Die Winter-WM in Katar war in jeder Hinsicht eine Katastrophe – ich etwa habe keine Minute geschaut. Boykott aber ist für den Fan kein Dauerzustand. Die vielen WM-Dokus sind fantastische Wiedereingliederungsprogramme.Es gibt einen wunderbaren Roman von dem großen Theaterschauspieler und erfolgreichen Schriftsteller Joachim Meyerhoff, der ziemlich genau die Stimmung in Fußballdeutschland 2026 wiedergibt, wenige Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel am 11. Juni in Mexiko-Stadt: „Wann wird es endlich wieder so, wie es niemals war.“ Meyerhoff erzählt in dem autobiografischen Roman von seiner Jugend, die er als einer der Söhne des Direktors inmitten einer psychiatrischen Klinik verlebte, unter (liebenswerten) „Irren“ und „Bekloppten“, wie man damals noch ganz politisch unkorrekt zu den Patienten der (geschlossenen) Klinik sagte. Das Buch handelt auch davon, dass man sich die eigene Vergangenheit stets in einem Licht ausmalt, das etwas goldener scheint, als sie in der Realität war. Schön genug, um die Sehnsucht stets neu anzufachen.Wie kommen wir nun von Meyerhoffs Erinnerung voller „positiv Bekloppter“, wie man im Sportreporterdeutsch sagen würde, zu Dokumentationen, in denen Oliver Kahn, Thomas Strunz, Mario Basler, Stefan Effenberg, Jürgen Klinsmann und Lothar Matthäus, alle weitgehend gut gealtert, mit ernster Miene in die Kamera schauen und sich an ihre Taten von einst erinnern? Nicht nur „die Mannschaft“ muss sich auf ein solches WM-Turnier vorbereiten, auch die Fans müssen es, ja, die ganze (TV-)Nation. Immer neu. Immer wieder. Jeder Einzelne muss in Stimmung und Form kommen, damit ein besonderer Sommer gelingen kann. Das war nie einfach. Besonders schwer aber fällt es in einer Zeit, die – ökonomisch, innen- wie außenpolitisch – so wenig Optimismus versprüht wie aktuell. Und in der zudem die eigene Mannschaft nicht einmal mehr zu den Topfavoriten gehört. Die Programmverantwortlichen der Sender und Streamingplattformen hatten das offenbar gespürt und gaben Unterstützung für die Fan-Seele in Auftrag. Zuversicht. Gemeinschaftsgefühl. Selbstvergewisserung. Finanzierten neue Fußball-Dokumentationen über die Turniere 1990, 1994, 2006 und auf 2026 hin. Noch nie ploppten so viele so geballt auf wie im Vorfeld der WM in den USA, Mexiko und Kanada. Im März kam bereits „Ein Sommer in Italien“ in die Kinos, ein einziger, wunderbarer Nostalgierausch (Wiedervereinigung, quasi Heim-WM am Teutonengrill; Brehmes Elfmeter, Franz Beckenbauer nach dem Finale am Mittelkreis) über die „magische“ WM 1990. Mittlerweile ist der Film von Nadja Kölling und Vanessa Goll, der auch mit privaten Videos und Fotos der Spieler glänzt, bei Sky zu sehen. Und wem nicht selbst die Tränen in die Augen schießen, wenn Thomas Häßler und Lothar Matthäus unter Tränen über ihren überraschend verstorbenen Freund Andi Brehme sprechen, der hat kein Herz. Eine sentimentale Reise im besten Sinne. Elf Freunde müsst ihr sein, der alte Sepp-Herberger-Spruch. Er galt für die 1990er – und tatsächlich auch für alle Mannschaften, die danach Erfolg hatten und am Ende sogar einen Titel errangen.Lesen Sie auchIn der ARD-Mediathek (und am 14. Juni ab 22 Uhr im Ersten) findet sich das Gegenbeispiel: die vierteilige Doku „WM 1994 – Elf Helden – ein Albtraum“ des Regisseurs Manfred Oldenburg. Er rekapituliert darin die letzte Weltmeisterschaft, die in den USA stattfand, in allem chaotisch war und mit dem 1:2 gegen Bulgarien für den Titelverteidiger und Favoriten ihr frühes Ende fand. „Ja, gut, Bulgarien …“, erinnert sich Thomas Strunz, so sei vor dem Spiel die Haltung gewesen. Im Kopf war man bereits beim Halbfinale gegen Italien, aber eigentlich schon im Endspiel gegen Brasilien gewesen. Für heute lernt man durch die Doku (wie aktuell beim Testspiel gegen die USA in Chicago am Sonntag zu sehen), wie extrem die Temperaturen in den USA sein können. Beim ersten Gruppenspiel 1994, ebenfalls in Chicago, waren es 48 Grad auf dem Rasen. Die deutschen Stars waren rasch stehend K.o. Neben dem Platz war das All-Star-Ensemble (12 Weltmeister von 1990 plus Sammer und Kirsten aus dem Osten, dazu neue Wilde wie Effenberg, Gaudino oder Basler) sich viel zu sicher – und untereinander nicht (mehr) grün. In der Mitte ein Bundestrainer, Berti Vogts, der zermahlen wurde zwischen Vorgänger Franz Beckenbauer, der als TV-Kommentator im Nachbarhotel kein gutes Haar an ihm ließ; Kapitän Lothar Matthäus, der wie der „Kaiser“ allzu eng mit der „Bild“-Zeitung war. Dazu kam noch ein neues TV-Gesicht namens Stefan Raab, der Vogts vor dem Teamhotel „Oak Brook Hills“, einem Betonbunker mit von den Spielern reichlich genutztem Golfplatz, auf dem Parkplatz auflauerte (das ging 1994 noch). Der ihn lächerlich machte, wo er konnte („Wer spielt heute – außer mir?“). Und Vogts, zu nett für diese Welt, musikalisch exekutierte („Wer sieht von hinten aus wie vorn, Berti Vogts, Berti Vogts“). Weil eine solche Doku über Fußballdeutschland, besonders im Öffentlich-Rechtlichen, nicht so negativ enden darf, schließt sie nicht mit dem Bulgarien-Debakel im Stadion von New Jersey, sondern wird kurzerhand um die siegreiche EM 1996 verlängert. Neue Mannschaft, neuer Spirit. Ende gut, Berti gut. Das ZDF wiederum hat in der Mediathek die dreiteilige Doku „Mission Sommermärchen“ von Tom Gerntke und Jonas Freudenhammer im Angebot, die sich darauf konzentriert, wie Trainer-Neuling Jürgen Klinsmann nach der blamablen EM 2004 in Portugal, dem tiefsten aller Tiefpunkte, den DFB und das Fußball-Establishment mit seinen Ideen erst vor den Kopf stieß, dann fast vorzeitig rausflog, um seine Mannschaft dann doch noch zur umjubelten Heim-WM zu führen. Lesen Sie auchIn der Doku ist übrigens ausgerechnet Jens Lehmann als Zeitzeuge und „Talking Head“ vor der Kamera nicht zu sehen. Dafür malmt umso häufiger Oliver Kahn seine Meinung durch die Zähne. Dessen Weg vom „Titan“ und tragischen WM-Helden 2002 zum Ersatztorwart 2006 wird als eine Art „andere“ Heldenreise nebst Happy End inszeniert: Kahns allerletztes Länderspiel, der Sieg im Spiel um Platz drei gegen Portugal. Die deutsche Niederlage im Halbfinale gegen Italien wird übrigens, ein sehr cooler Move, sportlich komplett ausgespart. Kein Bild vom Spiel, nur ein paar Tränenfotos danach. Es geht den Machern darum, zu zeigen, weshalb diese Mannschaft und das ganze Land in diesem Sommer 2006 gewonnen hat. Jürgen Klinsmann wird hier zu einem Vorbild für Deutschland. Zur Aufforderung, mutig neue Wege zu gehen. Optimistisch zu sein. Auch für 2026?Das Zweite hat für die gute Stimmung zudem noch die Doku „World Cup – mit Tommi Schmitt“ im Programm. Wie schon vor der Heim-EM 2024 begleitete der Moderator und erfolgreichste deutsche Podcaster („Gemischtes Hack“, zusammen mit Felix Lobrecht) drei potenzielle Nationalspieler. Folgt ihnen eine Saison lang bis zum Tag der WM-Nominierung. Dieses Mal besucht Schmitt, immer im Bild, immer in der Rolle des bekennenden Fans, Stürmer Nick Woltemade in Newcastle und geht mit ihm Handtücher kaufen; er spielt mit Linksverteidiger David Raum Golf in Leipzig und steht mit dem offensiven Mittelfeldspieler Nadiem Amiri (Mainz), der mit seinem roten Ferrari vorfährt, auf dessen Jugend-Bolzplatz, einem klassischen Käfig in einer tristen Siedlung in Ludwigshafen. Lesen Sie auchWie sagt Tommi Schmitt in Hinblick auf die nächsten Wochen: „Ich bin pumped up. Ich hab’ Bock.“ Schmitt, der jeden duzt, selbst Rudi Völler, hat sich unter den medial vorsichtigen Profis den Ruf gesichert, ein Typ zu sein, dem man vertrauen kann. „Na, mein Gutster“ begrüßt ihn etwa David Raum, bevor er ihm das Trainingszentrum in Leipzig zeigt und ihn später auch einmal in sein Lieblingscafé mitnimmt. Amiri lässt Schmitt sogar zu sich in Küche und Wohnzimmer. Schmitt hat 2026 mehr Glück als vor der EM 2024, hat nicht mit Marc-André ter Stegen darüber sinnieren müssen, warum der Torwart bei der EM wieder nur auf der Bank sitzen würde. Oder den bedröppelten Robin Gosens bei dessen Eltern im Garten trösten, weil der nicht nominiert wurde. Nein, diesmal hüpft vor ihm ein strahlender Nadiem Amiri auf einem Parkplatz aus einem Van. Amiri hatte eben erst, auf dem Weg zum Treffpunkt – nur zehn Minuten vor Verkündigung des Kaders – den entscheidenden Anruf von Julian Nagelsmann bekommen. Er ist dabei. Und muss heulen. Was er in der Doku eigentlich nicht wollte. Sagt dann, er habe seit drei Nächten vor Aufregung nicht mehr geschlafen. Und kann sein Glück kaum fassen. 405 Minuten Fußball insgesamt, wenn man sich alle vier Dokus am Stück anschaut. Sieben Stunden Fußballnostalgie, Macht und Ränkespiele, offene Männerfreund- und verdeckte -feindschaften, gemeinsame Siege und einzelne Niederlagen. Vor allem aber: große Gefühle. Gefiltert durch die Zeit, sicher, aber auch in der Rückschau immer noch erstaunlich echt wirkend. Mit Bildern, die man immer wieder sehen will. Und vielem, was man vergessen hat. Oder gar nicht kannte. Und immer, immer schwingt in diesen Dokus die Hoffnung mit, dass es in Zukunft wieder so gut werden wird, wie es, wenn man ganz genau hinschaut, dann auch wieder nicht war.Wer aber auch immer gerade durch die allgemeine Weltlage deprimiert ist und auch vom Fußball jenseits des Platzes ein wenig angewidert, der sollte sich etwas von diesen sieben Stunden zur Stimmungsaufhellung anschauen. „Ich habe gerade das Gefühl, da entsteht gerade ein bisschen was.“, sagt David Raum einmal zu Tommi Schmitt. „Die Nationalmannschaft ist mir ans Herz gewachsen – wenn wir zusammen sind, ist es immer geil.“Zuversicht und Vorfreude sind auch dringend nötig nach zwei Weltmeisterschaften, die atmosphärisch nicht gut und sportlich katastrophal waren (Aus in der Vorrunde 2018 in Russland und 2022 in Katar). Gerade diese seltsame Winter-WM am Golf war von Anfang bis Ende zum Vergessen. Zum Beleg der Tristesse hätte es nicht einmal der Amazon-Prime-Doku über das deutsche Team gebraucht, die in Hansi Flicks Motivationsrede („Flug der Graugänse“) ihren traurigen Höhepunkt hatte. Ich selbst hatte unter den Bedingungen und nach all den Diskussionen im Vorfeld so wenig Lust auf das Turnier, dass ich beschloss, es zu ignorieren. Ich habe tatsächlich keine einzige Minute live geschaut, was nur beim Finale schwer fiel. Und ich weiß, ich war damals nicht der einzige. Sicher macht es die Fifa um Gianni-Ich-presse-jeden-Dollar-aus-dem-Produkt-Infantino den Fußballromantikern (wie mir) nicht leicht. Auch Donald Trump, der große Fifa-Friedenspreisträger, hilft mit seinen Aussagen über einzelne Teilnehmerländer nicht gerade, sich auf die Weltmeisterschaft zu freuen. Dabei sollte für jede Fußball-WM gelten, was als „Sommermärchen“-WM-Slogan 2006 berühmt wurde: „Die Welt zu Gast bei Freunden“. Und mit Spaß dabei. Also, ich hab’ Bock.
Dokus zur Fußball-WM: Aufpumpen mit „Wir“-Gefühl - WELT
Die Winter-WM in Katar war in jeder Hinsicht eine Katastrophe – ich etwa habe keine Minute geschaut. Boykott aber ist für den Fan kein Dauerzustand. Als Wiedereingliederungsprogramm bieten sich die vielen neue WM-Dokus an. Es gibt nichts Besseres, um sich wieder anzuzünden.













