Kein Trunk für TrumpIm Hôtel Royal am Genfersee findet nächste Woche der G-7-Gipfel statt. Unser Nachtfalter testet im Vorfeld die Bar des Luxushauses in Évian-les-Bains.Urs Bühler11.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Benedikt RugarEin beschauliches Kurstädtchen am Lac Léman wird dieser Tage zum Nabel der Weltpolitik: In Évian-les-Bains am französischen Seeufer lädt Präsident Emmanuel Macron nächste Woche zum G-7-Gipfel. Eine hochkarätige Runde wird im geschichtsträchtigen Hotelpalast «Royal» über dem See residieren: Zu den Gesprächen über globale Herausforderungen erwartet man unter anderen Giorgia Meloni, Friedrich Merz, Sanae Takaichi und Donald Trump.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und der beflissene Nachtfalter ist schon vor einigen Wochen vorausgeflogen, um die prächtige Bar des Hauses zu testen und Drinks zur Förderung der diplomatischen Beziehungen vorzuschlagen. Zwar ist Évian berühmt für sein Mineralwasser, das seit genau zweihundert Jahren abgefüllt wird. Doch Politiker predigen bekanntlich gerne Wasser und trinken Wein, dieses Schmier- und Gleitmittel der Weltpolitik, oder Höherprozentiges.«Le Bar» im «Royal» punktet mit sakraler Atmosphäre.Urs BühlerDer Falter flattert durchs Eingangsportal in die Lobby, deren Boden mit Email-Mosaiken der berühmten Manufaktur in Briare bestückt ist. Umhüllt vom Duft polierten Mahagonis und von wattiertem Schweigen schwingt er sich am Art-déco-Schmuck der Belle-Époque-Säle vorbei bis zur Theke: «Le Bar» ist ein hoher Raum von sakraler Magie. Dessen Grundriss erinnert an ein Baptisterium; statt eines Taufsteins steht in der Mitte eine kreisrunde, weisse Marmortheke, über der wie ein Fischschwarm ein zeitgenössischer Design-Hängeleuchter schwebt. Darunter bewegt das Team um Davide Trupia, den italienischstämmigen Chef de Bar, die Shaker mit der Würde eines Hochamts. Zwischen den holzverkleideten Wänden geben Bogenfenster den Blick ins Grüne frei.Dass hier Staatsoberhäupter zur Läuterung oder zumindest zur Vernunft finden, ist zu viel verlangt. Aber damit eine gemeinsame Sprache gefunden wird, könnte als Einstieg der finessenreiche Gin Tonic (€ 28.– ) dienen: Der hauseigene Gin vereint Noten von Verveine, Kardamom, Koriander, das Tonic ist mit Bergamotte parfümiert.Man muss keine Nacht im Luxushotel buchen für einen Besuch in dieser Bar: Auswärtige Gäste sind willkommen, ausser eben in der kommenden Woche, wenn das Gebäude zum Hochsicherheitstrakt mit 5-Sterne-Service wird. Das mondäne Haus gehört heute dem Konzern Danone, wie die Mineralwasserquelle, deren Société es 1909 als das «schönste Hotel Europas» eröffnete und dem lebenslustigen King Edward VII widmete. Für ihn war von Anfang an eine Suite reserviert, doch starb er bald, ohne sie getestet zu haben. Dafür stiegen später etwa Queen Mom oder Greta Garbo hier ab und schrieb Marcel Proust am Roman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit».Und das Haus war schon Schauplatz diverser weltpolitischer Treffen. 1938 verhandelte Franklin D. Roosevelt hier mit Vertretern von 32 Ländern über die Verteilung Abertausender jüdischer Flüchtlinge. Es war eine Konferenz mit Feuerwerk, opulentem Bankett und erbärmlichem Ergebnis. 1962 gab es lichtere Momente, als Charles de Gaulle mit den Verträgen von Évian den Algerienkrieg beendete.Und beim G-8-Gipfel von 2003 posierte Präsident Jacques Chirac auf der Hotelterrasse mit Staatsoberhäuptern wie George W. Bush und Wladimir Putin, der damals noch als salonfähiger Gast galt. Er ist diesmal nicht eingeladen. Gegen ihn hälfe auch die giftgrüne, hochprozentige Chartreuse (ab € 15.–) nichts, der vor Jahrhunderten von Kartäusermönchen entwickelte Kräuterlikör, dem man einst Heilwirkung zusprach. Ein Gläschen davon dürfte aber die Stimmung lockern helfen vor einem diplomatischen Coup, den wiederum der betörende Vintage Negroni (€ 26.–) des «Royal» beflügeln könnte: Die zweimonatige Lagerung im Eichenfass dämpft die Bitterkeit, aus den Tiefen dringt die Süsse durch.Ein Trunk für Trump ist das kaum. Zur Pflege des Grössenwahns und zu Ehren des Gastgeberlands bieten sich eher erlesene Cognacs an. Der Rémy Martin Louis XIII (€ 120.– / 2 cl) etwa ist dem Sonnenkönig-Vorgänger gewidmet, den Alexandre Dumas in «Die drei Musketiere» allerdings als Trottel darstellte. Für € 7500.– erhält man gar eine Sonderedition dieses Destillats in beinahe Maga-mässig prunkvoller Flasche.Zurück in den Niederungen des Alltags, beobachtet der Falter am nächsten Morgen unten im Städtchen den Brunnen, der das Évian-Wasser bei der Quelle spendet, für alle kostenlos. Ein älterer Einwohner füllt gerade geduldig vier Glasflaschen, das macht er alle zwei Tage, wie er sagt. Ein stiller Trost: Die Weltpolitik tobt, Präsidenten kommen und gehen, aber das Wasser fliesst und fliesst seit Menschengedenken.Und oft ist schlichtes Wasser doch genau die richtige Wahl.Urs BühlerLe BarHôtel Royal960 Av. du Léman, 74500 Évian-les-Bains (F)Telefon: +33 4 50 26 85 00Der Nachtfalter ist stets unangemeldet und anonym unterwegs und begleicht am Ende stets die Rechnung. Sein Fokus liegt auf Bars in Zürich, mit gelegentlichen Abstechern in andere Städte im In- und Ausland.Die Sammlung aller NZZ-Restaurantkritiken der letzten fünf Jahre finden Sie hier.Passend zum Artikel