KommentarFlugreisende können aufatmen – dank der unsichtbaren Hand der WeltmärkteNoch vor einem Monat wurde eine Krise der Luftfahrt wegen Kerosinmangels vorhergesagt. Heute ist die Lage wesentlich entspannter. Dazwischen hat der Kapitalismus seine Kräfte entfaltet.23.05.2026, 05.26 Uhr4 LeseminutenDie Aussichten für bezahlbare Flüge im Sommer haben sich deutlich aufgehellt.Nicolas Economou / ImagoFür viele Europäer gibt es kaum eine schlimmere Vorstellung, als nicht in die Sommerferien fliegen zu können. Sonnige Ziele locken in Südostasien, der Karibik, auf Mallorca und in vielen weiteren Destinationen. Der eine oder andere mag sogar eine Reise an die Fussball-Weltmeisterschaft in Amerika geplant haben. Umso schockierender wirkten die energischen Warnungen, welche die Internationale Energieagentur (IEA) seit März wiederholt verbreitet hat: «Vermeiden Sie Flugreisen, wo immer Sie über Alternativen verfügen.» Die Agentur sagte den schwersten Ölpreisschock für die Weltwirtschaft seit Menschengedenken voraus. Sie ermahnte die Bevölkerungen in einer detaillierten Anleitung zur Einschränkung ihrer Konsumgewohnheiten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die höheren Preise für Benzin und Diesel geben seit dem Angriff der USA und Israels auf Iran Ende Februar viel zu reden in Europa. Doch noch viel stärker legten als Folge des Kriegs die Preise für Flugtreibstoff zu. Europa verfügt nicht über genügend eigene Produktionskapazitäten. 22 Prozent der weltweiten Exporte von Flugtreibstoff werden laut Argus, einem Anbieter von Energieinformationen, normalerweise durch die Strasse von Hormuz ausgeführt. Und diese ist seit Kriegsbeginn geschlossen. Der Ausfall spiegelte sich im steilen Anstieg der Preise für Flugbenzin in Europa; sie haben sich von Kriegsbeginn bis Anfang April mehr als verdoppelt.Zuversichtliche Erwartungen der SwissDoch seit Mitte April bewegt sich die Preiskurve wieder nach unten, und zwar deutlich. Derzeit liegen die Marktpreise für Flugbenzin in Europa rund 30 Prozent unter den Höchstwerten vom April. Viele europäische Fluggesellschaften und Flughäfen verbreiten klare Signale der Entspannung. In der Schweiz sieht etwa die Swiss laut einem Sprecher keine Anzeichen eines Treibstoffengpasses mindestens bis Ende Juni; für die weiteren Sommermonate ist die Fluggesellschaft zuversichtlich, dass die Treibstoffversorgung genügt, um den Flugplan einzuhalten. Sie hat 80 Prozent der Treibstoffkosten für das Jahr 2026 abgesichert und stellt keinen Einbruch der Nachfrage fest.Was ist seit April passiert? Ein Ende der Blockade ist nicht in Sicht und deshalb nicht für die deutliche Entspannung verantwortlich.Präsident Trump hat zwar Anfang April eine Waffenruhe mit Teheran vereinbart. Aber er kann sich nicht dazu überwinden, den Krieg durch eine Einigung mit den Machthabern in Teheran zu beenden. Die Hardliner in der iranischen Führung zeigen ebenfalls keine Bereitschaft zu Kompromissen.Die Raffinerien arbeiten auf HochtourenAber warum sind dann die Preise für Flugtreibstoff so deutlich gesunken, während der Preis für Rohöl der europäischen Sorte Brent weiterhin über 100 Dollar pro Fass liegt? Die Antwort liegt nicht in der Hand der Politik, sondern in der unsichtbaren Hand der Weltmärkte: Die hohen Preise haben sofort alle Unternehmen alarmiert, die davon profitieren können. Raffinerien in Europa stellten ihre Produktion so weit wie möglich um, um maximal viel Flugtreibstoff anstatt anderer, weniger wertvoller Produkte herzustellen. Dasselbe taten amerikanische Raffinieren, welche die Produktion und die Exporte von Flugtreibstoff seit Kriegsbeginn um 290 000 Fass pro Tag ausgeweitet haben. Die Mehrproduktion geht fast vollständig in den Export, der in den ersten zwei Wochen des Mai um 57 Prozent oder 278 000 Fass pro Tag zugenommen hat. Das meiste davon landet in Europa.Das Gewinnstreben dieser Unternehmen ist also eine wichtige Erklärung, dass sich die angekündigte Krise am europäischen Reisemarkt entschärft. Dank dem rasch ausgeweiteten Angebot von Flugtreibstoff dürften die meisten reisewilligen Europäer trotz Iran-Krieg in die Sommerferien fliegen können.Das sollten all die linken Politiker beachten, die lauthals nach Preiskontrollen oder Gewinnabschöpfung für Profiteure der Energiekrise rufen. Stattdessen sollten sie die Marktpreise frei wirken lassen, damit die Wirtschaft darauf reagieren kann. Am Ende profitieren alle davon, so wie es Adam Smith, einer der Urväter der Theorie der Marktwirtschaft, vor 250 Jahren in seinem berühmten Werk vom «Wohlstand der Nationen» beschrieben hat.Die vom Iran-Krieg ausgelöste Energiekrise ist noch lange nicht ausgestanden, wie die IEA zu Recht mahnt. Der Ausfall von rund einem Fünftel der weltweiten Exporte von Rohöl, Erdgas und raffinierten Produkten wird mit jedem Tag grössere Folgen für die Weltwirtschaft nach sich ziehen, um den sich die Blockade der Strasse von Hormuz verlängert. Sollte sie noch Monate dauern, werden die Vorräte nach und nach erschöpft sein, und die Mangellage wird sich verschärfen. Das gilt auch für Flugtreibstoff in Europa; die Lieferausfälle aus dem Nahen Osten dürften laut Argus trotz den Anstrengungen nicht komplett kompensiert werden können. Man kann deshalb nur hoffen, dass Washington und Teheran bald zur Vernunft und zu einer Einigung finden, welche die Seeblockade beendet. Und dass die Welt in der Zwischenzeit die Preise frei spielen lässt, um den Schaden möglichst gering zu halten.Passend zum Artikel
Kerosinkrise entschärft: So rettet der Markt die Sommerferien
Noch vor einem Monat wurde eine Krise der Luftfahrt wegen Kerosinmangels vorhergesagt. Heute ist die Lage wesentlich entspannter. Dazwischen hat der Kapitalismus seine Kräfte entfaltet.









