PfadnavigationHomePolitikDeutschlandAbgeordnetenhauswahlWarum die Berliner Wahl für Kanzler Merz politisch zur entscheidenden Bewährungsprobe wirdStand: 08:54 UhrLesedauer: 8 MinutenDie Berliner CDU setzt erneut auf Amtsinhaber Kai Wegner – mit Blick auf die BundespolitikQuelle: Annette Riedl/dpaDie Berliner CDU nominiert den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner als Spitzenkandidaten der Partei für die Wahl zum Abgeordnetenhaus im September. Wie sich Wegner bis dahin schlägt, wird auch für CDU-Chef und Bundeskanzler Friedrich Merz entscheidend sein.Der Mann, der Berlins Regierenden Bürgermeister am Dienstagabend auf offener Bühne herausfordert, ist 85 Jahre alt, stellvertretender Vorsitzender der Senioren-Union Berlin-Mitte und von Beruf Schriftsteller beziehungsweise Maler. Die CDU will auf ihrem Landesparteitag den Spitzenkandidaten für die Wahl zum Abgeordnetenhaus im September küren. Einziger Kandidat ist: Kai Wegner – bis wenige Minuten vor der Abstimmung.Da geht Wolfram Wickert ans Mikrofon und kündigt an: „Ich kandidiere.“ Wickert, Bruder des langjährigen ARD-Tagesthemen-Moderators Ulrich Wickert und nach eigenen Angaben mit prominenten Familienmitgliedern gesegnet – Konrad Adenauer sei sein Großonkel –, sagt: „Wir schneiden mit mir besser ab als mit Kai Wegner.“ Mit einem Gegenkandidaten hat das Parteitagspräsidium nicht gerechnet, es gibt keine Vorbereitungen für eine digitale Abstimmung. Dit is Berlin. Die Hauptstadt und ihre CDU sind immer für eine Überraschung gut.Natürlich gewinnt Wegner am Ende die Abstimmung. Er erhält knapp 92,7 Prozent der Stimmen, fast genau so viele wie bei seiner Kür zum Spitzenkandidaten für die Wahl zum Berliner Parlament am 19. Juni 2021. Die knapp 300 Delegierten stehen nach Verkündung des Ergebnisses auf und applaudieren lange. Sie sind erleichtert. Wie Wegner. Der meint: „So, nun gehen wir raus und machen Wahlkampf.“Wäre der Applaus zu Beginn und nach einem Abstimmungssieg auf Parteitagen eine Währung, dann könnte man Kai Wegner an diesem Abend als eine Art Schweizer Franken sehen – stabil, solide, der Star seiner Partei. Aber nicht alle in der Landes-CDU sind voll und ganz überzeugt von ihrem Spitzenmann. Dass sich der Regierende Bürgermeister im Januar beim großen Stromausfall zunächst nicht in den betroffenen Stadtteilen hatte blicken lassen, lieber Tennis spielte und das zunächst nicht erwähnte, ist nur eine Angelegenheit, die ihm so mancher in der CDU verübelt.Nur: Rund 100 Tage vor der Wahl den Amtsinhaber und Landesvorsitzenden als Spitzenkandidaten auszutauschen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Einigkeit ist angesagt, Wähler schätzen Parteihändel nicht besonders. Also versammelt sich die CDU hinter Wegner. Alles andere würde in einem Wahldebakel enden. Und das will niemand in der CDU – und schon gar nicht Friedrich Merz. Wegner und Merz mögen sich nicht besonders, dennoch ist es für die Bundespartei, ihren Vorsitzenden und Bundeskanzler hochspannend, wie sich Kai Wegner in den kommenden Monaten und bei der Wahl am 20. September schlagen wird.Zum einen wird 2026 im weiteren Verlauf noch zu einem ziemlich herausfordernden Wahljahr für die CDU. Im September stehen neben Berlin Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern an. Die CDU hat dabei mehr zu verlieren als zu gewinnen. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in Umfragen weit vor dem CDU-Amtsinhaber Sven Schulze, der um sein Amt bangen muss. Und im Nordosten ist die CDU chronisch schwach. In der zuletzt veröffentlichten Wahlumfrage kam die Partei auf zehn Prozent, weit abgeschlagen hinter der AfD und der SPD.Würden alle drei Wahlen mit Rückschlägen enden, hätte das Auswirkungen bis in die Spitzen der Bundespartei. Die Bundespartei hat die überraschende Niederlage bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März auch nur so locker weggesteckt, weil kurz danach die in Rheinland-Pfalz ebenso unerwartet gewonnen wurde. Eine Serie von Niederlagen könnte den Parteivorsitzenden Merz das Amt kosten.In Berlin hatte die CDU die Berliner Senatskanzlei erst im Februar 2023 zurückerobert, die sie 2001 verloren hatte. Die damalige rot-grün-rote Koalition konnte zwar ihre Mehrheit verteidigen, die SPD entschied sich jedoch, eine schwarz-rote Koalition mit der CDU einzugehen. „Das hatte Kai Wegner mit seinen Verbindungen geschafft. Genau wie den Wahlsieg, an den niemand glaubte“, sagt ein Mitglied der Fraktionsspitze. Das ist einer der Gründe, warum die Mehrheit der Partei trotz Pannen des Regierenden zu ihm hält.Lesen Sie auchIn Berlin die Wahl zu verlieren, wäre für die Landes- und Bundespartei besonders schmerzhaft. „Die CDU kann also doch in Großstädten gewinnen. Denn mehr Großstadt als rund um die Friedrichstraße geht ja nun nicht“, hatte Friedrich Merz nach Wegners Wahlsieg 2023 gejubelt. Wegner hatte den Trend, wonach die CDU nur in ländlichen Regionen punkten kann, gebrochen und damit einen bundesweiten Komplex der Partei gelindert. Und dann hatte Merz kurz vor der Bundestagswahl im Februar 2025 und den positiven Umfragen erklärt: „Es gibt keine linke Politik und keine linke Mehrheit mehr in Deutschland.“ Mit einer Niederlage in Berlin wäre er schon nach eineinhalb Jahren widerlegt.Der zweite Punkt, der die Performance von Wegner für Merz so wichtig macht, sind die Parallelen zwischen den zwei CDU-Männern. Beide kämpfen mit schlechter Stimmung der Wähler, mit schlechten Umfragewerten. Wobei sowohl Merz als auch Wegner bei Wählerbefragungen noch schwächer abschneiden als ihre Partei. Da nutzt es nichts, dass die Koalition unter Merz die illegale Migration begrenzt, das Heizungsgesetz und das Bürgergeld abgeschafft hat. Und dass es Wegner in Berlin gelungen ist, dass man in der Hauptstadt endlich in wenigen Tagen einen Termin beim Bürgeramt bekommt. Und dass das Jahrhundertwerk Verwaltungsreform endlich vorankommt, um das Kompetenzchaos der Berliner Behörden beizulegen. Die Wähler sind unzufrieden. Und in Berlin ganz besonders mit der CDU.Auf 20 Prozent kommt die Partei laut letzten Umfragen. Das sind rund acht Prozentpunkte weniger im Vergleich zum Ergebnis der Wahl 2023. AfD, SPD, Grüne und Linke liegen zwar allesamt hinter der CDU, aber nur zwei bis fünf Prozentpunkte, also zum Teil hauchdünn. Der geringe Vorsprung kann in 100 Tagen schnell schrumpfen. Die Frage, die man sich also auch im Kanzleramt stellen wird, ist: Wie will Wegner den Vorsprung halten und die Wahl gewinnen? Ist sein Plan eine Blaupause für die Bundespartei?76 Minuten redete Kai Wegner auf dem Landesparteitag in der riesigen Halle einer ehemaligen Zigarettenfabrik in Neukölln, um seinen Plan zu erklären. Sein Konzept war, auf rein regionale Themen zu setzen, die SPD ganz und die Grünen weitgehend in Ruhe zu lassen und sich dafür auf CSU-Chef Markus Söder einzuschießen. Den Berliner Basics, eine funktionierende Stadt zu versprechen und Visionen einfach beiseitezulegen. Und die CDU als moderat-konservative Partei zu präsentieren, die sich um alle Berliner kümmern werde, nicht nur um einzelne Gruppen.So war zunächst viel von Bauabschnitten für die Stadtautobahn die Rede, von Brückenarbeiten, einer Sonderwirtschaftszone in Tegel, harten Strafen für Müllsünder und davon, den Görlitzer Park sicher zu machen. „Der Müll fällt nicht vom Himmel, er fällt aus Händen“, rief Wegner in den Saal. Und den Görlitzer Park will er „weltweit bekannt machen, von einem Drogen-Hotspot hin zu einem Vorzeigepark“.Der CSU-Chef und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder würde sich niemals mit Themen wie einzelnen Parks oder Müll aufhalten. Aber in Stadtstaaten gelten andere Regeln, da brennen den Menschen Verkehrs-, Verwahrlosungsprobleme und einzelne Kriminalitätsschwerpunkte besonders unter den Nägeln. Wegner gab den radikalen Pragmatiker. Und: Nur nicht zu viel versprechen.Visionen? „Diese Stadt ist viel zu groß für eine Vision. Nicht der Senat muss Visionen machen, sondern Menschen, die in diese Stadt kommen, sollten ihre Visionen leben und verwirklichen“, sagte Wegner. Avantgarde und Vordenker sollen also andere bilden. Zur Bildung: „Lesen, schreiben, rechnen, darum geht es uns bei der Bildung. Das ist allemal wichtiger als der Gender-Wahn einiger Parteien in dieser Stadt“, erklärte der Regierende. Nun kann man sagen: Weniger Anspruch geht kaum. Die Wahrheit ist allerdings auch, dass viele die Schulen verlassen, ohne richtig schreiben und rechnen zu können.Mit den Berliner Parteien blieb Wegner, von der Linken abgesehen, betont milde. Schon weil er womöglich jede mit Ausnahme der AfD noch zum Regieren brauchen kann. Nur nicht den Fehler von Merz und Söder machen und sich ganz auf die SPD festlegen. Stattdessen attackierte Wegner den CSU-Chef. „Markus Söder muss seinen Sprechzettel gegenüber Berlin ändern, denn in Berlin funktionieren die Bürgerämter“, spottete er. „Und wenn Söder immer behauptet, München sei Start-up-Hauptstadt, dann sind das Fake News.“ Einen Gegner braucht man offenbar während einer Parteitagsrede, da ist es mit Rücksicht auf mögliche Koalitionäre in Berlin weniger gut, auf SPD-Co-Chefin Bärbel Bas zu schimpfen, und leichter, den CSU-Chef ins Visier zu nehmen. Der Applaus bei diesen Passagen war allerdings mäßig.Lesen Sie auchRichtig in Fahrt, mit guten Passagen, kam der Regierende erst nach etwa einer Stunde, nach langen Strecken, die an einen Rechenschaftsbericht erinnerten. Da sagte Wegner dann Sätze wie: „Es lag mir nicht in der Wiege, dass ich heute hier stehe. Ich bin nicht mit einem goldenen Löffel aufgewachsen, ich musste mich anstrengen.“ Er wolle, dass „das Aufstiegsversprechen unsere Gesellschaft erneuert“ werde: dass man „durch Arbeit und Fleiß aufsteigen“ könne. Er wolle „Politik für alle Berliner machen, für die Mitte der Gesellschaft“.Würde das gelingen, hätte die Berliner CDU tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den anderen Parteien in der Hauptstadt. Die Delegierten schienen an diesem Abend zufrieden. Sogar Wolfram Wickert. Er bekam immerhin 18 Stimmen.Nikolaus Doll berichtet über die Unionsparteien und die Bundesländer im Osten.