«Kein Mensch wird im falschen Körper geboren», sagt Chris Brönimann. Die einstige Transfrau bezeichnet ihren Körper als MahnmalAls Transfrau Nadia wurde er schweizweit bekannt. Nach dreissig Jahren lebt Chris Brönimann wieder als Mann und bricht mit einem Tabu: Eine erfüllte Sexualität war für ihn nie mehr möglich.«Meine Sexualität wurde ausgelöscht», sagt Chris Brönimann über die Folgen seiner Transition zur Frau vor dreissig Jahren.Breitbeinig sitzt Chris Brönimann in der Bar Kweer im Zürcher Niederdorf. Hier arbeitete er einst im Service, damals als Transfrau Nadia. Neben ihm steht eine grosse gelbe Lederhandtasche. Dafür setze es auch einmal dumme Kommentare ab: Diese passe doch nicht zu einem Mann. Dadurch lässt sich Brönimann nicht mehr verunsichern: Er sei angekommen, sagt er. Im Gespräch strahlt der 56-Jährige die Ruhe eines Menschen aus, der sich nichts vormacht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Brönimann, Sie waren fast dreissig Jahre lang die bekannteste Transfrau der Schweiz. Heute leben Sie wieder als Mann und bezeichnen Ihren Körper als Mahnmal. Wovor warnen Sie? Nach insgesamt sechzehn chirurgischen Eingriffen trägt mein Körper sichtbare Spuren. Und zwar für den Rest meines Lebens. Ich kam mit einem perfekten, gesunden männlichen Körper zur Welt. Doch statt diesem Wunderwerk der Natur mit Ehrfurcht zu begegnen, wollte ich es korrigieren. Mein versehrter Körper ist ein Mahnmal dafür, wie die Transmedizin Grenzen überschreitet.Was für Versehrungen meinen Sie?Meine intakte körperliche Sexualität wurde irreversibel ausgelöscht. Das begann 1997, im Alter von 28 Jahren, zunächst mit der Einnahme eines Testosteronblockers. Erst danach folgte die gegengeschlechtliche Therapie mit weiblichen Östrogenen. Diese hormonelle Kastration führte zum vollständigen Verlust der Sexualfunktion. Es folgten die operativen Genitalveränderungen und die Konstruktion einer sogenannten Neovagina. Doch diese war von Anfang an taub für jegliche Empfindung.Das Schweizer Fernsehen hat Ihre Transition damals begleitet, der Film «Sex Change» ist ein erschütterndes, auch grenzwertiges Dokument Ihrer Identitätssuche. Sie sprechen darin über Ihre Sehnsucht nach einer Beziehung und sagen: Ein Mann, der sich auf Sie einliesse, müsste auf Sex verzichten. Fanden Sie später wieder Zugang zu Ihrer Sexualität?Nein. Die Libido blieb dauerhaft beeinträchtigt, und körperliche Intimität war anatomisch unmöglich. Vor der ersten Operation wurde mir eine funktionierende Sexualität versprochen. Doch schon nach dem ersten Eingriff kam es zu Komplikationen. Korrekturversuche verschlimmerten alles. Letztlich mussten auch die Chirurgen einsehen, dass das gesamte Unterfangen fatal gescheitert war.In einem eindrücklichen Text, den Sie kürzlich in den sozialen Netzwerken geteilt haben, schreiben Sie: «Wir spielen russisches Roulette mit unserer körperlichen Unversehrtheit.» Das klingt drastisch.Niemand weiss, wie eine chirurgische Geschlechtsangleichung ausgeht. Jeder Schnitt hat Auswirkungen auf Körper und Psyche. Dabei verhält es sich bei jeder Person wieder anders. Ich bin mir bewusst, dass meine Geschichte ein Extrem darstellt. Ich gehöre zu den Betroffenen, die dauerhaft unter Schmerzen litten und bei denen die Sexualität danach komplett zerstört war.Schliessen Sie aber nicht aus, dass eine Transition erfolgreich sein kann?Bei wenigen Transmenschen löst die Medizin ihr Versprechen ein. Sie berichten von einer erfüllenden Sexualität. Die meisten Ergebnisse liegen jedoch im Graubereich dazwischen. Die neuen Geschlechtsorgane sind weniger empfindsam, die Orgasmusfähigkeit ist verringert. Die Betroffenen erleben eine verminderte Intimität. Ich höre das so oft, trotz den Fortschritten, die die Medizin in den letzten 25 Jahren gemacht hat.«Es ist schwierig, als Mann Rundungen zu zeigen»: Brönimann will sich trotzdem nicht mehr operieren lassen.Hat man Sie damals über die Risiken aufgeklärt?Nein. Als Transmensch war man ein Versuchskaninchen. Wenn ich zurückdenke, wie man nach den Operationen mit mir umgegangen ist – da hat man einfach ausprobiert. Fairerweise muss ich aber sagen: Als junger Patient wollte ich von den Risiken nichts wissen. Ich blendete die Gefahren aus, weil ich an ein perfektes Ergebnis glaubte.Heute identifizieren sich immer mehr Jugendliche als trans, die halb so alt sind wie Sie damals. Werden sie vor einer Geschlechtsangleichung darüber aufgeklärt, dass die Massnahmen ihre Sexualität beeinträchtigen könnten?Das wird noch immer zu wenig betont. Ärzte und Psychologen hinterfragen die Selbstdiagnosen kaum. Aber das wäre ihre Pflicht. Sie behandeln junge Menschen, die in einer verletzlichen, suchenden Phase sind und des Schutzes bedürfen. Man thematisiert das, was schiefgehen könnte, auch selten, weil verlässliche Daten zu Langzeiterfahrungen nach einer Transition fehlen.Warum fehlt dieses Interesse?Leider sind viele Transmediziner selbst aktivistisch unterwegs. Zudem sprechen betroffene Menschen selten ehrlich über ihre traumatischen Erfahrungen. Dabei spielt Scham eine wichtige Rolle. Man ist den ganzen Weg gegangen, hat alles idealisiert. Es ist schmerzhaft, sich einzugestehen, dass man nicht das erreicht hat, was man sich erhoffte. Dieses Schweigen ist auch ein Selbstschutz.Hatten Sie je das Gefühl, im falschen Körper geboren worden zu sein?Auch ich nutzte diese Worte, weil ich glaubte: Sich in der eigenen Haut unwohl zu fühlen, bedeutet automatisch, im falschen Körper zu sein. Aber man hat nur einen Körper. Kein Mensch kommt im falschen Körper zur Welt. Wenn man Glück hat, wird man in einem gesunden, voll funktionsfähigen Körper geboren. Es wäre so wichtig, jungen verunsicherten Menschen zu vermitteln: Du fühlst dich jetzt unwohl und unstimmig, aber deswegen ist dein Körper nicht falsch. Du kannst denken, fühlen und laufen. Es gibt dich nur einmal. Du bist perfekt.Sie sind nun auch offiziell wieder ein Mann. Vor kurzem liessen Sie sich Ihr neues altes Geschlecht amtlich bestätigen. Diesmal wollen Sie aber keine körperliche Angleichung mehr machen. Warum?Natürlich gäbe es medizinische Möglichkeiten, aber das wäre wieder eine Flucht. Vor dreissig Jahren versuchte ich, mein seelisches Ungleichgewicht mit chirurgischen Mitteln zu korrigieren. Es hat nicht funktioniert. Wenn ich heute den gleichen Weg noch einmal beschreiten würde in der Illusion, dadurch glücklicher zu werden, stünde das im völligen Widerspruch zu meiner über Jahre gewachsenen Einsicht.Weil Sie damit auch einen Teil von sich verleugnen würden?Ich habe nie verstanden, warum manche Transmenschen ihre gesamte Vergangenheit ausradieren möchten – bis hin zum Namen, dem sogenannten «Deadname», den man nicht mehr aussprechen darf. Nadia hat 30 Jahre lang existiert. Sie hat Schönes und Trauriges erlebt, und vieles war rückblickend sicher auch irrational oder unüberlegt. Dennoch möchte ich meinem vergangenen Ich mit Respekt und Wertschätzung begegnen.Da ist auch diese Reue: «Der junge Mann damals war doch gut, so wie er war.»Fällt das immer leicht, oder hadern Sie weiter mit Ihrem Körper?Es ist schwierig, als Mann weibliche Rundungen zu zeigen. Ich muss die Stärke haben und mir sagen: Dieser Körper gehört zu mir. Er trägt die Spuren meiner Reise mit allen sichtbaren und unsichtbaren Versehrungen. Doch diese Realität wirft existenzielle Fragen auf. Was, wenn ich mich eines Tages wieder auf eine Partnerschaft einlassen will?Wünschen Sie sich eine Beziehung?Eine gesunde Partnerschaft setzt voraus, dass man in seinem eigenen Leben Ordnung geschaffen hat und weiss, wo man steht. Bei mir ist dafür noch zu viel im Umbruch.Sie sind homosexuell. Viele Schwule und Lesben kritisieren, dass junge Transmenschen ihre homosexuelle Neigung verdrängten. War das bei Ihnen so?Nein. Ich lebte meine Homosexualität damals durchaus. Ich lehnte mich aber als Mensch ab und glaubte, nicht liebenswert zu sein. Ich wusste nicht, dass der junge Mann gut war, so wie er war. Er war ein aufgestellter, cooler Typ, an dem man hätte Freude haben können.Aber können Sie die Kritik nachvollziehen?Ja, und ich sehe das ähnlich. Ich kenne Leute, für die ihre Homosexualität vor der Transition ein Problem darstellte. Ich begleite einen 21-jährigen Mann, der sich deshalb zu einer Geschlechtsangleichung entschloss. Wenn man den Weg der Transition geht, wird eine mögliche Ausreifung der Homosexualität unterbunden. Dahinter steht letztlich Homophobie.Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viele Leute ihre Geschlechtsangleichung bereuen und Massnahmen rückgängig machen wollen. Die Rede ist von unter 1 Prozent bis zu über 10 Prozent.Die Zahl dürfte jedenfalls nicht so vernachlässigbar klein sein, wie Transaktivisten behaupten. Eine Ärztin hat mir gesagt, ich sei der Zeit drei Jahre voraus. Sie erwarte in den nächsten Jahren eine Welle von Betroffenen, die ihren Entscheid bereuten. Erst dann zeigten sich die Folgen des jetzigen steilen Anstiegs an Transgender-Diagnosen. Man müsste das Thema einer potenziellen späteren Reue schon in der Abklärung ansprechen.Ein junger Mensch, der sich als trans identifiziert, möchte nicht hören, dass er sich täuschen könnte. Er sieht dadurch seine ganze Identität infrage gestellt. Würde das wirklich etwas bringen?Für mich gehört das zu einer verantwortungsvollen Aufklärung. Jungen Menschen muss bewusst sein, dass ihr Handeln irreversible Konsequenzen hat. Man sollte sie an der Hand nehmen und gemeinsam überlegen, was so ein Entscheid bedeutet. Die Medizin investiert viel in die Transition. Doch wer den Weg abbrechen oder rückgängig machen will, stösst auf Desinteresse.«Eine Flucht»: Die Transfrau Nadia Brönimann im Januar 2022. Schon damals begann sie darüber nachzudenken, ihr Geschlecht rückgängig zu machen.Christoph Ruckstuhl / NZZIn den Augen von Transaktivisten begehen Leute wie Sie Verrat. Was für Reaktionen erhalten Sie?Neben viel Unterstützung und Zuspruch spüre ich viel Hass. Mal bin ich rechtsextrem, dann wieder ein religiöser Fundamentalist. Ich verstehe nicht, dass man uns Detrans-Leuten so feindlich begegnet, als würden wir jemandem etwas wegnehmen. Dabei könnten wir mit unseren Erfahrungen zu besseren Transitionen und weniger Fehlbehandlungen beitragen. Mir geht es um eine sorgfältige Abklärung, die präzise unterscheidet: Handelt es sich um eine fundierte Transidentität oder ist sie nur das Symptom einer tiefer liegenden Ursache? Wenn die Diagnose ein anderes psychisches Leiden offenbart, braucht es eine Behandlung, die genau dort ansetzt – und nicht das chirurgische Skalpell oder gegengeschlechtliche Hormone. Alle profitieren davon, wenn man Erfahrungen austauscht, einander zuhört und miteinander redet.Sie wurden vor dreissig Jahren von der rechten Seite angegriffen, weil Ihre Geschlechtsangleichung zu einem gewissen Zeitpunkt bereits 50 000 Franken gekostet hatte – bezahlt von der Krankenversicherung. Hält man Ihnen das jetzt umso mehr vor, da alles vergebens war?Das Thema Kosten ist eine Steilvorlage für Leute, die gegen alles ins Feld ziehen, was mit Transgender zu tun hat. Ich kann die Kritik nachvollziehen. Es ist der Steuerzahler, der die Kosten bei einer Transition über seine Krankenkassenbeiträge mitträgt. Oft artet das aber in Hass und Verachtung aus, die weit über diese Kritik hinausgehen. Dabei nehme ich heute ja keine korrigierenden Operationen mehr in Anspruch. Bei einer Detransition übernehmen die Krankenkassen die Kosten sowieso nicht.Wie geht es Ihnen körperlich?Im Moment leide ich vor allem unter Wechseljahrbeschwerden, in die ich innerhalb von zwei Monaten katapultiert wurde, da ich die Einnahme der weiblichen Geschlechtshormone stark reduziert habe. Ich schlafe schlecht und habe Muskelschmerzen. Halleluja! Ich versuche es mit Humor zu nehmen.Gab es einen Moment, in dem Sie die Rückkehr zu Ihrem ursprünglichen Geschlecht wieder bereut haben?Nein. Der Boden unter meinen Füssen war noch nie so stabil wie heute. Ich bin viele Jahre lang fahrlässig mit meinem Körper umgegangen. Ich habe ihn und meine Seele massiv überfordert. Wenn ich überhaupt etwas bereue, dann das. Es hat fünf Jahre gedauert, bis ich den Schritt zurück zu meinem Mannsein wagte. Jetzt spüre ich: Mein Körper hält noch immer zu mir. Er gibt mir wieder ein Zuhause. Ich will ihn nicht weiter strapazieren, sondern bin einfach nur dankbar, endlich angekommen zu sein.Chris Brönimann wurde 1969 in Deutschland geboren und kam bald danach zu Adoptiveltern in die Schweiz. Er wuchs im Kanton Appenzell auf. 1967 entschloss sich Christian, wie er damals hiess, zu einer Geschlechtsangleichung zur Frau: Nadia. Die Transition wurde medial begleitet und sorgte bis über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen. Heute lebt Brönimann wieder als Mann. Er berät Schulen oder Eltern zum Thema Trans und Geschlechteridentität.Endlich das Gefühl, angekommen zu sein.Passend zum Artikel
Chris Brönimann: «Kein Mensch wird im falschen Körper geboren» - ein Interview
Als Transfrau Nadia wurde er schweizweit bekannt. Nach dreissig Jahren lebt Chris Brönimann wieder als Mann und bricht mit einem Tabu: Eine erfüllte Sexualität war für ihn nie mehr möglich.







