Die unwahrscheinliche Kraft der Kränkung: Wie kleine Männer ganz gross wurdenEin Lispeln, ein fehlender Vater, eine unerwiderte Liebe: Viele Erfolgsgeschichten beginnen nicht mit Selbstgewissheit, sondern mit einem Knacks.24.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDie triumphale Sicht auf die Ersatzhandlung: das Werk als Pfauenrad, der Erfolg als Entschädigung für die Missachtung auf dem Tanzboden.Illustration KI-generiertEiner war kurzatmig und lispelte. Ganz «unklar» sei Demosthenes’ Aussprache gewesen, berichtet sein Biograf Plu­tarch. Doch statt darüber zu verzweifeln, vergrösserte er trainingshalber noch sein Handicap, indem er sich Kieselsteine in die Backen stopfte und gegen Wind und Meeresbrandung anredete. So wurde er zum grössten Redner seiner Zeit, ja zur Verkörperung der Redekunst an sich – millionenfach zitiertes Beispiel für die Macht der Beharrlichkeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Anderen Grossen fehlte es an Vätern oder Müttern, an Geld oder Liebe, an Zugehörigkeit und Urvertrauen. Das Kind Charlie Chaplin schuftete im Londoner Arbeitshaus. Den sechsjährigen Steve Jobs erschütterte die Nachricht von seiner Adoption. Das gelähmte Physikgenie Stephen Hawking musste sich seinen Weltbezug im Kopf schaffen. Und der kleine Zürcher Gottfried Keller, der beim besten Willen keine Frau fand, wurde zu einem der grössten Frauenbeschreiber der Weltliteratur.Kränkungen können Menschen vernichten; oder sie wecken Gegenkräfte, die stärker beflügeln als jedes Lob. Sieger­naturen berufen sich gerne darauf. «Ich wehre mich sehr hart, wenn ich angegriffen werde», schrieb Donald Trump schon vor Jahrzehnten. Vielen gilt als ausgemacht, dass Trumps politische Ambitionen entscheidend durch Barack Obama befördert wurden, als sich dieser, damals selbst US-Präsident, beim White House Correspondents’ Dinner 2011 über ihn lustig machte.Am Anfang war der MangelNicht jedes Spottopfer wird US-Präsident, und ein Lispeln allein macht noch keinen Redekünstler. Aber wer lispelt oder Spott erntet, ist vielleicht stärker als andere motiviert, seine Talente zu nutzen – zur Selbststärkung und zur Kompensation, aus Ehrgeiz oder Rachegefühl. Wäre er bei den Mädchen angekommen, er wäre kein Showbiz-Star geworden, sagte Harald Schmidt. Hätte er besser Fussball gespielt, er hätte nicht zu schreiben begonnen, räsonierte Peter Bichsel. Das klingt zwar bei beiden ziemlich kokett, berührt aber eine weitverbreitete Erfahrungs­tatsache: Erfolg beginnt mit einem Mangelgefühl.Die Tragik der Kränkung besteht darin, dass Widerstandskraft, Talent und Glück hinzukommen müssen, damit solche Selfmade-Märchen wahr werden. Auf einen Steve Jobs kommen Millionen unglücklicher Adoptierter, und das Londoner Arbeitshaus war für viele Zeitgenossen Chaplins keine Startrampe, sondern Endstation.Der Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, so talentiert wie Goethe, endete nach der Zurückweisung durch den Weimarer Hof und Goethe selbst im Wahnsinn. Umgekehrt wäre Heinrich Heine nicht Heinrich Heine geworden ohne das Geld seines Onkels Salomon, an dessen herablassender Art er sich lebenslang abarbeitete. Und die Sängerin Edith Piaf, die Kindheitsjahre im Bordell verbrachte, war auf den Nachtklubbesitzer angewiesen, der sie von der Strasse weg engagierte.Anatomie des TrotzesDer Macht des Zufalls zum Trotz gibt es Muster produktiver Kränkungen, wiederkehrende Erscheinungsformen, an denen sich Kompensationskräfte besonders leicht entzünden. Gross ist die Schar der Kranken und Versehrten unter den Erfolgreichen. John Updike litt lebenslang an einer Schuppenflechte, der Publizist Roger de Weck schielte schon als Kind. Thomas Alva Edison, der Erfinder des Phonographen, war schwerhörig, Lord Byron mit einem Klumpfuss geschlagen und Michelangelo mit einer zerbeulten Nase, die ihn in den Augen seines Kollegen Raffael zum «hässlichsten Künstler weit und breit» machte.Andere grosse Männer waren einfach nur klein. Ihr Ahnherr Napoleon kam mit seinen 1,68 Metern noch glimpflich davon, gemessen an der Zwergenstatur von Immanuel Kant (1,57 Meter), Prince (1,57 Meter) oder Danny DeVito (1,50 Meter). Ob sie wohl gern mit dem hünenhaften Medienmanager Mathias Döpfner getauscht hätten? Der litt mit vierzehn darunter, zwei Meter gross zu sein, lief aber zumindest keine Gefahr, übersehen zu werden (nämlich von den Frauen, deren Schlüsselrolle bei der Verteilung des männlichen Glücks uns weiter unten noch beschäftigen wird).Doch wie verwandelt man seine Not in eine Tugend? Wie heilt man Wunden durch Exzellenz? Nicht jedem Körpergeplagten ist es vergönnt, seinen Makel dort zu überwinden, wo er ihn am empfindlichsten trifft – wie eben Demosthenes oder die als Kind halbseitig gelähmte Sprinterin Wilma Rudolph, die drei olympische Goldmedaillen gewann. Viel grösser ist die Zahl derer, die ihre Niederlagen auf Umwegen und Ersatzschauplätzen zu kurieren suchen.Mit den Füssen Horn spielenDer Musiker Felix Klieser wurde ohne Arme und Hände geboren. Aber er lernte, seine Füsse wie Hände zu benutzen, so geschickt, dass er heute mit den Zehen nicht nur Computer bedient und Gemüse schnippelt, sondern auch die Ventile eines Horns betätigt – und als Konzertsolist zu den Weltbesten seines Fachs gehört.Der spätere Schriftsteller Peter Stamm aus Weinfelden, sonst durchs Band ein guter Schüler, war im Sport so schlecht, dass ihm selbst das rettende Mittelfeld in unerreichbarer Ferne schien. Anstatt zu trainieren, entschied er sich, auf weitere Sporttage zu verzichten – und damit auch auf die Gymi-Laufbahn. Er machte das KV (die Matura holte er später nach). Heute sagt er: «Im Nachhinein war genau das produktiv. Durch die Ausbildung zum Buchhalter konnte ich in Paris arbeiten. Die Stadt war anfangs ein Schock, dann eine Lebensschule. Ich lernte, für mich einzustehen, geradeaus zu schauen statt auf den Boden. Ich erlebte ungeheuer viel. Ich wäre wohl nie Schriftsteller geworden, wenn ich nicht nach Paris gegangen wäre.»Stamm hat seine Kränkung als Scheideweg erlebt, der sein Leben in eine neue Richtung lenkte. Andere blieben an die Quelle ihrer Scham gefesselt wie John Updike an seine Schuppenflechte und lernten, sie für sich zu nutzen. «Ich wurde ein Experte für Geheimhaltung, Strategien für Tarnung, Verhüllung, Masken und Vorstellungen», sagte er in einem Interview. «Diese Camouflage-Techniken helfen, aus dir einen guten Romanautor zu machen.»Die Kunst beginnt oft dort, wo das beschädigte Ich keine Ruhe gibt. Der Wiener Arzt Alfred Adler, Theoretiker des Minderwertigkeitsgefühls, nannte diese Gegenbewegung Kompensation und sah im Knacks eine Grundkraft allen Strebens; Menschsein bedeute, sich minderwertig zu fühlen, aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit erwachse der Drang, sich über sich selbst hinauszuarbeiten.Da Vincis «Abendmahl», Bachs h-Moll-Messe, das iPhone 17 – lauter Produkte eines überkompensierten Minderwertigkeitsgefühls? Adlers Berufskollege William Niederland spann den Gedanken weiter. Begann die Kunst nicht überhaupt mit jenen Männern und Frauen, die zur Jagd nicht taugten und deshalb in den Höhlen malten?Im griechischen Mythos ist es der hinkende Gott Hephaistos, der den Schild des Achill schmiedete und mit tanzenden Jungfrauen und reissenden Löwen verziert – mit der übermütigen Bewegung also, die ihm selbst versagt blieb. Und kann es Zufall sein, dass ausgerechnet der unansehnliche, von Raffael verspottete Michelangelo den idealschönen David erschuf? Der Stilkritiker Wolf Schneider sah darin ein Musterbeispiel seiner Theorie der «Sieger».Geständnisse eines FrauenlieblingsUmgekehrt muss nicht aus krummem Holz geschnitzt sein, wer als Künstler oder Wirtschaftskapitän Erfolg haben will. Der Weg nach oben steht auch Sonnyboys wie Sergio Ermotti oder Harry Styles offen; wobei die Wahrscheinlichkeit gross bleibt, dass auch die Glückskinder einen Stups durch Ausgrenzung oder Zurückweisung erhalten haben, ganz zu schweigen von der Armut, wie sie Leonardo DiCaprio oder der Starbucks-Gründer Howard Schultz erfuhren. Barack Obama war Aussenseiter wegen seiner Hautfarbe, Albert Einstein wegen seiner Religion. Bruce Willis stotterte, Steven Spielberg war Legastheniker, und Elon Musk hat das Asperger-Syndrom.Eine Sondererwähnung verdient das Heer der Vaterlosen von Isaac Newton über Barack Obama und Eric Clapton bis hin zu Leonardo da Vinci. Ihnen hat die Psychologie den sogenannten Telemachos-Komplex gewidmet: Benannt nach dem Sohn des dauerabwesenden Odysseus, beschreibt er die Sehnsucht, den Vater zu ersetzen, sein Erbe anzutreten oder ihn zu übertreffen.Und haben am Ende nicht auch jene gelitten, die einfach nur ein bisschen schusseliger als andere waren? «I bi im Rächne nie dr Schnäuscht gsi, und mi Pelikan het immer echli gschmiert», textete der Züri-West-Frontmann Kuno Lauener über die milderen Formen sozialer Auffälligkeit.Das andere GeschlechtSpätestens hier, beim Berner Poeten und Frauenliebling Lauener, stellt sich die Frage: Wo bleiben die Frauen? Die Sprinterin Wilma Rudolph hat ihre Fahne in diesem Text fast allein hochgehalten, obwohl auch Oprah Winfrey als Kind mausarm war und Marilyn Monroe stotterte. Soll hier etwa der halben Menschheit die Erfolgs- oder gar die Leidensfähigkeit abgesprochen werden, nur weil sie im Kindesalter vielleicht seltener mit dem Tintenstift gekleckst und früher gelernt hat, die Sauerei diskret wegzuwischen?Aber nein, keineswegs! Es ist nur so, dass Männer im Verlauf der patriarchalen Weltgeschichte mehr Gelegenheit hatten, ihre Kränkungen in Karrieren, Kathedralen und Konzeptalben zu verwandeln. Aus dem privaten Knacks wurde ein öffentliches Werk, aus dem verletzten Ich ein Denkmal mit Widmung. Dahinter verbirgt sich die fatale Psychoökonomie des Mannes, die jedem Therapeuten vertraut ist: Fehlt die Gewissheit, geliebt zu werden, wird Leistung zum Liebesersatz und Anerkennung zum Selbstzweck.Und damit sind wir, beinahe unfallfrei, bei Sigmund Freud angelangt, seinem Konzept der Sublimierung und der Fähigkeit, aus Begehren und Frustration etwas herzustellen, was man Kultur nennt. Freud vermutete hinter den grossen menschlichen Turmbauplänen grundsätzlich eine erotische Triebfeder. «Wie in vielen Altarbildern in einer Ecke das Bildnis des Stifters sichtbar ist, so können wir in den meisten ehrgeizigen Phantasien in irgendeinem Winkel die Dame entdecken, für die der Phantast all diese Heldentaten vollführt, der er alle Erfolge zu Füssen legt», schreibt er in «Der Dichter und das Phantasieren».Das ist die triumphale Sicht auf die Ersatzhandlung: das Werk als Pfauenrad, der Erfolg als Entschädigung für die Missachtung auf dem Tanzboden. Oft gleicht diese Form der Kulturleistung einer Rache an der Kindheit. Und manchmal kommt die Botschaft sogar bei der Dame an, der sie ganz persönlich gilt – so wie das unvergleichliche Adagietto seiner 5. Sinfonie, mit dem der nur 1,60 Meter grosse Wiener Hofkapellmeister Gustav Mahler um die Gunst der jungen Alma warb. Sie erhörte ihn wirklich! Allerdings betrog sie ihn noch während der Ehe mit dem Architekten Walter Gropius (Mahler landete bei Freud in der Sprechstunde).Ebenso eindeutig gewidmet, aber schon vom Wissen um die Vergeblichkeit gestimmt ist Goethes «Marienbader Elegie». Der alte Dichterfürst verarbeitet darin seine unerwiderte Liebe zu der 54 Jahre jüngeren Ulrike von Levetzow und klagt: «Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren». Ein Satz, der in den literarischen Kanon einging, aber nicht ins Herz der Adressatin.Der vereitelte KussManchmal, sogar meistens, bleibt die Erlösung eben aus. Gottfried Keller wurde nur als Schriftsteller gross, nicht von Statur. Michelangelos Nase blieb zerbeult, und Stephen Hawking erhob sich nie aus dem Rollstuhl. Auch der Schriftsteller-Dandy Paul Nizon wurde seine frühe Liebeskränkung nicht los. Als Kind von einer zwölfjährigen Quartierschönheit abgewiesen, lebte er fortan in der Überzeugung, «der Gegenliebe wohl nicht wert zu sein».Damit, erzählte er in einem Interview, habe sein «Innerlichkeitsleben» seinen Anfang genommen: «das Herumphilosophieren, die Empfänglichkeit für seelische Vorgänge, das monologische Marschieren, die Versprachlichung des Alltags».So verwandelt sich die Kränkung in Kultur. Wir nennen das dann Kunst, Unternehmensstrategie oder einfach nur Fortschritt, und es ist – in sehr vielen Fällen – das Glück der Allgemeinheit, aber manchmal auch das ewige Pech des Einzelnen.Am Ende rächt sich die Kindheit nicht selten an dem, der sich an ihr rächen wollte. Das Werk schmückt zwar sein Leben, heilt es aber nicht, weil aller Applaus der Welt dieses fiese Flüstern der frühen Ablehnung nicht übertönt. Man kann zwar mit einem Kieselstein im Mund zum grössten Redner der Welt werden. Aber richtig gut küssen, das muss schon Demosthenes bemerkt haben, lässt es sich damit eigentlich nicht.Passend zum Artikel