Die Preise in Amerika steigen immer schneller an: Der Iran-Krieg hinterlässt deutliche Spuren in der US-WirtschaftDie Teuerung und der robuste Arbeitsmarkt bescheren dem neuen Chef der amerikanischen Notenbank Probleme. Tiefere Leitzinsen, wie sie Donald Trump verlangt, liegen nicht drin.11.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer Benzinpreis ist in den USA in den vergangenen Wochen leicht gefallen, verharrt aber weiterhin deutlich über Vorkriegsniveau.Nam Y. Huh / APDie wirtschaftlichen Folgen des Kriegs gegen Iran machen sich in den USA immer stärker bemerkbar. Die jährliche Teuerung ist im Mai auf 4,2 Prozent angestiegen – so hoch wie seit dem starken Inflationsschub nach der Corona-Pandemie nicht mehr. Die Hauptursache sind die stark anziehenden Energiepreise.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Benzinpreis sinkt wieder leichtDie am Mittwoch veröffentlichten Zahlen des amerikanischen Bureau of Labor Statistics (BLS) entsprechen den Erwartungen an den Finanzmärkten. Daher haben Aktien, Staatsanleihen und der US-Dollar nur schwach auf die Neuigkeiten reagiert. Manche Analysten zeigten sich zuversichtlich, weil die Kerninflation mit 2,9 Prozent moderater ausgefallen ist als befürchtet.Die Teuerung wird also zu grossen Teilen von den volatilen Energie- und Nahrungsmittelpreisen verursacht, die bei der Berechnung der Kerninflation ausgeklammert werden. Solange Unternehmen und Konsumenten davon ausgehen, dass die Preise bald wieder sinken, dürften sich die Langzeitschäden in Grenzen halten. Aber falls der Iran-Krieg noch länger andauert und weder Öl noch Dünger durch die Strasse von Hormuz verschifft werden kann, dürfte dies die Inflation erneut anheizen.Bisher haben die Amerikaner die Auswirkungen des Kriegs vor allem an der Zapfsäule gespürt. Eine Gallone Benzin (3,785 Liter) kostet im Schnitt derzeit 4.15 Dollar, Anfang Jahr waren es noch rund 3 Dollar. Immerhin: Vor einem Monat lagen die Spritpreise noch höher, einige preisdämpfende Massnahmen zeigen Wirkung. Die USA haben ihre staatlichen Ölreserven angezapft. Zudem fördern die amerikanischen Energiefirmen zusätzliche Barrels und lassen ihre Raffinerien auf Hochbetrieb laufen.Der Arbeitsmarkt bleibt stabilDennoch erschweren die jüngsten Daten dem neuen Chef der US-Notenbank, Kevin Warsh, den Amtsantritt ungemein. Donald Trump hat ihm den Posten übertragen, weil er sich tiefere Leitzinsen vom Fed erhofft. Jerome Powell, Warshs Vorgänger, hatte der Präsident regelmässig beschimpft, weil er die Zinsen seiner Ansicht nach nicht rasch genug gesenkt hat.An Zinssenkungen ist in der jetzigen Wirtschaftslage aber nicht zu denken. Die Anleihenmärkte erwarten in diesem Jahr sogar eine oder gar zwei Zinserhöhungen vom Fed.Am vergangenen Freitag gab das BLS bekannt, dass der amerikanische Arbeitsmarkt allen Unkenrufen zum Trotz in guter Verfassung ist. Die Arbeitslosenquote verbleibt auf tiefen 4,3 Prozent, und die Wirtschaft hat im Mai 172 000 neue Stellen geschaffen. Das ist an sich eine sehr gute Nachricht: Der amerikanische Arbeitsmarkt steckt nach Trumps Zöllen auch den Iran-Krieg und die anrollende KI-Revolution bis jetzt mühelos weg. Im Umkehrschluss heisst das aber auch, dass es erst recht keinen Grund gibt, den Arbeitsmarkt mit tieferen Leitzinsen weiter zu stimulieren.Die Erwartungen an Fed-Chef Kevin Warsh sind, kurz vor seinem ersten Zinsentscheid, sehr gross.Yuri Gripas / Bloomberg / GettyWarshs erstes SignalAm 17. Juni wird das Fed seinen nächsten Zinsentscheid fällen – den ersten unter der Leitung von Warsh. An den Märkten gilt es als ziemlich sicher, dass das Fed den Leitzins auf dem jetzigen Niveau von 3,5 bis 3,75 Prozent belassen wird. Zwar mehren sich im Führungsgremium der Notenbank Stimmen, die die Öffentlichkeit auf eine baldige Zinserhöhung vorbereiten wollen.Doch der Iran-Krieg schafft derart viel Unsicherheit, dass das Fed wohl noch einmal tut, was es am liebsten tut: abwarten und weitere Daten studieren. Die Erkenntnis, dass sich der Preisdruck von den Energieprodukten noch nicht im grossen Stil auf andere Güter und Dienstleistungen übertragen hat, wird das Fed darin bestärken.Eine weitere Verschlechterung des Verhältnisses von Notenbank und Weissem Haus dürfte damit wohl noch ausbleiben. Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent, einer von Trumps einflussreichsten Beratern, hat dem Fed Mitte April eine rhetorische Brücke gebaut. Er hat Verständnis dafür geäussert, dass das Fed während des Kriegs die Leitzinsen noch nicht senkt. Trump selbst hat zumindest bei der Amtseinführung von Warsh betont, dass dieser seine eigenen Entscheidungen treffen solle.Es ist angesichts dieser Aussagen gut denkbar, dass der Präsident den Konflikt nächste Woche noch nicht eskalieren lässt, wenn das Fed wie erwartet weiterhin stillhält.Dennoch werden am kommenden Mittwoch alle Augen auf Warsh gerichtet sein. Womöglich deutet er an, ob und wann für ihn Zinserhöhungen in der zweiten Jahreshälfte denkbar sind. Allerdings hat Warsh vor seiner Berufung angekündigt, die Kommunikation des Fed restriktiver zu handhaben. Er könnte etwa darauf verzichten, nach jedem Zinsentscheid eine Pressekonferenz abzuhalten.Ein Dorn im Auge ist Warsh auch der «Dot-Plot»: die öffentliche Wirtschaftsprognose, die alle 19 Mitglieder des zinssetzenden Gremiums des Fed vierteljährlich abgeben. Unter Jerome Powell steuerte das Fed mit dem Dot-Plot proaktiv die Erwartungen der Finanzmärkte. Warsh glaubt dagegen, dass die Notenbank effektiver sein kann, wenn sie wieder mehr strategische Ambiguität an den Tag legt, die Märkte also auch einmal im Ungewissen lässt. Am 17. Juni dürften die Wirtschaftsprognosen aber wohl noch einmal publiziert werden – und die Märkte, in dieser unsicheren Lage, stark beschäftigen.Passend zum Artikel