Seit 54 Jahren ist der Tiger nun schon das Nationaltier Indiens. Und es hat was gebracht, dass er damals den Löwen aus dem hohen Rang verdrängte. 1972 pirschten nur noch 1827 Raubkatzen der Spezies Panthera tigris durch die indischen Wälder. Wegen Jagd und Umweltzerstörung drohte ihnen das Aussterben. Heute wächst der Bestand. 2022 zählte das Umweltministerium knapp 3700 Tiere. Beim nächsten Tigerzensus, der gerade läuft, erwarten Experten einen Zuwachs von zehn bis 15 Prozent. Ein schöner Erfolg. Trotzdem diskutiert man in Indien darüber, den Tiger als Nationaltier auszuwechseln. Und zwar gegen die Kuh.Die jüngste Nutztier-Zählung der indischen Regierung ergab 2019, dass es auf dem Subkontinent mehr als 192 Millionen Rinder gibt. Demnach ist die Kuh nicht vom Aussterben bedroht. Und eher selten wird ihr diese majestätische Eleganz zugeschrieben, die beim Nationaltier-Wechsel 1972 ein Argument für den Tiger war. Aber die Kuh ist eben heilig für die hinduistische Mehrheit in Indien, in vielen Bundesstaaten dürfen Rinder nicht geschlachtet werden. Viele in der nationalistischen Regierungspartei BJP fänden es deshalb folgerichtig, sie zum Nationaltier zu küren. Andere verbinden mit dem Aufstieg der Kuh zur Symbol-Kreatur die Hoffnung auf mehr Frieden.Er bekommt Kuh-Konkurrenz: der Tiger. Rajesh Kumar Singh/AP PhotoDie jüngsten Forderungen kommen nämlich nicht von Hindus, sondern aus der islamischen Gemeinde, in der man Rindfleisch essen darf. Im Bundesstaat Uttar Pradesh rief Arshad Madani, ein führender Vertreter der Muslim-Organisation Jamiat Ulama-e-Hind, vor dem Opferfest Eid-ul-Adha Ende Mai dazu auf, die Kuh zum Nationaltier zu machen. Andere Glaubensbrüder stimmten ein. Manche sagten sogar, sie wollten mit Premierminister Narendra Modi darüber reden.Manche Hindus finden den Nationaltier-Wechsel unnötig – die Kuh ist ja schon heiligGrund: Beim Eid-ul-Adha, dem Opferfest, kommt es vor, dass Kühe aus religiösen Gründen geschlachtet werden. Radikale Hindus protestieren, auch wenn sie nur den Verdacht haben, eine Kuh könnte zu Schaden kommen. Es kommt zu Gewalt, sogar zu Morden. Erst am Freitag meldete die Menschenrechtsorganisation APCR drei Todesfälle im Zusammenhang mit dem diesjährigen Opferfest: Ein muslimischer Mann sei nach mutmaßlicher Folter in Gujarat gestorben. Und in Assam habe ein Mob zwei Männer „wegen des Vorwurfs des Viehdiebstahls“ gelyncht. Mit ihrer Kuh-Kampagne wollen die Muslime solchen Verbrechen vorbeugen. Anjum Inamdar, Präsident des Forums „Moolnivasi Muslim“ aus Pune, erklärte in der Zeitung Indian Express: Wenn man die Kuh zum Nationaltier ernenne, „würde die Verantwortung für ihren Schutz auf die Behörden übergehen“ – und die Willkür radikaler Hindus zurückgedrängt.Ob die Strategie Versöhnung bringt, ist fraglich. Weniger nationalistische Hindus finden den Nationaltier-Wechsel ohnehin überflüssig. Die Kuh sei ja schon heilig, sagen sie, warum also den Tiger abwerten. Ein besonders radikaler BJP-Anführer wiederum findet es sogar kuhfeindlich, das Rind mit dem schnöden Nationaltier-Titel in Verbindung zu bringen: Uttar Pradeshs Chefminister Yogi Adityanath stellte nach den Forderungen der Muslime klar, Hindus verehrten die Kuh „genauso wie ihre Mutter“. Daraus folge: „Wer die Kuh ein Tier nennt, unterstützt auch die Schlachtung von Kühen.“ Es ist in Indien deutlich einfacher, über den Tiger zu reden.
Indien: Soll die Kuh den Tiger als Nationaltier ablösen?
Das diskutiert gerade Indien. Die Forderung kommt aber nicht von Hindus, sondern von Muslimen. Warum?









