Keystone / Bearbeitung: NZZaS MagazinViele Erfolgsgeschichten beginnen mit einem Knacks. Adolf Ogi, Fredy Knie, Roger Schawinski, Hausi Leutenegger und Emil Steinberger über die Kunst, Kränkungen in Weltentwürfe zu verwandeln.Martin Helg24.05.2026, 05.30 Uhr13 LeseminutenGrosse Lebensläufe beginnen selten im Gleichgewicht. Oft ist es ein schmerzhaftes Scheitern oder eine tiefe Demütigung in Kindheit und Jugend, die eine Gegenkraft freigesetzt haben – ein inneres «Jetzt erst recht!», das Menschen weiter antreibt als jedes Lob.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In fünf persönlichen Berichten erzählen hier prominente Schweizer von ihren verletzlichsten Momenten. Ihre Lebensschicksale reihen sich ein in ein kulturgeschichtliches Panorama gekränkter Heldenfiguren von Michelangelo über Gottfried Keller bis zu Charlie Chaplin, Steve Jobs und Elon Musk. Da drängt sich auch die Frage auf: Was hat die Kränkung mit dem (männlichen) Geschlecht zu tun?InhaltsverzeichnisAdolf Ogi: Der Altbundesrat (* 1942) über sein Scheiternan der SekundarschulprüfungEmil Steinberger: Der grosse Schweizer Kabarettist (* 1933) über die Qual seines plötzlichen ErrötensFredy Knie: Der Zirkuspatron (* 1945) über seine frühe Trennung von der ManegeRoger Schawinski: Der Medienpionier (* 1945) über den Verlust seiner kindlichen UnschuldHans Leutenegger: Der Unternehmer und Olympiasieger (* 1940) über seine sportliche Schmach.Adolf Ogi: Der Altbundesrat (* 1942) über sein Scheiternan der SekundarschulprüfungAls der kleine Adolf Ogi schon viel grösser war, sagte sein Vater zu ihm: «Du machst deinen Weg sowieso.»StAAG / RBA_ASL«Meine grösste Kränkung in der Kindheit war die Geschichte mit der Schule. Ich hatte in der Primarschule in Kandersteg praktisch lauter Sechser im Zeugnis – in Heimatkunde, Rechnen, Turnen, überall, nur im Zeichnen eine Fünf. Wirklich ein sehr gutes Zeugnis. Und trotzdem bestand ich die Prüfung für die Sekundarschule in Frutigen nicht. Bis heute weiss ich nicht, warum. Ich kann es Ihnen nicht erklären.Ich war damals elfjährig. In diesem Alter ist man noch jung, aber man merkt natürlich schon: Jetzt ist etwas schiefgelaufen. Das hat mich getroffen, das muss ich schon sagen. Man fragt sich: Warum gerade ich? Ich habe doch gearbeitet, gelernt.Aber jetzt kommt das Entscheidende. Meine Eltern reagierten unglaublich gut. Sie machten mir keinen Vorwurf, mein Vater sagte nicht, du hast versagt, er sagte: ‹Du machst deinen Weg sowieso.› Das war für mich ganz wichtig. Ich glaube heute noch, die Eltern waren am Ende mehr gekränkt als ich selber. Aber sie haben diese Enttäuschung nicht auf mich übertragen.Mein Vater war mein grosses Vorbild. Ein Mann, der zeitlebens gedient hat, als Förster, Bergführer und Gemeindepräsident. Er war überzeugt, dass man Sprachen können muss, und so schickte er mich für drei Jahre an die École Supérieure de Commerce nach La Neuveville. Als Bergführer hätte er siebzig Mal auf die Blüemlisalp steigen müssen, um mir ein Jahr dieser Ausbildung zu ermöglichen. Als er mich nach La Neuveville begleitete, trug er das Bargeld für das ganze erste Jahr in der Brusttasche seines Kittels. Da spürte ich zum ersten Mal: Jetzt hast du eine Verantwortung. Jetzt musst du etwas daraus machen.Ich strengte mich an. Ich war der einzige Primarschüler unter all den Sekundarschülern an der Handelsschule und schloss mit einem sehr guten Diplom ab, Notendurchschnitt 5,26, auf Französisch. Das war ein wichtiger Moment, der mir bestätigte: Wenn du arbeitest, wenn du dranbleibst, kannst du deinen Weg machen, auch ohne klassischen Schulweg. Mein eigentlicher Universitätsersatz wurde das Militär, dort habe ich Führung gelernt.Aufstieg zur Bire bei Kandersteg, 1947: «Döfi» Ogi (Mitte) mit seinem Vater und einem Freund.Privatarchiv Adolf OgiSpäter kam die alte Geschichte wieder hoch. Als ich Bundesratskandidat war, wurde meine Schulbildung thematisiert, da hiess es in der NZZ: Reicht einer mit ‹Primarschule Kandersteg› überhaupt für den Bundesrat? Das hat mich gekränkt, das sage ich offen. Nicht nur mich, auch meine Eltern. Damals, ich werde es nie vergessen, legte mir mein Vater den Arm um die Schultern und sagte: ‹Wenn man Bundesrat werden will, muss man intelligent sein, das stimmt. Aber noch wichtiger ist Weisheit. Intelligenz kann man in der Schule holen. Weisheit muss man sich im Leben erarbeiten, mit Werten, Haltung und Verantwortung.›Ich sagte mir, jetzt erst recht. Später, als der chinesische Präsident Jiang Zemin bei seinem Schweiz-Besuch wütend den Tisch verlassen wollte, weil gerade etwas lange über Menschenrechte geredet worden war, hielt ich ihn am Arm fest und drückte ihn in den Sessel zurück. Da hiess es: So etwas könne man an keiner Universität lernen! Ich hatte zu Zemin einfach gesagt: ‹You are not leaving› – und ihm danach noch einen Bergkristall geschenkt.Dass ich heute fünf Ehrendoktortitel besitze, ist eine schöne Ironie. Aber das Wichtigste blieb das Vertrauen meiner Eltern. Mein Vater hatte nie die Mittel, um die Welt zu bereisen; das holte ich später für ihn nach. Bei meinem Abschied aus dem Bundesrat sagte ich: ‹Ich war bei meiner Wahl nicht so schlecht wie mein Ruf, und ich bin heute bei meinem Abschied nicht so gut wie mein Nachruf.› Am Ende zählt nicht das Diplom. Es zählen die Haltung und die Bereitschaft, zu dienen und den Menschen etwas Gutes mitzugeben.»Emil Steinberger: Der grosse Schweizer Kabarettist (* 1933) über die Qual seines plötzlichen ErrötensSein Bühnen-Leben war für die Eltern nur «dummes Zeug»: Emil Steinberger mit drei oder vier Jahren.Edition E«Es gab da dieses Thema in meinem Leben, das mich jahrelang verfolgt hat, eine Schwäche, die sich wie eine ständige Verletzung anfühlte: Ich bekam im blödesten Moment einen roten Kopf. Das Schlimme daran ist ja, dass man meistens nur dann rot wird, wenn man sich schuldig fühlt oder ertappt wird. Bei mir war das nicht so. Ich hatte nichts Falsches gesagt, ich hatte nichts geklaut, aber wenn jemand einen Kugelschreiber suchte, schoss mir das Blut ins Gesicht. Und natürlich wurde ich sofort verdächtigt.Damals war ich jung, 17 oder 18, und arbeitete bei der Post am Schalter. Da stehst du nun, nimmst Einzahlungen entgegen, und plötzlich merkst du, wie es hochsteigt. Einfach so. Man bildet sich ein, der Kunde denkt: ‹Wieso wird der jetzt wegen mir rot?› Man will es verdrängen, aber dadurch wird es nur schlimmer.Es ging so weit, dass mein ganzer Alltag davon bestimmt war. Wenn ich von der Arbeit nach Hause lief, überlegte ich mir Strategien. Ich wohnte in einem fünfstöckigen Haus und wusste genau: Wenn ich diesen Weg nehme, sehen mich die Nachbarn von vorn. Und damals hingen die Leute ja den halben Tag mit dem Kissen auf dem Fensterbrett und schauten raus. Also schlich ich hintenrum, nahm weite Umwege durch Seitengassen, nur damit mich niemand ansah. Es war grausam.Irgendwann ging ich zu einem Psychologen. Der schaute mich an und sagte nur: ‹Ja, blonde Haare, helle Ohren, die Haut ist ein wenig dünn. Da wirkt sich jede Erregung sofort aus.› Ich sollte Übungen im Liegen machen, autogenes Training. Aber wenn ich dann mittags auf dem Bett lag und mir vorsagte: ‹Mein linker Arm ist ganz schwer›, kam die Mutter rein und fragte: ‹Was machst du da?› Das war mir wieder so peinlich, dass ich es niemandem erzählte. Meine Eltern wussten nichts von meinem Leiden. Für sie war ich nur der seltsame Sohn, der plötzlich komische Sachen auf dem Rücken liegend machte.Selbst auf der Bühne, bei den ersten Gehversuchen im Kirchgemeindehaus, war es ein Kampf. Ich musste den jungen Liebhaber spielen und eine Frau im Arm halten. Der Regisseur wurde wahnsinnig, weil ich so hölzern war. Er schrie: ‹Hast du noch nie eine Frau in den Armen gehabt?› Und ich dachte die ganze Zeit nur: ‹Emil, du darfst jetzt nicht rot werden!› Diese Belastung hätte mich fast kaputtgemacht.Die Rettung war schliesslich das Kabarett, das Soloprogramm. Ich musste mich entscheiden: Traue ich mich allein auf die Bühne? Ich habe es getan, und das war mein Glück. Jeden Abend musste ich mich behaupten, und jeden Abend hatte ich Erfolg. Das gab mir zum ersten Mal das Bewusstsein, etwas zu können. Zu Hause war das Gegenteil der Fall. Für meine Eltern war das, was ich auf der Bühne machte, null wert. ‹Dummes Zeug› hiessen meine Nummern da. Ich war ein Solist in der eigenen Familie, niemand fragte nach dem Auftritt: ‹Wie war’s?› Ich ging vom Esstisch direkt ins Theater und wieder zurück, ohne ein gutes Wort.Der Erfolg beim Publikum hat alles verändert. Besonders jener in Zürich, wo ich vor dem Publikum solche Angst hatte. Ich dachte, die sind dort so arrogant, so perfekt eingekleidet, und dann komme ich mit meinen zu grossen Hemden und langen Ärmeln daher. Aber sie haben mich geliebt. Sogar die Studenten an der Uni haben angefangen, so zu ‹schnorren› wie ich. Diese positive Energie von Tausenden Menschen, die dir nur Gutes wollen, hat mich geheilt. Wenn du in der Manege im Zirkus Knie stehst und 4000 Leute ihre Sympathie auf dich projizieren, dann kann es dir nur gutgehen. Das Rotwerden ist dadurch ganz einfach verschwunden. Der Applaus hat die Unsicherheit weggespült.»Fredy Knie: Der Zirkuspatron (* 1945) über seine frühe Trennung von der ManegeFrüh mit Abschieden vertraut: Fredy Kniezvg Circus Knie«Meine Kindheit im Zirkus war wunderbar, den ganzen Tag verbrachte ich mit den Tieren. Doch dann, ich war siebenjährig: Trennung von den Eltern, Trennung vom Zirkus, mein Bruder Rolf und ich durften nicht mehr mit auf Tournee. Wir kamen nach Belp ins Internat. ‹Das tut ihnen gut, sie müssen sich an die Härte des Lebens gewöhnen›, sagten die Eltern. Wir wohnten zwar extern bei Gotten, aber wir hatten grosses Heimweh. Uns fehlte alles: die Eltern, die Tiere, die Manege.Wenn wir am Wochenende heimkamen, war uns so schlecht, dass wir uns drei Tage lang erbrachen. Da beschlossen die Eltern radikal: ‹Wir lassen sie übers Wochenende gar nicht mehr kommen, nur noch in den Ferien, und rufen sie nur noch einmal pro Woche an, damit weniger Heimweh entsteht.› Damals wurde ich aus meiner Welt herausgerissen und musste lernen, in dieser gegensätzlichen Welt zu leben. Ich war auch nicht eifersüchtig auf Rolf, der ein begabter Fussballer war und darin vom Vater gefördert wurde – mir hat der Vater dafür die Pferde anvertraut.Die Pferde bleiben für immer: Der junge Fredy bei Proben im Circus Knie mit zwei Welsh-Ponys, 1954.Fotoarchiv Knie / KeystoneDoch diese Schulzeit, in der Lehrer einen an den Haaren zogen und man das Lineal auf den ‹Grind› bekam, hat uns geprägt. Wir zogen daraus eine Konsequenz: Sobald wir selber Kinder haben würden, würden wir die Zirkusschule einführen, eine fahrende Schule – heute nach St. Galler Lehrplan –, die Lehrperson reist mit dem Zirkus mit. So bleiben die Familien zusammen. Eine klassische Berufslehre hingegen hat bei uns niemand gemacht, weder mein Bruder Rolf und ich noch meine Cousins Franco und Louis noch meine Tochter Géraldine. Wir brauchen das nicht. Vier wertvolle Ausbildungsjahre im Zirkus wären dadurch einfach futsch.In die öffentliche Volksschule gehen unsere Kinder nur noch in der Winterpause in Rapperswil. Doch selbst das war für Géraldine eine schmerzhafte Erfahrung. Ein Lehrer hetzte die ganze Klasse gegen sie auf, weil sie ‹eine Knie› war und er das Zirkusleben als privilegiert ablehnte. Sie wurde richtig gemobbt. Später, als sie erwachsen war, hat er sich bei ihr entschuldigt. Aber vergessen kann man so ein Unverständnis nicht.Wir Zirkusleute sind für viele Exoten, man wird schnell beurteilt, bevor man überhaupt gekannt wird. Das Unverständnis begegnete mir später in Form des ‹Tierquäler›-Vorwurfs der Tierschützer wieder, der mich extrem gekränkt hat. Die Tiere sind mein Herzstück! Wenn Leute vor dem Zelt stehen und schreien, ohne jemals eine Probe gesehen zu haben, wenn sie einem ins Gesicht sagen, man sei ein Tierquäler, obwohl man das Gegenteil lebt, dann verletzt einen das sehr. Fachleute sehen das zum Glück anders; die tiermedizinische Fakultät der Universität Zürich hat mir für meinen Umgang mit Pferden sogar den Ehrendoktor verliehen.Letztlich haben mich diese frühen Trennungen auf spätere Abschiede vorbereitet. Als mein Vater sagte: ‹Wir müssen uns trennen›, weil er eine neue Frau kennengelernt hatte, war ich 25. Es war hart für meine Mutter, aber wir mussten es akzeptieren.Der Zirkus geht mit der Zeit. Wir mussten von der Schiene auf die Strasse umrüsten, als die SBB die Preise verdoppelten. Von den Elefanten haben wir uns 2016 verabschiedet, der Platz in den Städten reicht nicht mehr. Auch finanziell sind wir nun neu aufgestellt: Meine Tochter Géraldine ist heute Hauptaktionärin und Verwaltungsratspräsidentin. Es war ein langer Prozess der Ablösung, ich habe finanziell und operativ alles abgegeben und rede in nichts mehr rein, nur so funktioniert es.Aber jeden Morgen stehe ich in der Manege und trainiere die Enkel mit den Pferden. Das ist mein Platz. Ob wir uns einmal ganz von den Tieren trennen? Nein, von den Pferden werden wir uns nicht verabschieden.»Roger Schawinski: Der Medienpionier (* 1945) über den Verlust seiner kindlichen UnschuldRoger Schawinski, kommunikativ schon in jungen Jahren (vermutlich 1948)privat«Ich erinnere mich sehr genau an eine Szene, als ich etwa acht Jahre alt war. Mein Sparbüchlein war plötzlich leer. Ich stand unter Schock! ‹Jemand hat mich bestohlen›, klagte ich meinem Vater. Stockend erklärte er mir, dass er das Geld heimlich genommen habe. Es sei um die Miete von 180 Franken für unsere Dreizimmerwohnung am Bahnhof Wiedikon gegangen. Wenn er nicht pünktlich zahle, würde uns gekündigt. Damals verstand ich nicht, wie sehr er sich für sein Verhalten vor mir schämte. Er war Textilvertreter mit stark schwankendem Einkommen. Das Geld war immer knapp, ohne dass uns etwas zu fehlen schien. Doch bei diesem Ereignis verlor ich meine kindliche Unschuld. Bis dahin war die Welt ungetrübt und wunderbar gewesen.Mein Vater war äusserlich ein Lebenskünstler, verspürte aber wohl eine drohende Depression. Er kämpfte dagegen an, oft kam er singend nach Hause. Intensiv befasste er sich mit Émile Coué, dem Begründer der bewussten Autosuggestion. Sein Mantra: ‹Es geht mir mit jedem Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser.› Ich begriff das damals nicht so richtig, übernahm es aber offenbar unbewusst. Es wurde meine Waffe gegen Niederlagen.Solche gab es einige. Ich flog während der Probezeit aus dem Gymnasium, weil mir Fussball wichtiger war. Mein Vater sagte: ‹Der Junge ist noch nicht reif.› Die eigentliche Kränkung kam ein paar Jahre später, als mir meine Freundin sagte, bald mache sie die Matur. Da begriff ich schlagartig, dass ich mit meinem Larifari-Verhalten wohl etwas Wichtiges verpassen würde. Es machte klick in meinem Kopf, ich fasste den Entschluss: Dann hole ich mir bis dann auch die Matura! In den folgenden Monaten lernte ich, ganz auf mich allein gestellt, bis zu vierzehn Stunden am Tag, meist zu klassischer Musik. Ich legte die beste Matura von allen ab, die damals antraten, und begriff: Wenn du alles gibst, kannst du viel erreichen. Diese Erkenntnis gab mir ein Grundvertrauen, das mich mein ganzes späteres Leben begleitet hat.Auch das jüdisch-polnische Erbe spielte dabei eine Rolle. Mein Vater sagte zu mir früh: ‹Du heisst Schawinski. Wenn du dich bewirbst, und ein anderer mit einem klassischen Schweizer Namen ist genauso gut wie du, bekommt er den Job. Du musst besser sein.› Das motivierte mich enorm. Mein Vater war nur 1,55 Meter gross und hatte das Gefühl, er müsse sich noch kleiner machen, um ja nicht aufzufallen. Ich hingegen habe mir geschworen: Ich mache mich nicht klein. Ich kämpfe für meine Anliegen. In gewisser Weise ist mein Erfolg eine Rehabilitation meines Vaters.Auch die tiefsten Niederlagen konnten mich nicht brechen. Als mich meine erste grosse Liebe für einen anderen verliess, war ich lange paralysiert. Viel später verlor ich meine Lebenspartnerin innerhalb von nur drei Monaten an den Krebs. Ihr Arzt hielt mir eine Röntgenaufnahme mit den Metastasen hin: ‹So banal sieht also ein Todesurteil aus›, sagte ich zu ihm. Das war traumatisch. Aber ich lernte, dass im Allerschlimmsten auch eine positive Seite verborgen ist, die man finden muss. Zuerst glaubte ich, nie mehr eine Frau lieben zu können. Dann traf ich Gabriella, mit der ich seit dreissig Jahren verheiratet bin. Und ohne diesen schweren Schicksalsschlag wäre unsere Tochter Lea nie geboren worden.Das Rebellische, der ‹Kassensturz›, Radio 24, das Kämpfen gegen Monopole und vieles andere war nur möglich, weil ich mich als geliebtes Kind unserer Eltern fühlte, die ihr Bestes gaben und sich für uns unter schwierigen Umständen aufopferten. Nur eine Stunde vor ihrem Tod sagte meine Mutter zum allerersten Mal zu mir: ‹Du warst immer mein Sonnyboy.› So gab sie mir ihren Segen für meinen restlichen Lebensweg. Es war das grösste Geschenk, das ich je erhalten habe.»Hans Leutenegger: Der Unternehmer und Olympiasieger (* 1940) über seine sportliche Schmach.Rekrut Hans Leutenegger (links), schon im Stadium wachsender körperlicher Tüchtigkeit, mit einem Kameraden.privat«Ich bin als kleiner, schwacher Bub auf die Welt gekommen. Ich hatte die englische Krankheit, war mager und kränklich. Wir waren acht Kinder auf einem kleinen Bauernhof in Bichelsee. Da uns der Hof nicht ernähren konnte, arbeitete der Vater hauptberuflich als Magaziner bei Sulzer in Winterthur. Wir waren einfache Leute, und ich war der Kleinste in der Familie, alle meine Brüder waren grösser.Die grösste Kränkung meines Lebens kam in der fünften Klasse am Turntag. In allen Disziplinen war ich einer der Letzten. Mein Vater stand am Rand und schaute zu. Da sagte der Lehrer laut zu ihm: ‹Aus dem gibt es nie einen Kranzturner. Der Hans ist einfach ein Sprenzel.› Das ist mir eingefahren wie ein Schlag. Nicht nur weil ich schlecht war, sondern weil ich spürte: Die schreiben dich ab, bevor du angefangen hast. Da ist ein Trotz in mir entstanden, ich sagte mir: Jetzt zeige ich es euch erst recht!Von da an gab mir der Sport alles. Ich trat dem Turnverein Balterswil bei, trainierte wie besessen und wurde kräftig. Mit siebzehn gewann ich alle Nachwuchswettkämpfe im Kanton Thurgau, mit neunzehn war ich eidgenössischer Kranzturner am Turnfest in Basel 1959. Danach war ich an fünf weiteren Turnfesten ganz vorn dabei und wurde zum Star. Ich brachte es bis zum Olympiasieg im Viererbob, 1972 in Sapporo.Widerstand gab es immer. Weil ich immer tiefbraungebrannt war, sagten sie mir ‹Tschingg›. Und als ich später bei der örtlichen Raiffeisenbank nach einem Kredit fragte, nannte mich der Präsident einen ‹Zigeuner›, weil ich geschäftlich immer unterwegs war. Ich bekam keinen Rappen. Da schwor ich mir, nie wieder jemanden um Geld zu bitten. Diesen Stolz habe ich mir bis heute bewahrt. Ich habe mein Unternehmen aufgebaut, ohne jemals auch nur einen Fünfer Kredit aufzunehmen.Geprägt hat mich die Zeit als Ausläufer bei Volg in Winterthur nach der Schule. Jeden Morgen nahm ich mit meinem Vater den Arbeiterfrühzug. Aber besonders die Rückfahrt am Abend ist mir geblieben, der Zug war voller Männer mit dreckigen Köpfen, die keine Zeit gehabt hatten, sich zu waschen. Ich hörte sie über ihre Chefs schimpfen und wusste: So will ich nie leben. Du darfst dich nicht knechten lassen!Ich machte eine Schlosserlehre, doch mein Traum war das Militär, ich wollte Instruktor werden. Bis zu dem Tag in der Rekrutenschule in Losone, als ein Testfahrer in unsere Gruppe raste. Ein schwerer Unfall, zwei Rekruten waren tot. Ich lag da, alles gebrochen: Gesicht, Knie, Beine. Meine Militärkarriere war erledigt. Also ging ich als Monteur nach Genf und flickte für die Firma Sulzer Heizungen in den Häusern reicher Leute. Dort sah ich, wie die Reichen mit Arbeitern umgingen, vier von fünf waren grob und unfreundlich und wollten uns möglichst schnell wieder weghaben. Aber da war auch diese nette Frau, die mir einen Kaffee und zehn Franken Trinkgeld gab, und ich lernte: Wenn du Erfolg hast, musst du grosszügig sein. Der Strassenputzer hat bei mir den gleichen Wert wie der Bankdirektor.Wenn ich heute zurückschaue, war vieles wichtig, das Leben ohne Geld, der Unfall, der Kampfgeist, der mich später sogar in über dreissig Filmproduktionen auf die Kinoleinwand und vor die Fernsehkameras brachte. Ich habe mit Klaus Kinski gedreht und wurde als Bond-Bösewicht gehandelt. Aber der Urknall war dieser Satz auf dem Turnplatz: ‹Aus dem gibt es nie einen Kranzturner.› Dort hat Hausi angefangen. Ich wollte beweisen, dass aus einem kleinen Sprenzel ein Mann werden kann, der als Unternehmer, Olympiasieger und Schauspieler ein echtes Herrenleben führt. Und das habe ich geschafft.»Passend zum Artikel