„Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen“, notierte Volker Braun in seinem Gedicht „Das Eigentum“ aus dem Umbruchsjahr 1990, als die DDR im Strudel der Geschichte verschwand und aus zwei Staaten einer wurde. Es ist das Privileg der Literatur, wenigstens als Text zu bewahren, was zu verschwinden droht. Im vollbesetzten Frankfurter Volkstheater zeigte sich auch deshalb zur Eröffnung von „Literaturm“ eindrucksvoll, was ein programmatisches Festival leisten kann, das nicht einfach Neuerscheinungen nacheinander wegmoderieren lässt, sondern als kuratiertes Programm – dieses Jahr unter der Überschrift „Ost West Text“ – dem Land den Puls misst: hier, fast vierzig Jahre nach der ostdeutschen Revolution.Dass dies kein leichtes Unterfangen ist in einer Zeit, in der wir vor einer neuen „unsichtbaren Mauer“ stehen, deren Ursachen bis in die DDR und die Wendejahre zurückreichen, dessen war sich Programmleiterin Sonja Vandenrath bewusst. Umso erfreulicher, dass die Auftaktveranstaltung mit Jana Hensel, Ursula Krechel und Ilko-Sascha Kowalczuk zu einer Sternstunde diskursiven Ausverhandelns wurde.Mit vollem Einsatz, aber ohne FoulSchon die Bühnenaufstellung schien Programm. Die westdeutsch sozialisierte Ursula Krechel saß als Grande Dame der Literatur in der Mitte und trug so als Stimme der Vernunft zwischen den Erinnerungsgräben zum Gelingen des Abends bei. Rechts und links von ihr lieferten sich die beiden ostdeutschen Publizisten Jana Hensel, die mit ihrem Buch „Zonenkinder“ 2004 den Generationenblick auf die deutsche Geschichte weitete und jüngst „Es war einmal ein Land“ publizierte, und Ilko-Sascha Kowalczuk, dessen dreißig Titel umfassendes Œuvre – in wenigen Wochen erscheint sein neues Buch „Faschismus ist keine Meinung“ – mit DDR-Legenden und -Mythen aufräumt, ein anregendes Gefecht.Dabei gelang ihnen sogar das Kunststück, die argumentativen Pfeile über Krechels Kopf hinweg jeweils so beim Gegenüber zu platzieren, dass die Büchnerpreisträgerin gleichsam unberührt blieb. Wie in einem sportlichen Wettstreit wurde im Volkstheater mit vollem Einsatz diskutiert, dabei ohne Foulspiel.Dass Hensel und Kowalczuk das Streitgespräch gemeinsam bestritten, statt sich in ihre jeweiligen Echowinkel zurückzuziehen – sie kennen ja ihre gegensätzlichen Positionen zur Genüge –, ist ihnen anzurechnen und war eine der Lehren, die aus dem von Andreas Platthaus, dem Literaturchef dieser Zeitung, moderierten Gespräch mitzunehmen waren. Es setzte sich im Anschluss bei Wein und Wurst in den Goethehöfen bis in den späten Abend fort.Gibt es den Osten und den Westen überhaupt noch als reale Kategorie? Sind die Gemeinsamkeiten am Ende womöglich größer als die Differenzen? Ist die Wiedervereinigung am Ende nicht doch ein Erfolgsprojekt, wie der Historiker Kowalczuk hervorhob? Die Publizistin Jana Hensel pochte derweil darauf, die sozioökonomischen Hintergründe angesichts der Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland nicht aus dem Blick zu verlieren. Ursula Krechel rief die hohe Zahl der Nichtwähler in Erinnerung, die als schweigsame Größe bei Wahlen zum Zünglein an der Waage werden können.Man habe wissen wollen, ob es in den derzeitigen Diskursen um die DDR und den Osten geht oder um Menschen, die in einem repressiven System um Autonomie rangen und später mit einem knallharten Systemwechsel konfrontiert wurden, hatte Sonja Vandenrath in ihrer Eröffnungsrede gesagt. Fest steht bislang nur: Das Festival hat rasant begonnen. Alles Weitere steht zur Diskussion.