Laura ist im sechsten Semester ihres Bachelorstudiums an der Hochschule Heilbronn und erhält den Bafög-Höchstsatz. Als sie ihren Studienplatz für International Business bekam, mietete sie in der Annahme eine Wohnung, dass das Bafög bald überwiesen wird. Doch sie musste sechs Monate darauf warten – hätte ihre Mutter ihr nicht die Miete vorgestreckt, hätte sie die Wohnung nicht halten können.Um über die Runden zu kommen, jobbte sie in der Gastronomie. Das Bafög, so berichtet sie, geht für Miete, Krankenversicherung (sie ist über 25 Jahre alt und muss selbst zahlen), Lebensmittel und Mobilfunkvertrag drauf. Um sich mehr als das Mindeste leisten zu können, arbeitet sie 35,5 Stunden im Monat als studentische Hilfskraft.Dass sie die Regelstudienzeit überschreiten wird, weiß sie schon jetzt. Auch den nötigen Leistungsnachweis für den Verlängerungsantrag zum fünften Semester mit einer Mindestzahl von ECTS-Punkten konnte sie wegen des verpassten ersten Semesters und anderer privater Gründe nicht erbringen. „Da musste ich sehr viel nachweisen und einzelne Kursbelegungen und Prüfungen vorlegen“, sagt sie im Gespräch mit der F.A.Z. „Im Endeffekt habe ich erst ein Jahr später mein Geld bekommen.“ In der Zwischenzeit musste sie wieder ein halbes Jahr ohne Bafög auskommen.Wenn ihre Mutter ihr die Miete für das WG-Zimmer nicht vorgestreckt hätte, hätte sie ihre Bleibe verloren. Die Eltern stammen ursprünglich aus Polen, doch die Berufsabschlüsse der inzwischen alleinerziehenden Mutter wurden nicht anerkannt. „Ich musste schauen, dass ich in den Monaten ohne Bafög meine Kosten reduziere, da war nichts mit ins Kino gehen“, berichtet sie. Einen Master will sie wegen ihrer finanziellen Probleme nicht an das Bachelorstudium anschließen.Er wartete fünf Monate auf die erste Bafög-ZahlungÄhnlich geht es Marco Kolarevic. Er wird sein Wirtschaftsinformatik-Studium an der Hochschule Bielefeld in einem halben Jahr beenden. Er war bis Februar dieses Jahres Bafög-Empfänger und hat fünf Monate auf die erste Bafög-Zahlung gewartet. Seine Schwester hat ihm die Miete vorgestreckt, und er nahm einen Nebenjob nach dem anderen an, um irgendwie über die Runden zu kommen. Er war Mitglied im AStA und ist studentisches Mitglied im Ausschuss Studienfinanzierung des Deutschen Studierendenwerks, spricht aber ausschließlich als Betroffener.Kolarevic ist eines von vier Kindern einer alleinerziehenden Mutter, die dann auch noch krank und pflegebedürftig wurde und starb. „Die Beerdigung musste ich auch noch von meinem Geld mitfinanzieren“, erzählt er im Gespräch mit der F.A.Z. Nach acht Monaten sei endlich die Nachzahlung von der Waisenrente gekommen, doch die sei ihm am Ende auch wieder abgenommen worden, weil es sich um eine andere Einkommensquelle handelte.Den Dispo-Kredit habe er monatlich voll ausschöpfen müssen. Er hat sich bei Zeitarbeitsfirmen angeboten, als Werkstudent gearbeitet und Hilfstätigkeiten angenommen. Die meisten Bafög-Empfänger müssten nehmen, was sie kriegen. Als AStA-Vertreter habe er gesehen, dass das Sozialdarlehen des AStA für viele der letzte Rettungsanker war, wenn sie einfach nichts mehr hatten und die Eltern auch nicht helfen konnten. Zurückzahlen konnten es viele nicht, einige gerieten in eine Privatinsolvenz. Im Vergleich zu seinem Studienbeginn im Jahr 2019 seien die Kosten selbst in einer kleineren Uni-Stadt wie Bielefeld erheblich gestiegen, vor allem die Mieten.Selbst die Professoren hätten inzwischen erkannt, dass das Studium für viele Bafög-Empfänger zur Nebensache werde, weil sie zu große finanzielle Sorgen haben. Manche halten dem Druck nicht stand und geben das Studium auf. Er selbst habe gelernt, damit zu leben. „Es ist wichtig, dass gerade wir Arbeiterkinder, die als Erste in der Familie studieren, über unsere Probleme sprechen und uns gegenseitig helfen“, fügt er hinzu. Von der Union habe er politisch nichts erwartet, doch die amtierende Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) enttäusche ihn zusätzlich. Offenkundig habe sie kein Interesse am Bafög, sondern nur an Technik und Raumfahrt.53 Prozent des Einkommens gehen für die Miete draufDie neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts vom Sommer letzten Jahres zur Wohnkostenbelastung und Einkommenssituation von Studenten belegen, dass Studenten 53 Prozent des Einkommens für die Miete investieren müssen. Bei der Gesamtbevölkerung sind es 25 Prozent. Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Studierendenwerks, Matthias Anbuhl, erinnert gegenüber der F.A.Z. daran, dass es die letzte Bafög-Erhöhung im Jahr 2024 gegeben habe. „Bricht die Koalition nun tatsächlich ihr Bafög-Versprechen, drohen somit sechs Jahre ohne eine Anpassung der Förderung.“Die aktuelle Bafög-Wohnkostenpauschale von 380 Euro im Monat reiche in kaum einer deutschen Hochschulstadt mehr für ein WG-Zimmer. Die durchschnittliche Miete betrage 512 Euro und in der teuersten Hochschulstadt München sogar mehr als 800 Euro im Monat. Die im Koalitionsvertrag angekündigte Erhöhung der Wohnkostenpauschale von derzeit 380 Euro auf 440 Euro im Monat wäre gar nicht so teuer. „Allein im laufenden Haushalt kostet der Tankrabatt fast das 25-Fache davon“, rechnet Anbuhl vor. Studienabbrüche aus Geldmangel könne sich unsere Gesellschaft nicht leisten. Auch die Innovationspolitik und die Hightech-Agenda der Bundesregierung würden nur mit qualifizierten Fachkräften gelingen – mit den Studenten von heute. „Die Ministerin und die Unions-Fraktion sägen an dem Ast, auf dem sie selbst sitzen“, kritisiert Anbuhl.Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Mikrosimulation und Ökonomische Datenanalyse in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern geht der Frage nach, wieso bis zu 70 Prozent der eigentlich Bafög-Berechtigten keinen Antrag stellen. Bei einer Befragung von 22.222 Studenten durch die beiden Institute unterschätzen die meisten, wie viel Bafög sie im konkreten Fall bekommen könnten. 82,2 Prozent der Berechtigten, die keinen Antrag stellen, glauben fälschlicherweise, nicht förderfähig zu sein. 59 Prozent davon halten das Einkommen der Eltern für zu hoch und liegen damit falsch.13 Prozent der Berechtigten, die keinen Antrag stellen, wissen zwar, dass sie berechtigt wären, wollen das Bafög aber trotzdem nicht in Anspruch nehmen, weil sie Angst vor den Schulden haben und die Höhe der Rückzahlungen überschätzen. Längst nicht alle wissen, dass die Rückzahlung auf 10.010 Euro gedeckelt ist.Eine Sprecherin des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt kündigte an: „Wir wollen auf ‚BAföG Digital‘ einen KI-gestützten Chatbot einbinden, der Fragen beantwortet und beim Ausfüllen des Antrags unterstützt. Die KI wird auch mit dem bestehenden BAföG-Rechner verbunden und kann damit unverbindlich und anonym eine Auskunft über einen möglichen BAföG-Anspruch geben.“Der Bundestag habe auf Vorlage eines entsprechenden Konzepts durch das Ministerium am 20. Mai Mittel in Höhe von 500.000 Euro für die Entwicklung einer KI-gestützten Antragsassistenz (Chatbot) zum Bafög freigegeben. Die Entwicklung des Tools sei bereits gestartet und solle noch in diesem Jahr umgesetzt werden. Auftraggeber sei die Projekt- und Koordinierungsstelle für die Antragsplattform „BAföG Digital“ beim Land Sachsen-Anhalt. Auftragnehmerin sei die Firma Nortal.
Leben mit Bafög: Wenn das Studium zur Nebensache wird
Wie kommen Studenten mit Bafög über die Runden? Zwei von ihnen erzählen aus ihrem Alltag.









