Moskau ist zusammen mit Sankt Petersburg die grösste und wichtigste Metropole Russlands. Dass seit 1918 die russische Regierung im Kreml sitzt, schafft der Stadt erhebliche Privilegien – auch in Zeiten des Krieges.Andrei Kolesnikow10.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenMoskau bereitet sich auf den Sommer vor – den fünften Sommer der «Sonderoperation». Entspannung an den Sauberen Teichen.Pavel Bednyakov / APIn der Sowjetzeit gab es die Begriffe «limita» und «limitschiki». Damit waren Menschen gemeint, die aus der Provinz kamen, um in den grossen Städten des Landes in Betrieben zu arbeiten, wofür sie eine befristete Aufenthaltsgenehmigung erhielten, sprich das Recht, sich legal in einer bestimmten Metropole aufzuhalten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als die italienischen Sänger Albano und Romina Power Anfang der achtziger Jahre in der UdSSR populär wurden, kursierte in Moskau eine ironische Parodie auf den Song «Felicità», die eine verächtliche Haltung gegenüber den «limitschiki» zum Ausdruck brachte: «Felicità, ich lebe ohne Aufenthaltsgenehmigung in der Stadt Moskau, ich bin eine ‹limita›, ich brauche einen Verlobten mit einer Moskauer Aufenthaltsgenehmigung.» Felicità («Glück») reimte sich auf «limita». Beide waren sie das Äquivalent zu den heutigen Arbeitsmigranten aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Die überwiegende Zahl von ihnen war ethnisch russisch.Damals beruhte die Trennung zwischen den städtischen Privilegierten und den städtischen Benachteiligten nicht auf der Nationalität, sondern auf der Region: Die UdSSR war ein Land mit enormen wirtschaftlichen und geografischen Ungleichheiten.Das nachfolgende Russland ist in dieser Hinsicht weitgehend unverändert geblieben. Es gibt ein verbreitetes Misstrauen der Leute aus den Regionen gegenüber Moskau und den Moskauern. Diese Haltung ist nachvollziehbar: Das Land weist eine ungleiche, auf bestimmte Zentren konzentrierte Entwicklung auf, und der massgebliche «Schwerpunkt» aller Dinge ist Moskau. In der Hauptstadt wurde damals ein Fünftel des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet, und das ist heute noch so.Kaum mehr AlteingesesseneHeute sind die Zeiten längst vorbei, in denen Nicht-Moskauer abfällig als «zamkadyschi» bezeichnet werden – als diejenigen, die jenseits der Moskauer Ringstrasse (MKAD) leben. Die demografische Zusammensetzung der Hauptstadt hat sich in Bezug auf sozialen Hintergrund, Alter und Beruf in den letzten Jahren dramatisch verändert, und es gibt fast keine alteingesessenen Moskauer mehr, genauso wie die «Leningrader (St. Petersburger) Intelligenz» fast vollständig ausgelöscht wurde.Ja, Menschen ziehen immer noch aus der Provinz in die Stadt, weil Moskau wohlhabend ist. Denn viele Regionen (zum Teil aufgrund des gegenwärtigen Krieges) befinden sich im Niedergang (obwohl einige auch von der «militärischen Spezialoperation» profitiert haben, da staatliche Mittel an militärisch-industrielle Unternehmen flossen).Es werden in Moskau weiterhin Wohnviertel gebaut, selbst angesichts der derzeit wenig rosigen Lage der Wirtschaft insgesamt und des Bausektors im Besonderen. Denn diejenigen, die einst als Teil eben dieser «limita» galten, sind in der Zwischenzeit zu Hause wohlhabend geworden – aufgrund der Ölvorkommen daselbst oder der vor Ort angesiedelten militärisch-industriellen Produktion. Mittlerweile können sie es sich leisten, Wohnungen in der Hauptstadt zu einem Preis zu kaufen, den Ansässige schlicht wahnsinnig finden.Noch vor fünf oder zehn Jahren galt Moskau als liberale Stadt: Hier lebten viele gebildete Menschen mit demokratiefreundlichen politischen Ansichten, die Stadt hatte sich einst als «kommunistisches Vorzeigemodell» und später als kapitalistisches Vorzeigemodell entwickelt. Hier fanden, zusammen mit St. Petersburg, die mächtigsten und eindrucksvollsten Massenproteste gegen Putin statt, hier konzentrierte sich die politische Opposition.Aufgrund des Krieges verliessen viele gebildete, qualifizierte und relativ junge Menschen mit Familien und Kindern Moskau, was den Charakter der Stadt drastisch verändert hat. Die Glamourösen und auffallend Wohlhabenden blieben, während die Mittelschicht einen erheblichen Teil ihrer Mitglieder verlor. Es waren genau diese «Neuankömmlinge», die den Charakter der Stadt massgeblich prägten. Gleichzeitig ist Moskau eine Metropole mit einer alternden Bevölkerung, in der viele Angehörige der älteren Generation – die nicht gerade zur intellektuellen Elite gehören (und das nicht nur in Moskau) – pflichtbewusst und mechanisch zur Wahl gehen. Und wählen zu gehen, bedeutet im heutigen Russland, die Regierung zu unterstützen.Eine Stadt nach Putins GustoGemäss soziologischen Umfragen ist es gerade Moskau – fernab vom Krieg, wohlhabend und mit einer mit dem Leben zufriedenen oberen Gesellschaftsschicht –, wo die meisten Menschen Putin und den Krieg unterstützen. In der Vorkriegszeit, vor zehn oder mehr Jahren, waren die Verhältnisse genau umgekehrt. Putin hat sich in Bezug auf die soziale Zusammensetzung eine neue Hauptstadt kreiert und deren Bewohnerschaft nach seinen eigenen Vorstellungen umgemodelt.Das bedeutet keineswegs, dass die Provinzen die Regierung nicht unterstützen – es gibt Gegenden, die stark von Staatsgeldern abhängig sind und daher die Regierung unterstützen, da sonst nirgendwo Finanzen in Aussicht stehen. Nicht weniger als siebzig russische Regionen schlossen das Jahr 2025 mit einem Haushaltsdefizit ab (2024 waren es fünfzig). Und doch unterstützen mittelgrosse Städte laut Umfragen im Durchschnitt Putin und den Krieg in deutlich geringerem Mass.Es ist klar, dass viele russische Provinzen demografisch stärker von der «militärischen Sonderoperation» betroffen sind – es war für den Kreml einfacher, Soldaten von hier zu rekrutieren, und Zeitsoldaten waren hier besonders begierig darauf, in die Armee einzutreten, da sie sonst niemals das Geld gesehen hätten, das der Staat ihnen für ihren Militärdienst anbot. Das aber bedeutet wiederum nicht, dass Metropolen wie Moskau nicht auch ihrer männlichen Bevölkerung verlustig gehen. Als im Herbst 2022 eine Teilmobilmachung durchgeführt wurde, leerten sich die Strassen von Moskau und St. Petersburg sichtlich – die jungen Männer versteckten sich vor denen, die Jagd auf sie machten.Dennoch gibt es hier weit mehr Familien, die sich von der versprochenen finanziellen Entschädigung für den Dienst an der Front nicht verführen lassen, eine besser informierte Bevölkerung und mehr Leute, die ihre Söhne zu schützen vermögen, indem sie sie an einer staatlichen Universität unterbringen, ihnen einen Job mit Befreiung vom Militärdienst organisieren oder sie gar ins Ausland schicken, damit sie dort leben und studieren.Und natürlich spielt auch der Skaleneffekt eine Rolle: In einer kleinen Region sind die Verluste an Menschen proportional grösser und viel stärker spürbar; in Moskau geht all dies im Getriebe einer gigantischen Metropole unter und wird fast unsichtbar. Dabei verhält es sich in der Stadt selbst wie im ganzen Land – auch hier gibt es besser entwickelte und prestigeträchtige Gegenden und benachteiligte «Provinzen».«Vier Russland»Natalia Subarewitsch, Russlands führende Wirtschaftsgeografin und Regionalistin, hatte das Land schon lange vor dem Beginn von Putins «spezieller Militäroperation» in «vier Russland» unterteilt: in die grössten Städte (12, darunter Moskau); in grosse Industriestädte; in mittelgrosse und kleine Städte sowie in ländliche Gebiete; hinzu kommen der Nordkaukasus und Südsibirien als besondere Enklaven. Später wurde die Krim offiziell in diese Liste aufgenommen – eine Region, in die, wie bereits im Falle von Tschetschenien, alsbald «politische» staatliche Investitionen zu fliessen begannen.Mittlerweile gibt es weit mehr dieser «Russland». Die Karte Russlands, über die man gerne spöttisch scherzt, sie habe «keine Grenzen», ist völlig durcheinandergeraten. Leute in angestammten Provinzen dürften sich eher abfällig über die «neuen Regionen» äussern – weil diese Gelder abziehen, die eigentlich ganz anderen Gebieten hätten zugutekommen sollen. Mit dem Feldzug gegen die Ukraine entstehen völlig neue Formen von Ungleichheit zwischen den Regionen.Viele der Regionen, die in der Vergangenheit erfolgreich waren – insbesondere die Gegenden mit Öl- und Gas-, Kohle- und Metallvorkommen –, sind aufgrund der westlichen Wirtschaftssanktionen mit Problemen konfrontiert; sie leiden unter massiven Haushaltsdefiziten. Viele regionale kleine und mittlere Unternehmen können der Steuerlast nicht standhalten, die seit Anfang dieses Jahres stark gestiegen ist – der Krieg des Kremls dürstet nach Geld, und der Verkauf von Energie gibt nicht mehr so viel her wie früher.Und Moskau? Moskau bereitet sich auf den Sommer vor – den fünften Sommer der «Sonderoperation». Die durch den schneereichen Winter nur noch lose sitzenden Pflastersteine werden ausgetauscht, auf den Boulevards werden Freizeitanlagen errichtet, in Cafés und Restaurants öffnen die Sommerterrassen, und es beginnt die Saison der endlosen Fahrrad- und Motorradtouren – sowie der vielen Rennen, die an den Wochenenden die Hauptstrassen blockieren. Ab und zu bekommt man ukrainische Drohnen zu Gesicht, die am Himmel über der Stadt fliegen, aber die Moskauer ergehen sich in Fatalismus und versuchen die Gefahr nicht zu bemerken. Sie haben gelernt, sowohl mit Flugverspätungen als auch mit Internetausfällen zurande zu kommen. In Moskau gibt es keinen Krieg, auch wenn es einen gibt. Da kann man nur wünschen: «felicità».Andrei Kolesnikow ist Journalist und Buchautor. Er lebt in Moskau, ist Kolumnist von «The New Times» und schreibt für die Online-Zeitung «Nowaja Gaseta». – Aus dem Englischen von A. Bn.Passend zum Artikel
Über das Glück der Moskauer Art – in der russischen Hauptstadt gibt es keinen Krieg, auch wenn es einen gibt
Moskau ist zusammen mit Sankt Petersburg die grösste und wichtigste Metropole Russlands. Dass seit 1918 die russische Regierung im Kreml sitzt, schafft der Stadt erhebliche Privilegien – auch in Zeiten des Krieges.









