Inspiration für stilvolles SchimpfenEin Buch erzählt die anregende Kulturgeschichte der Beleidigung im Deutschen. Die Nachahmung im Alltag kann allerdings in einigen Fällen kostspielig werden.Paul Jandl11.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenWer möchte nicht gelegentlich mit der Faust auf den Tisch hauen: Noch viel eindrucksvoller wirkt das, wenn man den Vorgang mit einer originellen Schimpftirade begleitet.GettyEs geht ein Druck durch Deutschland, und den möchte man gern loswerden. Die einen lassen Dampf ab, indem sie schimpfen. Die anderen sehen sich erst recht unter Druck, wenn sie beschimpft werden. Politiker aller Parteien verklagen gewohnheitsmässig Bürger des Landes, von denen sie sich auf Social Media verunglimpft fühlen. Eine Überreaktion, ohne Zweifel. Die richtige Antwort wäre Gelassenheit. Zur Stärkung dieser Gelassenheit könnte ein Buch beitragen, das sich eindeutig nicht auf die Seite der moralischen Achtsamkeitsprediger schlägt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es heisst «Die hohe Kunst des Schimpfens», wurde von den Verlegern Tobias Roth und Wolfgang Hörner herausgegeben und feiert den verbalen Wutausbruch als doppelte Chance: Wer andere beschimpft, befindet sich in einem Prozess immanenter Selbsterkenntnis. Jemand anderen einen Arsch zu nennen, bedeutet, zumindest theoretisch, dass man selbst keiner sein will. Und wenn man beim Beleidigen auch noch auf die Wortwahl achtet, kann aus der Tirade sogar Kunst werden.Da geht mehrIn Sachen Beschimpfungskreativität gibt es in Deutschland «noch viel Luft nach oben», so stellen die Herausgeber enttäuscht fest. Gemäss einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Yougov aus dem Jahr 2023 wird in der Kampfzone Strassenverkehr immer noch sehr konservativ ausgeteilt. An der Spitze steht mit 15 Prozent das Wort «Idiot», es folgen «Arschloch» (11 Prozent) und «Penner» (6 Prozent). Da geht mehr. «Die hohe Kunst des Schimpfens» liefert nicht nur einen «Materialbaukasten» dafür, wie es im Vorwort heisst, sondern auch eine Tour d’Horizon tiefster menschlicher Regungen.Der Untergriff ist nicht der Untergang des Abendlandes, sondern bisweilen sogar seine Rettung. Ovid und Catull haben auf eine Weise losgeschimpft, die hier nicht zitierfähig ist. Goethe hat den Kollegen Böttiger ein «Arschgesicht» genannt, und Georg Christoph Lichtenberg schreibt über Friedrich Gottlieb Klopstock: «Mit grösserer Majestät ist wohl nie ein Verstand stillgestanden.» Schopenhauer über Hegel: «Widerlicher, geistloser Scharlatan und beispielloser Unsinnsschmierer». Thomas Bernhard über Heidegger: «Nationalsozialistischer Pumphosenspiesser».So geht es dahin. Roth und Hörner durchkämmen reihenweise Wörterbücher, unter anderem das Grimmsche, und finden dort Begriffe wie «Blotzwedel», «Donnerschelm», «Garsthammel», «Gauchmatz», «Querarsch», «Halbhösler» und «Grasmückenkönig». Von nicht ganz so blumiger Gestalt sind die aus der deutschen Tagespolitik festgehaltenen Verbalinjurien: «Vollpfosten», «kastrierter Kater», «alternder Lümmel», «Brüllaffe», «Übelkrähe», «Mini-Goebbels», «geistiges Eintopfgericht». «Mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch», hat Joschka Fischer zum Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen gesagt.Teurer StinkefingerSchimpfen ist ein Akt der Selbstreinigung, bei dem andere mit Dreck beworfen werden; deshalb waren oft die grössten Moralisten die besten Beleidiger. Karl Kraus zum Beispiel, dem wir unsterbliche Worte verdanken: «Bravourdeutscher», «Bildungsbengel», «Gesinnungsjodler», «Wurstpazifist», «Mittrottel» und «Masseuse europäischer Seelenverfettung».«Die hohe Kunst des Schimpfens» liefert eine grandiose Geistesgeschichte europäischen Wutbürgertums und zugleich Munition, über deren Wirkung man sich im Klaren sein muss. Wer sich auf Deutschlands Strassen allzu sehr vergisst, hat mit empfindlichen Strafen zu rechnen. Vergleichsweise günstig sind «Bekloppter» und «Dumme Kuh» (bis 300 Euro). Wer einen Polizisten duzt, zahlt 600 Euro. «Idiot» kostet 1500 Euro, «Fieses Miststück» 2500 Euro. Richtig teuer wird der sogenannte Stinkefinger (den übrigens schon die Antike kannte): 4000 Euro.Die hohe Kunst des Schimpfens. Zum verantwortungsvollen Gebrauch eingesammelt von Tobias Roth und Wolfgang Hörner. Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2026. 224 S., Fr. 40.90.Passend zum Artikel