Erst vor ein paar Tagen hat sich wieder jemand hinweggesetzt über den Zaun mitten im Wald – und über alle Bitten um einen würdigen Umgang mit diesem Ort. Die Appelle kommen von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Sie hat im vergangenen Herbst auch den Zaun ziehen lassen, der seither schon mehrmals überklettert und dabei beschädigt worden ist. „Wer hier mutwillig zerstört, fügt nicht nur der Allgemeinheit finanziellen Schaden zu, sondern zeigt auch keinen Respekt vor den Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen“, sagt Stiftungsdirektor Karl Freller dazu.Denn der Zaun umschließt ein Areal, das von etlichen Menschen aus der Umgebung seit Jahrzehnten als Abenteuerspielplatz, Party-Location oder Mountainbike-Strecke angesehen wurde und offenbar immer noch wird. Dabei mussten in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, ab Sommer 1944, hier im Mühldorfer Hart Tausende KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter eine Flugzeugfabrik in den Wald betonieren. Etwa 4000 von ihnen starben dabei, ermordet durch Arbeit, Hunger, Krankheit, Misshandlung und Waffengewalt. Seit Langem soll hier im Wald ein Gedenkort entstehen – und der Zaun ist ein Zeichen dafür, dass es damit nun vorangeht.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Von den damals überlebenden Häftlingen in diesem Außenlager des KZ in Dachau hat es fast niemand mehr erlebt, dass am Ort ihrer Qual in aller Form an Leid, Tod und Verbrechen erinnert wird. Der Zeitzeuge Max Mannheimer zum Beispiel, der sich sehr für Aufklärung und die Erinnerung an die NS-Zeit eingesetzt hat, ist 2016 gestorben. Er und der frühere Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) hatten dem lokalen Verein „Für das Erinnern“ nach langem Bemühen 2015 zu Gehör bei der bayerischen Staatsregierung verholfen – und vor allem zu einer Finanzierungszusage. Zuvor hatten der Freistaat und vor allem der Bund wenig von einer Gedenkstätte wissen wollen.2018 wurden im Wald zwischen Mühldorf und Waldkraiburg schließlich die beiden ersten Teile des geplanten dreiteiligen Gedenkortes eröffnet. Im „Waldlager“ mussten die Gefangenen einst unter denkbar elenden Bedingungen leben und sterben, im nahen Massengrab wurden mehr als 2000 Tote verscharrt. Nach dem Krieg zwangen die Alliierten die Bevölkerung in der Umgebung, sich wenigstens ein einziges Mal mit den Verbrechen im Wald auseinanderzusetzen. Lokale NSDAP-Mitglieder mussten die Leichen in KZ-Friedhöfe umbetten.Doch ziemlich sicher gibt es auch knappe zwei Kilometer entfernt auf dem vermeintlichen Abenteuerspielplatz im Wald noch menschliche Überreste von Häftlingen und Zwangsarbeitern – unter den schweren Betontrümmern und auch darin, denn beim Gießen der riesigen Bunkerbögen kam es zu zahlreichen Unfällen. Zwölf Bögen sollten eine halb im Waldboden vergrabene Montagehalle überspannen für Hitlers angebliche „Wunderwaffe“, den Düsenflieger vom Typ Me 262. Sieben dieser Bögen wurden bis zum Kriegsende fertig. Einer von ihnen widerstand danach der Sprengung durch die Amerikaner, weil er noch auf dem Kiesberg aufsaß, über dem er gegossen worden war.Die Betonbögen im Wald wurden über eigens aufgehäuften Kiesbergen gegossen. Bei den Arbeiten starben viele der dafür herangezogenen KZ-Häftlinge. Zahlreiche andere kamen durch Hunger, Krankheiten und Misshandlungen durch das Wachpersonal um. Foto: Stadtarchiv MühldorfVor allem dieser verbliebene Bunkerbogen ist es, der die Menschen an jenen Ort im Wald zieht. Auf viele übt er wegen seiner schieren Dimensionen eine gewisse Faszination aus. Einige andere ließen sich auch von seiner NS-Vergangenheit anziehen, wie immer wieder einschlägige Schmierereien gezeigt haben. Für die Stiftung Bayerische Gedenkstätten ist es aus verschiedenen Gründen der schwierigste der drei einzelnen Gedenkorte im Wald.Die verführerische Erhabenheit des riesigen Betonbogens wollen die Planer vom Büro Latz und Partner brechen, in dem sie an der Stelle des zerstörten fünften Bogens eine erhöhte Plattform schaffen. Von der aus muss niemand mehr zu dem noch stehenden Bogen aufschauen. Stattdessen sollen von dort aus die gewaltigen Dimensionen der geplanten Anlage erkennbar werden, in Form einer entsprechenden Lichtung im Wald.400 Meter lang und außen mehr als 80 Meter breit sollte der Fabrikbunker einmal werden. Doch auf der Fläche sprengten die Amerikaner später nicht nur die Bunkerbögen, sondern auch erbeutete Munitionsvorräte der deutschen Wehrmacht. Von 2019 bis 2021 bargen Experten dort noch rund 70 Tonnen explosives Material, das teils abtransportiert und teils an Ort und Stelle gesprengt wurde.Das hat den Bau des dritten Gedenkortes ebenso verzögert wie die anschließenden langwierigen Verhandlungen mit etwa zwei Dutzend kommunalen, kirchlichen und überwiegend privaten Grundeigentümern. Ein Flurbereinigungsverfahren führte zu zahlreichen Tauschgeschäften mit den Staatsforsten und am Ende dazu, dass das gesamte Grundstück seit dem vergangenen Sommer dem Freistaat gehört. Der hat es der Stiftung übergeben, welche es im vergangenen Herbst einzäunen ließ, um einen würdigen Umgang zu sichern und nicht für etwaige Unfälle verantwortlich zu werden.In den kommenden Wochen sollen die angepassten Baupläne für den dritten Teil des Gendenkorts fertig sein und zur Genehmigung eingereicht werden, sagt Jascha März, der bei der Stiftung die wissenschaftlichen Dienste leitet und das Projekt verantwortet. Die konkreten Bauarbeiten am dritten Teil könnten demnach im kommenden Jahr beginnen, eine Eröffnung wäre wohl im Jahr 2028 möglich.Ein solcher Zaun wie zuletzt werde dann hoffentlich nicht mehr nötig sein, sagt März. Denn spätestens dann soll die Eigenschaft des Areals als Gedenkort erkennbar sein und idealerweise schon dadurch Menschen vom Klettern, Biken, Grillen und Partymachen abhalten. Für die regelmäßigen Gedenkfeiern des Vereins „Für das Erinnern“ soll es eine befestige und sicher begehbare Fläche geben. Die beiden anderen Gedenkorte im Mühldorfer Hart finden längst auch international Beachtung. Im Januar besuchte der ungarische Staatspräsident Tamás Sulyok bei winterlichen Bedingungen das Massengrab im Wald und legt dort einen Kranz nieder.
Ehemaliges KZ-Außenlager im Mühldorfer Hart: Bau einer Gedenkstätte in Planung
Tausende KZ-Häftlinge starben beim Bau einer Rüstungsfabrik im Mühldorfer Hart. Heute wird das Areal oft als Abenteuerspielplatz gesehen. Das soll nicht so bleiben.








