Man sieht der Stadt den Krieg nicht an. Die Pantsir-Systeme zur Luftabwehr, strategisch um den Kreml stationiert, sind auf hohen Flachdächern untergebracht und kaum zu erkennen. Soldaten begegnet man nur an Bushaltestellen, wo ihre lebensgroßen Portraits – in Ausgehuniform mit Orden und ernstem Blick – mit den Worten „Russlands Stolz“ für die Armee werben.

Rekrutierungbüros gibt es in den Außenbezirken. Rund 20.000 Moskauer „Kontraktniki“, Vertragssoldaten, stellen jährlich ihr Leben zur Verfügung. Sagt das Bürgermeisteramt. Von den Leben nährt sich die Front; sie ist gefräßig.

Angeblich 30.000 und mehr dieser Söldner verheizt die russische Armee in einem Monat. Nach Adam Riese kommen also 95 Prozent des Menschenmaterials nicht aus der Hauptstadt. Es sind die Regionen, deren Gouverneure unter immer größeren Druck geraten, Nachschub zu pressen.

Das Damoklesschwert, das auch über Moskau hängt und von dem es heißt, es sei bereits beschlossene Sache, trägt den Namen Mobilmachung. Angeblich 300.000 Männer, manche behaupten auch 500.000, will Wladimir Putin nach den Duma-Wahlen im September ausheben. Vielleicht werden es weniger sein, oder die Mobilmachung fällt ganz aus. Im fünften Kriegsjahr lässt sich nichts mehr prognostizieren.