Ein Nazi-Tattoo, homophobe Sprüche und toxisches Verhalten gegenüber Frauen: Der linke Shootingstar Graham Platner wird für die Demokraten zur HypothekDie Hoffnungen der amerikanischen Demokraten, im Herbst den Senat zu erobern, ruhen auch auf dem Gliedstaat Maine. Ausgerechnet hier drohen sie sich mit einem unkonventionellen Kandidaten ins eigene Fleisch zu schneiden.09.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer linkspopulistische Senatskandidat Graham Platner bezeichnet die Enthüllungen über sein Privatleben als Komplott des Establishments.Robert F. Bukaty / APBei den Demokraten herrschte Katzenjammer, als Kamala Harris 2024 gegen Donald Trump die Präsidentschaftswahl verlor und die Republikaner im Senat und im Repräsentantenhaus Mehrheiten errangen. Eine Lehre, die demokratische Strategen aus dem Fiasko zogen: Die Partei war zu abgehoben und zu akademisch. Sie symbolisierte für weite Teile der Bevölkerung das Establishment und wurde damit zur leichten Zielscheibe von Trumps populistischer «Make America great again»-Bewegung (Maga).Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dies befeuerte vor allem im linken Flügel der Partei die Suche nach volksnahen Kandidaten, die mehr Ecken und Kanten aufweisen und nicht dem Klischee der Berufspolitiker entsprechen. Je unkonventioneller, desto besser, so lautete die Devise.Eine schwierige BiografieZwei Jahre später droht den Demokraten diese Strategie ausgerechnet in Maine auf die Füsse zu fallen. Der Gliedstaat ist zentral für ihre Hoffnungen, im November die republikanische Senatsmehrheit zu sprengen. Bei den Primärwahlen an diesem Dienstag dürfte mit Graham Platner ein völlig unerfahrener Senatskandidat das Rennen machen, der inhaltlich in der Tradition des altlinken Senators Bernie Sanders oder des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani steht.Platner ist 41 Jahre alt, Austernfischer und Veteran aus den amerikanischen Kriegen im Irak und in Afghanistan. Er präsentiert sich als Mann aus dem einfachen Volk, der gegen das System antritt, und linke Aktivisten stilisierten ihn zum populistischen Shootingstar. So gelang es ihm im demokratischen Vorwahlkampf, die fast doppelt so alte demokratische Gouverneurin von Maine, Janet Mills, zu distanzieren und zum Rückzug zu bewegen.Doch Platner, der nach seiner Zeit im Militär mit psychischen Problemen und Alkoholismus kämpfte, ist durch eine schwierige Biografie belastet. Eine Serie von Enthüllungen wirft immer neue Fragen zu seinem Urteilsvermögen und zu seiner charakterlichen Eignung auf, die den Demokraten am Ende den erhofften Sieg im Senatsrennen gegen die republikanische Amtsinhaberin Susan Collins kosten könnten.Liste von SkandalenDenn die Liste von Platners Skandalen wird immer länger. Bereits im letzten Herbst war durch ein Video publik geworden, dass er auf der Brust eine Tätowierung mit einem Totenschädel und zwei gekreuzten Knochen trägt. Das Motiv entspricht dem Totenkopf der SS-Einheiten bei den Nazis. Platner beteuerte, er habe die Tätowierung in betrunkenem Zustand in Kroatien zufällig stechen lassen. Doch jüngste Aussagen einer Ex-Freundin nährten Zweifel an seiner Behauptung, er habe die Bedeutung des Totenkopfs bis vor kurzem nicht gekannt.Ein schlechtes Licht auf den demokratischen Hoffnungsträger werfen auch inzwischen gelöschte Online-Kommentare, die Platner vor über zehn Jahren auf der Plattform Reddit veröffentlichte. Er äusserte homophobe Beschimpfungen, fragte, warum Afroamerikaner kein Trinkgeld bezahlten, und meinte, Opfer von sexueller Gewalt müssten mehr Verantwortung für sich selber übernehmen.In den letzten Tagen nun berichteten amerikanische Medien zudem, Platner habe auch nach seiner Heirat vor drei Jahren anderen Frauen anzügliche Nachrichten geschickt. Eine Recherche der «New York Times» zeichnete überdies ein Bild toxischen Verhaltens gegenüber Frauen. So erzählt eine ehemalige Partnerin, Platner habe sie im Streit an den Schultern gepackt und in ein Zimmer gesperrt.Die Demokraten reagierten erschüttert und zunehmend panisch auf die Enthüllungen. Denn der Gliedstaat Maine ist zwar konservativ geprägt, stimmte aber 2024 für Harris. «Es wäre einer der einfachsten Senatssitze, den die Demokraten im heutigen Umfeld erobern könnten, doch Platner setzt das aufs Spiel», sagte Jessica Taylor vom parteipolitisch ungebundenen «Cook Political Report» gegenüber der «Financial Times». Ohne einen Sieg in Maine wären die Chancen der Demokraten, bei den Zwischenwahlen im November die Mehrheit in der kleinen Kongresskammer zu erobern, deutlich kleiner.Platner ergreift die Flucht nach vornDas demokratische Establishment, das gegenüber Platner stets Vorbehalte gehegt und die 78-jährige Gouverneurin Janet Mills unterstützt hatte, sieht nun seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Vereinzelte Demokraten erklärten, Platner habe sich mit seinem toxischen Verhalten gegenüber Frauen disqualifiziert. Die meisten aber eierten herum, ohne ihn zum Rückzug aufzufordern.Theoretisch könnten die Demokraten den Kandidaten bis Anfang Juli ersetzen. Faktisch aber ist es unmittelbar vor dem Ende des Vorwahlkampfes an diesem Dienstag bereits zu spät dafür. Die Gegenkandidatin Mills sagte zwar, ihr Name bleibe auf den Wahlzetteln. Doch verzichtete die altgediente Gouverneurin darauf, ihre abgebrochene Kampagne offiziell wieder aufzunehmen.Platner selber betont, er habe aus seiner Vergangenheit Lehren gezogen, wobei er die dunklen Episoden in seiner Biografie auch als Beweis für seine Authentizität als Antipolitiker darstellt. Gleichzeitig ging er in die Gegenoffensive und stellte die Enthüllungen als Komplott des Establishments dar. «Das einzige Ziel dieser Geschichten ist, zu verhindern, dass wir über das Gesundheitswesen, über Steuern für die Reichen und über Geld in der Politik reden.»Damit setzte Platner auf eine ähnliche Strategie wie Donald Trump, der auf Skandale und Enthüllungen stets mit einer Mischung aus Unnachgiebigkeit und Gegenattacken reagierte. Doch ob demokratische und moderate Wähler moralische Verfehlungen ebenso leicht zu verzeihen bereit sind wie die Maga-Basis, ist fraglich. Zudem erschweren Platners Affären die Bemühungen der Demokraten, sich bei den Zwischenwahlen als integre Alternative zu den Republikanern zu präsentieren.Passend zum Artikel