Darf ein Politiker eine Rede zum Holocaust-Gedenktag oder zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald halten, die von einer KI erstellt wurde? In denen es etwa über die Überlebenden des KZ heißt: „Ihre Augen waren leer und zugleich unendlich tief“? Darf er Reden halten und Gastbeiträge in Zeitungen veröffentlichen, die großteils oder ganz von Künstlicher Intelligenz erstellt wurden, ohne das zu kennzeichnen? Das sind Fragen, die sich Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt stellen lassen muss. Sie kommen wenige Monate nachdem dem CDU-Politiker der Doktorgrad von der TU Chemnitz infolge einer Plagiatsanzeige entzogen wurde.Vor wenigen Tagen hatte das Portal „Frag den Staat“ einen Artikel zur Verwendung von KI durch Voigt veröffentlicht. Mithilfe des Analyseprogramms Pangram kam der Autor zu dem Schluss, dass in zahlreichen Reden Voigts große Teile von einer KI erstellt worden waren, einige Reden sogar vollständig. Zudem wurde demnach bei drei von vier Gastbeiträgen Voigts ein KI-Anteil von hundert Prozent angezeigt.Das betraf auch einen Gastbeitrag in der F.A.Z. von August 2025, in dem Voigt vor der Gefahr von Smartphones für Kinder warnt. In dem Beitrag wurden drei Wissenschaftler zitiert. Deren Zitate konnten allerdings in Büchern, Aufsätzen oder Onlinebeiträgen nicht nachgewiesen werden. Der Verdacht liegt nahe, dass die KI die Zitate erfunden und den Wissenschaftlern zugeschrieben hat. Die F.A.Z. hat deshalb den Beitrag depubliziert und in ihrem Archiv gesperrt, weil er mutmaßlich den selbst gesetzten Regeln für den Umgang mit KI widerspricht.Den Anlass für die Recherche von „Frag den Staat“ hatte Voigt kürzlich selbst geliefert. Zusammen mit Sven Schulze, dem CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, hatte er in der vergangenen Woche einen Beitrag in der Zeitung „Die Welt“ veröffentlicht, in dem die Politiker für mehr deutsche Musik im Radio werben. Dieser Beitrag soll, wie es in mehreren Veröffentlichungen heißt, von einer KI erstellt worden sein.„Ich kann die Aufregung nicht nachvollziehen“Voigt ging angesichts heftiger Kritik daran in die Vorwärtsverteidigung. „Ich kann die Aufregung darüber nicht nachvollziehen“, sagte er. Er könne nur alle, „auch in der Thüringer Landesregierung“, ermutigen, KI als Werkzeug zu nutzen – natürlich mit kritischer Prüfung und Faktencheck. Er fügte hinzu, Thüringen werde „eines der ersten Bundesländer sein, das Künstliche Intelligenz im Bereich der elektronischen Aktenführung einsetzt“. KI-Verwendung ist in Voigts Augen eine Notwendigkeit des modernen Lebens, um die es kein großes Aufheben geben sollte.Ganz ähnlich reagiert der Ministerpräsident nun auf die neuen Vorwürfe. Seine Reden würden selbstverständlich in der Staatskanzlei vorbereitet. „Wenn es wirklich einzelne Passagen gab, die auch mithilfe von KI erstellt worden sind, dann werde ich dafür keinem den Kopf abreißen“, sagte er dem „Tagesspiegel“ – eine Aussage, die nahelegt, dass Voigt die Verantwortung nicht bei sich, sondern bei seinen Mitarbeitern sucht. Aus der Staatskanzlei heißt es, die Aufregung über die Sache sei übertrieben. KI würde heute eben überall eingesetzt. Und in ein, zwei Jahren würde niemand mehr eine solche Diskussion führen.Gesetzlich ist niemand verpflichtet, seine von einer KI hergestellten Beiträge zu kennzeichnen. Zwar wird der AI Act der EU, der dazu verpflichtet, das Nutzen von KI offenzulegen, im August in Kraft treten. Doch entfällt diese Pflicht, wenn eine menschliche Überprüfung oder redaktionelle Kontrolle stattfindet.Allerdings gibt es eine Musterdienstanweisung des Thüringer Digitalministeriums, das vom BSW-Politiker Steffen Schütz geführt wird. Dort sind für die Außenkommunikation der Thüringer Landesverwaltung Transparenzpflichten festgelegt. So muss darauf hingewiesen werden, wenn für „die Erstellung von Texten im dienstlichen Kontext, etwa zur Generierung von Textbeiträgen und Bausteinen für Reden und Antworttexte, generative KI unterstützend genutzt und das Ergebnis übernommen oder in relevanten Anteilen genutzt wird“. Zumindest daran hat sich die Staatskanzlei nachweislich nicht gehalten.Voigt steht seit den Plagiatsvorwürfen unter DruckDie oppositionelle Linke hat Voigt dafür kritisiert – wenn auch eher milde. „Mit seinem Verhalten wird Mario Voigt zu einem Beispiel dafür, wie man KI nicht nutzt“, sagte die Landesvorsitzende Katja Maurer. Auch die AfD bleibt bisher zurückhaltend. Das könnte damit zu tun haben, dass sie selbst nach eigenen Angaben KI nutzt, um Hunderte Anfragen im Landtag zu stellen und die Antworten der Regierung auszuwerten. Die Thüringer Parlamentsverwaltung hat schon Mühe, die Flut von Anfragen zu bearbeiten.Voigt nimmt in Anspruch, in seinem Land wieder für stabile Verhältnisse gesorgt zu haben. Allerdings steht der Politikwissenschaftler seit Monaten unter Druck, weil ihm im Januar sein Doktorgrad von der TU Chemnitz entzogen wurde. Die Entscheidung des Fakultätsrats fiel einstimmig. Vor allem die AfD unter ihrem Landesvorsitzenden Björn Höcke macht deswegen Druck auf Voigt – zuletzt durch ein Misstrauensvotum im Landtag und eine Pressekonferenz mit dem Plagiatsjäger Stefan Weber. Der hatte das Verfahren gegen Voigt vor zwei Jahren ins Rollen gebracht und nun weitere Fehler in der Doktorarbeit entdeckt.Die Attacken der AfD tragen dazu bei, dass sich die Reihen hinter Voigt schließen. Doch gibt man in der Staatskanzlei immerhin zu, dass die KI-Affäre, die man so nicht nennen will, in Verbindung mit der Aberkennung des Doktorgrads ein Problem ist. Schließlich verstärkt sich der Eindruck, dass Voigt es zumindest mit der Urheberschaft von Texten nicht so genau nimmt.Gegen die Aberkennung des Doktorgrads wehrt sich Voigt und will dafür ein Verwaltungsgericht anrufen. Dass es zu seinen Gunsten entscheidet, gilt als eher unwahrscheinlich. Der Ministerpräsident spielt damit auf Zeit – es ist allerdings ein riskantes Spiel. Denn die Entscheidung des Gerichts könnte im Wahljahr 2029 fallen.