgeschäft“, sagte der im Vorstand für Gaskraft verantwortliche Karim Amin. Den Höhepunkt des Zyklus sieht er noch nicht erreicht. Jedoch räumte Amin ein, dass auch das Gasgeschäft nicht immer wachsen werde.Nach seinen Worten hat Siemens Energy derzeit für Gasturbinen Aufträge im Volumen von 87 Gigawatt, einschließlich Reservierungen, in den Büchern. Zum Jahresanfang seien es 70 Gigawatt gewesen. Fest bestellt seien 60 Gigawatt und 27 Gigawatt reserviert. Aus dem mit den Aufträgen verbundenen Servicegeschäft erwartet der Gasvorstand in den nächsten 20 Jahren ein Umsatzpotential von 35 Milliarden Euro. Zuversichtlich stimmt den Vorstand von Siemens Energy der hohe Strombedarf in der Welt, der sich bis zum Jahr 2050 verdoppeln soll.Die Treiber dafür seien die Elektrifizierung, das Heizen und Kühlen, der digitale Fortschritt aufgrund der Künstlichen Intelligenz (KI) sowie das industrielle Wachstum, sagte Amin. Für ihn wird Gas dabei eine wesentliche Rolle als verlässliche Energieform spielen. Vorstandschef Bruch erwartet aufgrund des steigenden Strombedarfs keine Veränderung der Nachfrage nach Gaskraftwerken und Netztechnik. Ein wesentlicher Treiber ist seiner Aussage zufolge der Energiebedarf für KI-Rechenzentren.KI-Rechenzentren sorgen für Rekord im AuftragseingangDas führe in den Vereinigten Staaten zu einem Installierungsvolumen, das es so bisher nicht gegeben habe. Im zweiten Quartal sorgte die Nachfrage für Rechenzentren für Rekorde im Auftragseingang und damit auch im Auftragsbestand. Davon profitiert neben dem Gasgeschäft auch die Netztechniksparte. Im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2025/26 (per 30. September) erreichte der Auftragseingang mit 17,7 Milliarden Euro ein Allzeithoch. Der Auftragsbestand lag mit 154 Milliarden Euro um 21 Milliarden Euro höher als zwölf Monate zuvor.Auch wenn das Geschäft derzeit auf Hochtouren läuft, fordert Bruch von der Bundesregierung mehr Tempo im Bau der neuen Gaskraftwerke. Die Ausschreibung müsse in diesem Jahr für die Betreiber kommen. „Wir wollen in Deutschland einen Teil der zusätzlichen Kapazitäten produzieren. Es muss etwas in diesem Jahr passieren“, sagte der Siemens-Energy-Chef. Die Bundesregierung will neue Kraftwerke im Volumen von zwölf Gigawatt ausschreiben. Davon entfallen zehn Gigawatt auf moderne Gaskraftwerke, die später auf Wasserstoff umgerüstet werden können.Davon sollen in diesem Jahr Gaskraftwerke im Volumen von neun Gigawatt ausgeschrieben werden. Derzeit steht noch die beihilferechtliche Genehmigung der EU-Kommission aus. Erst danach können die Gaskraftwerke ausgeschrieben werden. Mit Gasturbinen kennt sich Siemens Energy bestens aus. Nach den Worten vom Spartenchef Amin sind derzeit mehr als 7000 Gasturbinen von Siemens Energy weltweit im Einsatz, die wertvolle Informationen für die Entwicklung neuer Turbinen lieferten.Kann sich über eine hohe Nachfrage freuen: Christian Bruch, Vorstandsvorsitzender von Siemens EnergyReutersZindel: „Wir müssen aus der Kohle raus“Für Erik Zindel, Leiter Dekarbonisierung in der Gassparte, werden Erneuerbare Energien, Gaskraftwerke und Stromspeicher wie Batterien gemeinsam das Energiesystem der Zukunft sichern. Moderne Gas- und Dampfkraftwerke reduzieren seinen Angaben zufolge die CO₂-Emissionen um bis zu zwei Drittel im Vergleich zu den zu ersetzenden alten Kohlekraftwerken. „Die CO₂-Gesamtemissionen in Deutschland könnten so um 15 bis 20 Prozent gesenkt werden“, sagte Zindel.Aktuell betragen die Emissionen in der Stromerzeugung Zindel zufolge 157 Millionen Tonnen, davon entfallen 101 Millionen Tonnen CO₂ auf die Kohlekraftwerke. „Wir müssen aus der Kohle raus“, sagte Zindel. Für Anne-Laure de Chammard, die im Vorstand die Sparte für Industrielösungen (Transformation of Industry) verantwortet, wird in der Energieversorgung der Zukunft Wasserstoff eine wichtige Rolle spielen. „Die Technologie ist auf gutem Weg, dass grüner Wasserstoff bald so günstig sein wird wie grauer Wasserstoff“, sagte die Französin.„Wie lange das dauert, werden wir sehen, bis 2030 wäre natürlich schön.“ Ihren Worten zufolge steht die Industrie im Zentrum der Energiewende. Auf sie entfielen ungefähr 40 Prozent der Energienachfrage in der Welt und 30 Prozent der CO₂-Emissionen. Ihre Sparte hat im ersten Halbjahr die Profitabilität gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 11,4 auf 11,9 Prozent verbessern können. Im laufenden Geschäftsjahr soll die Sparte eine Marge von elf bis 13 Prozent erzielen – bei einem Umsatzwachstum zwischen fünf und sieben Prozent.Bruch setzt Gamesa unter RenditedruckDeutliche Fortschritte macht auch die Sanierung des Sorgenkinds Siemens Gamesa. Die für Windkraft zuständige Einheit wird nach Bruchs Worten in diesem Geschäftsjahr voraussichtlich ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. „Danach werden wir auf die Entwicklung der Profitabilität achten“, sagte er. „Sollte die Sparte eine deutlich schwächere Rendite erreichen als unsere anderen Einheiten und wir keine Perspektiven für eine Besserung sehen, dann müssen wir uns natürlich Gedanken machen, ob und wie der Bereich dauerhaft ein Teil von Siemens Energy sein kann.“Bruch möchte vor dem Jahr 2030 ein klares Bild haben. Was das bedeutet, weiß am besten Vinod Philip, der im Vorstand für Gamesa zuständig ist: „Im Geschäftsjahr 2027/28 streben wir eine operative Gewinnmarge von drei bis fünf Prozent an. Dann wollen wir auch eine Perspektive haben, ob das Windgeschäft mittelfristig eine Marge im hohen einstelligen Prozentbereich erreichen kann.“ Je profitabler das Windgeschäft sei, desto größer seien die Optionen, zum Beispiel auch bei Partnerschaften.Die Windkraft ist für Philip eine Säule des Energiesystems und trägt entscheidend zur Resilienz der Energieversorgung bei, weil sie die Abhängigkeit von Importen verringert. Dafür stehe Spanien, das viel Energie aus der Windkraft gewinne. Dort sei der Strom deutlich günstiger als im Rest von Europa.Bei den Plänen der EU für den Ausbau der Windturbinen auf See (offshore) gebe es deutliche Verzögerungen, kritisierte Philip. Bis zum Jahr 2030 seien 120 Gigawatt geplant gewesen, gegenwärtig würden bei gleichbleibendem Tempo knapp 80 Gigawatt erreicht. „In Deutschland liegen wir derzeit bei zehn Gigawatt gegenüber geplanten 30 Gigawatt“, fügte Philip hinzu. Die Politik muss seinen Worten zufolge die geplanten Projekte schnellstmöglich ausschreiben, und dann müssten sie umgesetzt werden. Großbritannien und Polen gingen hier mit gutem Beispiel voran.
Der Superzyklus von Siemens Energy
Vorstandschef Christian Bruch fordert von der Bundesregierung mehr Tempo beim Bau neuer Gaskraftwerke. Überkapazitäten befürchtet er nicht – auch wenn das die Börse zuletzt anders gesehen hat.










