PfadnavigationHomekmpktBiologisches PhänomenForscher entschlüsseln – darum sind fast 90 Prozent aller Menschen auf der Welt RechtshänderStand: 07:16 UhrLesedauer: 5 MinutenMit welcher Hand du schreibst, ist angeboren – doch woher die Präferenz stammt, versuchen Anthropologen nun herauszufinden Quelle: Getty Images/Image Source/Astrakan ImagesNur knapp zehn Prozent der Menschen sind Linkshänder. Dass unsere Spezies vor allem Rechtshänder hervorbrachte, ist im Tierreich einzigartig. Was dahinterstecken könnte, haben Forscher nun erstmals entschlüsselt.Was haben Albert Einstein, Picasso, Wolfgang Amadeus Mozart und Charlie Chaplin gemeinsam? Richtig – sie alle waren Linkshänder. Und damit auch zu ihren Lebzeiten eine Minderheit: Gerade einmal knapp zehn Prozent bevorzugen die linke Hand für Tätigkeiten, nur etwa ein Prozent kann beide Hände gleichermaßen für feinmotorische Aufgaben einsetzen und der überwältigende Rest ist eben stinknormaler Rechtshänder.Forscher der britischen Universitäten Oxford und Reading haben im April 2026 im Fachjournal „PLOS Biology“ eine Studie veröffentlicht, die eine alte Frage beantwortet: Warum sind fast alle Menschen Rechtshänder – und warum ist das in der Biologie so einzigartig? Ehe wir uns dieser Antwort genauer widmen, interessiert uns aber erst einmal:Mit der starken Vorliebe für eine bestimmte Hand sind wir Menschen Exoten im Tierreich. Selbst unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, zeigten zu keiner Zeit der Evolutionsgeschichte Anzeichen für eine derart ausgeprägte Links- oder Rechtshänderdisposition wie die Forschungsergebnisse der britischen Biologen belegen. Zwar weisen Spinnenaffen und Languren ebenfalls eine relativ hohe Spezialisierung auf eine bestimmte Handseite auf – ob sie dabei aber die linke oder rechte Hand bevorzugen, ist innerhalb der Art bei Weitem nicht so stark ausgeprägt wie beim Menschen. Das Team analysierte insgesamt Daten von 2025 Individuen aus 41 Affenarten – von Schimpansen über Gorillas bis hin zu Spinnenaffen, die zu den Klammeraffen zählen. Außerdem hat es anhand von Schädelvolumen sowie Körperproportionen Vorhersagen für ausgestorbene Vorfahren gemacht, darunter den Hominiden Australopithecus afarensis, der durch den Skelettfund von Lucy, der im Naturhistorischen Museum Wien ausgestellt ist, bekannt wurde, und den Neandertaler.Lesen Sie auchDabei zeigte sich: Unter Primaten ist die fast universelle Rechtshändigkeit des Menschen eine evolutionäre Einzigartigkeit, die bei keiner anderen Affenart in dieser Form vorkommt. Auf einer Skala von plus eins bis minus eins ordneten die Wissenschaftler ein, wie sehr eine Art die rechte Hand bevorzugt. Plus eins bedeutet, dass alle Individuen in der Art die rechte Hand bevorzugen, minus eins würde bedeuten, dass alle die linke Hand für Tätigkeiten verwenden. Beim Menschen liegt der Rechtshänder-Index bei 0,76. Bei einem evolutionären Vergleich mit anderen Menschenaffenarten und Primaten müsste der Wert rechnerisch eigentlich bei nahezu 0,0 liegen. Wir würden also keine der beiden Hände fürs Schreiben, Greifen oder andere Dinge wirklich bevorzugen. Kurz: Ohne besondere Faktoren hätte der Mensch gar keine Präferenz entwickelt.Lediglich Schimpansen, Gorillas und Dianameerkatzen zeigten innerhalb des Studiendesigns eine leichte Präferenz zur rechten Hand und landeten bei einem Wert von etwa 0,17. Die Vergleichsdaten stammen von der Plattform Vertlife.org, welche die Forschungsdaten verschiedener US-amerikanischer Hochschulen sowie Forschungseinrichtungen sammelt, unter anderem der Universität Yale und der University of California, Berkeley.Mehr Rechtshänder: Zwei Faktoren sind laut Studie entscheidendBei der Auswertung der Daten und dem Vergleich der verschiedenen Spezies fielen dem britischen Forschungsteam zwei Aspekte auf, die den Menschen im Hinblick auf andere Primatenarten unterscheiden: die Gehirngröße, gemessen am Schädelvolumen, und das Verhältnis von Arm- zu Beinlänge. Durch das im Vergleich zu anderen Spezies große Gehirn hat der moderne Mensch im Laufe der Evolution einen aufrechten Gang entwickelt. Das nennen Fachleute Bipedismus. Diese evolutionäre Besonderheit des Homo sapiens bringt noch eine weitere Notwendigkeit mit sich: Wer auf zwei Beinen läuft, hat die Hände frei – und steht unter einem selektiven Druck, sie spezialisiert einzusetzen. Da für den modernen Menschen die Hände nicht mehr zur Fortbewegung genutzt wurden, entstanden neue Möglichkeiten, Werkzeuge zu nutzen – und dadurch verbesserten sich auch die motorischen Fähigkeiten des Homo sapiens. Die klare Bevorzugung einer Hand brachte dabei immense Vorteile.Die Forscher rekonstruierten, wie sich die Präferenzen bei unseren Vorfahren entwickelt haben:Ardipithecus ramidus (vor circa 4,4 Millionen Jahren): 0,16Australopithecus afarensis (vor circa drei Millionen Jahren): 0,32Homo erectus (vor circa 1,8 Mio. Jahren): 0,54Neandertaler: 0,64Moderner Mensch (Homo sapiens): 0,76Doch warum sind denn nun fast alle Menschen Rechtshänder?Allerdings liefert die Studie keine klare Antwort darauf, warum der Mensch inzwischen ausgerechnet die rechte und nicht die linke Hand bevorzugt. Klar ist: Die rechte Hand scheint einen evolutionären Vorteil verschafft zu haben. Der Aufbau des menschlichen Gehirns könnte dabei eine Rolle spielen. Die linke Hemisphäre steuert die rechte Körperhälfte und gilt als analytisches Zentrum. Sie ist für die Planung und Ausführung komplexer sowie zielgerichteter Bewegungsabläufe zuständig. Das könnte dazu führen, dass die rechte Hand für motorische Tätigkeiten bevorzugt wird, weil das Gehirn weniger Energie aufwenden muss, um Bewegungsmuster zu optimieren. Die rechte Hirnhälfte hingegen, die die linke Körperseite steuert, ist eher für kreative und abstrakte Denkprozesse zuständig. Daher kommt auch die Annahme, dass Linkshänder häufig kreativer seien, weil bei ihnen die rechte Hemisphäre wohl stärker ausgeprägt ist. Im Normalfall bedeutet das aber auch mehr Energieaufwand für das Gehirn, die Bewegungsabläufe dieser Seite zu präzisieren. Mehr Energie versucht der menschliche Körper eigentlich zu vermeiden. Das könnte erklären, wieso die meisten Menschen eher die rechte Seite bevorzugen. Die Forscher vermuten zudem, dass unsere Kultur die Rechtshändigkeit verstärkt haben könnte. Etwa dadurch, wie Werkzeuge und Utensilien aufgebaut sind. „Dies ist die erste Studie, die mehrere der wichtigsten Hypothesen zur Händigkeit des Menschen untersucht. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass sie wahrscheinlich mit einigen der Schlüsselmerkmale zusammenhängt, die uns zum Menschen machen, insbesondere mit dem aufrechten Gang und der Entwicklung größerer Gehirne“, erklärt der an der Studie beteiligte Anthropologe Professor Dr. Thomas A. Püschel in einer Pressemitteilung der Universität Oxford.Weiterführende Studien sollen nun untersuchen, wieso es trotz der anscheinend eindeutigen Bevorzugung und damit einem klaren evolutionären Vorteil für den Homo sapiens trotz allem noch Linkshänder gibt.
Forscher entschlüsseln – Darum sind fast 90 Prozent aller Menschen auf der Welt Rechtshänder - WELT
Sie sind selten, angeblich kreativer – und waren lange ein Rätsel: Nur knapp zehn Prozent der Menschen sind Linkshänder. Was dahinter stecken könnte, haben Forscher nun erstmals entschlüsselt.










