Vincent Carchietta / Imagn / ReutersDie Sportart hat sich in Amerika vom Randphänomen zur drittgrössten Sportart entwickelt. In der WM sehen die Klubs nun eine weitere Stufe in ihrem unaufhaltsamen Aufstieg.10.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDas Unheil hat sich abgezeichnet. Das Heimteam lässt sich nach dem Führungstreffer zurückdrängen. Der Captain Emil Forsberg verliert den Ball, und die Gäste aus Columbus schliessen eiskalt ab. 1:1. Doch die Fans der Red Bulls New York halten dagegen: Die drei Einpeitscher in der Südkurve stimmen die nächste Hymne an, der Trommler gibt alles.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach offiziellen Angaben sollen an diesem Mittwoch 14 116 Zuschauer das Ligaspiel in Harrison, New Jersey, verfolgt haben. Das erscheint optimistisch, viele der 25 000 Sitzplätze blieben leer. Und doch zeigt sich hier vor den Toren New Yorks: Der Fussball hat sich in den USA festgesetzt, seit vor dreissig Jahren die Major League Soccer (MLS) gegründet wurde. Er wird auch nach der WM, die mit viel Kritik an den hohen Ticketpreisen einhergeht, prosperieren.Nach jedem Tor des Heimteams wird die Rauchmaschine angeworfen – dafür brennen die Fans selbst keine Fackeln ab.John Jones / Imagn / ReutersDer Aufstieg der MLS«Wir begannen mit zehn Teams und ohne Fussballstadien. Man konnte damals für 5 Millionen ein Team kaufen», so erinnert sich Dan Courtemanche, der Vizepräsident und Kommunikationschef der MLS, an die Anfänge. Er arbeitet seit über dreissig Jahren für die Liga und machte alle Höhen und Tiefen mit.Und solche Tiefen gab es zu Beginn einige. Als der Weltfussballverband (Fifa) die WM 1994 in die USA vergab, war das Land eine Fussballwüste ohne Profiliga. Die North American Soccer League, die Altstars wie Pelé, Beckenbauer oder Cruyff angeworben hatte, war 1985 zusammengebrochen. Die Fifa knüpfte die WM-Vergabe an die Auflage, dass die Amerikaner einen neuen Versuch starten.Zunächst kam die MLS nur langsam voran. Die ersten zehn Jahre spielten 10 bis 12 Teams mit, die etwas zufällig über das riesige Land verteilt waren. Zwei Klubs gaben schon nach wenigen Jahren wieder auf. Eine Wegscheide erreichte die Liga 2007: Sie nahm nun fast im Jahrestakt neue Teams auf, die für eine bessere geografische Abdeckung sorgten; auch in Kanada, wo heute 3 der 30 Teams zu Hause sind.Der Red-Bulls-Captain Emil Forsberg, hier in einem Spiel gegen Real Salt Lake, ist eine der Identifikationsfiguren des Klubs aus New York.Vincent Carchietta / Imagn / ReutersZum anderen verpflichtete Los Angeles Galaxy David Beckham. Die Liga lockerte eigens ihre strenge Salärgrenze, damit der Klub den englischen Altmeister für sich gewinnen konnte. Dank der «Beckham-Regel» war es amerikanischen Klubs möglich, weitere Topstars wie Zlatan Ibrahimovic, Thierry Henry oder Wayne Rooney anzulocken.Beckham selbst prägte die MLS fünf Jahre lang als Spieler und später als Mitbesitzer von Inter Miami. Er trug viel dazu bei, dass Lionel Messi 2023 nach Miami wechselte – und der Liga damit den nächsten Wachstumsschub bescherte. Messi sorgt bis heute bei Auswärtsspielen für volle Stadien und für steigende Zuschauerzahlen im TV-Streaming.Gemäss dem Sportinformationsdienst Sportico stellt die MLS heute 18 der 50 wertvollsten Fussballklubs der Welt. Die Jahreseinnahmen dieser Vereine liegen zwar nur zwischen 100 und 200 Millionen Dollar, während der FC Barcelona oder Bayern München rund 1 Milliarde pro Jahr umsetzen. Die hohe Bewertung der MLS-Klubs rührt vom typisch amerikanischen Ligasystem her. Sie können nicht absteigen, zudem herrscht ein Lohnkartell, sprich: Die Gesamtsumme der Spielerlöhne pro Klub wird gedeckelt. Anders als in Europa hält sich der ruinöse Bieterkampf um Topstars daher in Grenzen.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenStammgäste im Sektor 226Dem Fussball wird in den USA aber eine grosse Zukunft vorausgesagt, weil er Frauen wie Männer gleichermassen anspricht und eine viel jüngere Fan-Basis hat als die etablierten amerikanischen Sportarten.Es sind Fans wie Matthew Ganz, der an diesem Mittwoch mit seinem Vater Rich aus Staten Island an den Match gefahren ist. Beide sind in Fan-Pullis der Red Bulls gekleidet – und sie sind Stammgäste im Sports Illustrated Stadium. Seit 2015 besitzen die beiden Saisonkarten der Red Bulls und verfolgen die Heimspiele stets im Sektor 226.Beim Spiel gegen Columbus Crew Mitte Mai hält sich der Andrang in Grenzen. Dennoch lodern über der Südkurve, wo in Harrison die eingefleischten Fans der Red Bulls stehen, Stichflammen empor: Das Heimteam hat ein Tor geschossen.André Müller / NZZEr habe mit fünf Jahren angefangen, Fussball zu spielen, sagt Matthew. «Die meisten Kinder in unserer Gegend entscheiden sich entweder für Baseball oder für Fussball», ergänzt der Vater Rich, der früher selbst wettbewerbsmässig in Jugendligen gekickt hat. «Aber beim Baseball sitzt oder steht man die meiste Zeit. Matthew war ein sehr aktives Kind. Ich dachte, Fussball würde ihm guttun.»Gemäss Dan Courtemanche haben die nordamerikanischen Zuschauer einen «lokalen Dialekt» der globalen Fankultur entwickelt. So haben sich eigenwillige Traditionen etabliert: Immer wenn die Portland Timbers ein Tor im eigenen Stadion schiessen, sägt «Timber Joey» in der Arena eine Scheibe von einem Baumstamm – dem «Victory Log» –, den die Fans zuvor gesegnet haben. Die Holzscheibe wandert dann durch die Zuschauerränge, bis sie am Ende des Abends dem Torschützen überreicht wird.Die Red Bulls New York feiern ihre Tore mit Feuerstössen und rotem Rauch – der vom Klub selbst abgelassen wird. Zahlreiche Stadionbetreiber setzen Pyrotechnik ein, «aber sie wird in einer festlichen, sicheren und kooperativen Art abgebrannt», sagt Courtemanche. «Die meisten unserer Klubs haben mittlerweile fest eingebaute Rauchmaschinen.» Europäische Traditionalisten (oder Ultras) mögen darob die Nase rümpfen, aber es geht auf.Tatsächlich hat die Liga bezüglich Infrastruktur einen Quantensprung vollzogen. In den 1990er Jahren spielten die meisten Teams in überdimensionierten Football-Stadien, was weder für gute Fernsehbilder sorgte noch für ein tolles Wir-Gefühl auf den Zuschauerrängen. In den vergangenen zwanzig Jahren haben die meisten Klubs nun aber reine Fussballstadien mit 18 000 bis 30 000 Sitzplätzen gebaut, was für eine intimere Stimmung sorgt. Es war den Teams wichtig, die Anlagen nicht zu gross zu dimensionieren. Laut Courtemanche sind die Fundamente vieler Stadien aber so gebaut, dass sich die Kapazität leicht um 5000 Plätze erweitern liesse, sollte die Nachfrage zunehmen.Wegen der jungen Fan-Basis vermarktet sich die MLS anders als die traditionellen amerikanischen Sportarten. Bisher konnte man sich alle Spiele auf Apple TV für 99 Dollar pro Saison anschauen, ab diesem Jahr sind sie im regulären Abo enthalten. «Dank dem Wechsel zur breiteren Plattform sind die Zuschauerzahlen um 52 Prozent gestiegen, wir sind sehr zufrieden», sagt Courtemanche. Die MLS hat beschränkte Abkommen mit Fernsehsendern wie Fox, einzelne Spiele lassen sich daher auch im linearen Fernsehen verfolgen. Aber am «Streaming first»-Ansatz will die Liga nichts ändern.Auch das Maskottchen ist mit dabei: Die Atmosphäre im Stadion ist generell sehr familienfreundlich.John Jones / Imagn / ReutersEin Turnier für MillionäreDie Fussball-WM bringt der Liga willkommene Aufmerksamkeit. Die Klubs geben ihre modernen Trainingsanlagen für die Nationalteams her und hoffen, dass das Turnier neue Fans in ihren Orbit bringt. Und doch glauben sie, dass der Sport auch ohne den Grossanlass vorankommt.Die WM sorgt in den USA zwar für Vorfreude, aber auch für rote Köpfe, vor allem wegen der absurd hohen Ticketpreise – zigtausend Dollar für Spiele der Topteams. Mehrere Generalstaatsanwälte ermitteln zudem gegen die Fifa: Der Verband soll verkaufte Tickets für Topplätze heruntergestuft haben, um selbst noch mehr Premium-Tickets in der ersten Reihe absetzen zu können. Die Fifa bestreitet ein Fehlverhalten.In New York richtet sich der Ärger zudem an NJ Transit, die Transportbehörde von New Jersey: Sie hat den Preis ihrer Bahntickets von Manhattan zum Metlife Stadium, wo am 19. Juli auch der WM-Final stattfinden wird, an Spieltagen von 13 auf fast 100 Dollar erhöht.«Sie haben die normalen Fans ausgeschlossen, die Preise sind verrückt. Nur Millionäre können sich das leisten», sagt Rich Ganz. Und doch glaube er an den Kapitalismus. «Ich hasse es, aber kann ich den Wiederverkäufern einen Vorwurf machen? Sie wissen, dass die Nachfrage sehr hoch ist.» Sein Sohn Matthew widerspricht: «Es ist eine verpasste Chance, den Sport zu fördern und die normalen Fans einzubeziehen. Wenn man 2000 oder 5000 Dollar zahlen muss und nicht einmal ein Topspiel zu sehen bekommt – sie tun alles, um die Fans abzuschrecken.»Die MLS-Klubs gehen anders vor: Fussball gehört in den USA für Fans zu den günstigsten Sportarten. Oft gibt es gute Plätze für weniger als 40 Dollar, während viele NFL-Teams ihren Fans 300 Dollar pro Spiel abknöpfen.Laut Dan Courtemanche entscheiden die Klubs über die Preise. Generell will die Liga an ihrer Preispolitik aber festhalten und weiter wachsen. Gemäss einer Umfrage, die Anfang Jahr für Aufruhr sorgte, haben 10 Prozent aller Amerikaner Fussball zu ihrem Lieblingssport erklärt. American Football und Basketball rangieren noch höher auf der Liste; doch der Fussball hat bereits zwei der klassischen vier grossen amerikanischen Sportarten überholt: nach Eishockey nun auch Baseball.Matthew Ganz (links) und sein Vater Rich unterstützen die Red Bulls New York seit elf Jahren.André Müller / NZZDie Jugend spielt FussballDie Entwicklung wird fortschreiten, auch dank Zuwanderern aus Lateinamerika und Europa, die den Sport aus ihrer Heimat kennen. Und dank dem Jugendbonus. An diesem Mittwochabend verfolgen viele junge Familien und Pärchen das Spiel der Red Bulls im Stadion. Auf dem Vorplatz hat der Klub eine Spielanlage installiert, in der sich die jüngsten Fans an Geschicklichkeitsübungen versuchen.Der Jugendverband US Youth Soccer registriert jährlich 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche, die Fussball spielen. Es gibt Ligen für ambitionierte Amateure und für Plauschspieler. Die Klubs haben eigene Nachwuchsakademien aufgebaut, an denen sie starke Junioren zu Profis ausbilden wollen. Die MLS ist jedoch nicht ins Ausbildungssystem der Highschools und Colleges integriert, aus denen die NBA und die NFL ihren Nachwuchs rekrutieren.Ausser auf der höchsten Leistungsstufe gilt das «Pay to play»-Prinzip: Das Fussballtraining kostet mehrere tausend Dollar pro Jahr, was sich vor allem Familien der Mittel- und Oberschicht leisten können. Viele dieser Familien möchten aber auch, dass ihr Nachwuchs einen Universitätsabschluss macht, so dass manche Talente ihre Fussballkarriere früh an den Nagel hängen. Viele Jugendliche aus einfachen Verhältnissen sehen derweil in Basketball und American Football einen Weg zum sozialen Aufstieg und geben alles für eine Chance auf eine Profikarriere.Und doch trägt die Nachwuchsarbeit im Fussball Früchte, wie die Red Bulls an diesem Mittwoch beweisen: In der 79. Minute trifft der 18-jährige Julian Zakrzewski Hall nach einem Eckball zum 3:2-Endstand für die Bullen. Hall, der die Fussballakademie des New Yorker Klubs durchlaufen hatte, hat bereits die ersten zwei Tore fürs Heimteam erzielt. Er ist der jüngste MLS-Spieler, der drei Tore in einem Spiel erzielt hat. Und bereits einer der besten Skorer der Liga.Mittlerweile sollen europäische Topteams wie Manchester City oder Chelsea auf Hall aufmerksam geworden sein. Matthew Ganz sieht diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Es sei toll, anzusehen, wie sich diese Talente entwickelten. Er zählt die Spieler auf, welche die MLS verlassen haben, um in Europa durchzustarten: Alphonso Davies ging zu Bayern München, Tyler Adams wechselte von den Red Bulls New York zum Schwesterteam in Leipzig, bevor es ihn in die Premier League zog. «Wir werden gewissermassen eine Minor League für die grossen europäischen Klubs. Aber wenn ich ein wenig eigensinnig bin, wünschte ich mir doch, dass sie hier blieben.»Viele Fans in amerikanischen Fussballstadien sind jung – das verschafft dem Sport gute Zukunftsperspektiven.Brad Penner / ReutersPassend zum Artikel