Als Geraldo Alckmin am Wochenende die vielen Airline-Chefs in seiner Heimat begrüßte, da klang er wie eine Stimme aus der guten alten Zeit. Luftfahrt, das sei eine starke Kraft, die für Chancengleichheit bei den Menschen sorge, die Leute einander näherbringe und die auch wirtschaftlich die „globale Integration“ fördere, so der Vizepräsident Brasiliens.Keines der anwesenden Mitglieder der International Air Transport Association (IATA) widersprach. Natürlich nicht, denn genau das ist sozusagen das Mission-Statement, also das nach außen präsentierte Motto der Luftfahrtbranche: Völkerverständigung, wirtschaftliche Entwicklung – und dabei selbst ein bisschen Geld verdienen.Das Ding ist nur: Die Realität sieht aktuell völlig anders aus, vor allem in Sachen Geld verdienen. Denn die Fluggesellschaften stecken, seit die USA und Israel beschlossen haben, gemeinsam Iran anzugreifen, mitten in ihrer nächsten Krise. Alle Airlines sind betroffen, entweder direkt, weil sie seit Beginn der Kämpfe nur sehr eingeschränkt fliegen können oder weil der hohe Ölpreis ihre bisherige Budgetplanung völlig über den Haufen wirft.Die IATA rechnet aktuell damit, dass die Airlines weltweit insgesamt in diesem Jahr einen Gewinn von rund 23 Milliarden Dollar machen werden. Das klingt nach viel, ist aber nur etwa halb so viel, wie der Verband noch im Januar prognostiziert hatte. Alles unter dem Vorbehalt, dass sich die Lage im Nahen Osten langsam normalisiert, wonach es aktuell nicht aussieht. Die Marge sinkt der Prognose zufolge von für die Branche ganz ordentlichen 4,2 Prozent auf nur noch zwei Prozent. Der Hauptgrund: Die Airlines werden rund 100 Milliarden Dollar mehr für Treibstoff ausgeben müssen, weil Kerosin im Durchschnitt 70 Prozent mehr kosten wird als noch 2025.Iran-Krieg:EU-Kommission will Kerosin-Mangel verhindernDie Länder Europas sollen sich den Treibstoff für Flugzeuge nicht gegenseitig streitig machen. In Zukunft könnten strategische Kerosin-Reserven zur Vorschrift werden.Viele Airlines verzichten erst einmal auf SicherungsgeschäfteZwar haben vor allem in Europa viele Airlines über Sicherungsgeschäfte die kurzfristigen Preissprünge abfedern können. Aber die Verträge, die ihnen günstigere Preise garantierten, laufen langsam aus. Und immer mehr Airlines entscheiden sich gerade dafür, diese „Hedging“ genannte Absicherung für den Moment sein zu lassen – zu teuer, zu spekulativ, und irgendwie haben ja auch alle Konkurrenten das gleiche Problem.Was derzeit noch hilft (und gleichzeitig die Fluglinien selbst ein wenig wundert): Die vielen Preiserhöhungen, die sie in den vergangenen Monaten beschlossen haben, um die höheren Treibstoffkosten an die Passagiere durchzureichen, haben bislang nicht dazu geführt, dass die Nachfrage merklich nachgelassen hat. IATA-Chef Willie Walsh rechnet weiterhin mit einem „starken Sommer“ – klar, viele der Urlaubsflüge haben die Kunden ja auch zu Zeiten gebucht, als die Preise noch erträglicher waren. Und bei Geschäftsreisen zahlt die Firma, wenn es das Budget zulässt. Trotz allem rechnet die Branche mit einem kleinen Wachstum von etwa zwei Prozent.Wie lange die Nachfrage auf diesem Niveau bleibt: unklar. Doch genau darauf kommt es an. Ein Rückgang der Nachfrage wäre „der schlimmste Albtraum“, sagt Adrian Neuhauser, Chef der südamerikanischen Abra Group, zu der Avianca (Kolumbien) und Gol (Brasilien) gehören. Er macht sich weniger Sorgen darüber, dass die Kunden wegen der höheren Ticketpreise ihre Reisen absagen oder reduzieren. Neuhauser glaubt eher, die allgemein wieder angeheizte Inflation könne dazu führen, dass auch alle anderen Elemente einer Urlaubsreise so teuer würden, dass sie sich vor allem Reisende mit niedrigeren Einkommen den Urlaub insgesamt nicht mehr leisten können. Und dann würden auch niedrigere Preise bei den Tickets nichts mehr helfen.Vor allem in den USA macht sich auch bei den Fluggesellschaften eine Spaltung bemerkbar: Es gibt eine Gesellschaftsschicht, die deutlich mehr Geld hat und es auch für Flugreisen ausgibt. Davon profitieren Fluglinien wie Delta oder United, die auf Premiumsitze fokussiert sind. Einkommensschwächere hingegen reisen in den USA jetzt schon weniger, und das spüren vor allem die Billig-Fluggesellschaften. Eine, die Spirit Airlines, ist sogar schon pleitegegangen. Und IATA-Chef Walsh warnt, es könnten weitere folgen, insbesondere kleinere Fluglinien, die nicht die finanzielle Widerstandskraft der Großkonzerne haben.Was die Frage angeht, ob überhaupt überall genügend Treibstoff zur Verfügung steht angesichts der Tatsache, dass die Straße von Hormus bislang nicht frei ist, wollte Walsh klar Entwarnung geben. Die IATA sieht nach seinen Worten keine Anzeichen dafür, dass irgendwo nicht genügend Kerosin zur Verfügung stehen könnte in den nächsten Wochen. Eleanor Budds, die für S&P den Treibstoffmarkt analysiert, ist sich da allerdings nicht ganz so sicher: „Wir wissen einfach nicht, wie viel Flugbenzin in bestimmten Weltregionen zur Verfügung steht.“ Dafür sei die Datenlage zu dünn.