Militante Kuhschützer gegen muslimische Viehhändler: In Indien tobt ein erbitterter Kampf um die heilige KuhDie Hindu-Nationalisten haben sich dem Schutz der Kühe verschrieben. Sie zu schlachten, ist heute in weiten Teilen Indiens verboten. Doch schafft dies nicht nur für die Viehhändler, sondern auch für viele Bauern Probleme.17.07.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenKühe zu schlachten ist in weiten Teilen Indiens streng verboten. Nur ein kleiner Teil der Kühe findet jedoch Aufnahme in einem Gnadenhof, wenn sie zu alt sind, um Milch zu geben und auf dem Feld zu arbeiten.Cathal McNaughton / ReutersDie Kuh schaut die Besucher neugierig an, wedelt mit den grossen Ohren und wendet sich dann wieder ihrem Futtertrog zu. Ihr braunes Fell glänzt samten, ihr Höcker ist prall gefüllt, über den Rippen liegt eine gesunde Fettschicht. Milch gibt sie zwar keine mehr, dafür ist sie zu alt. Den Metzger muss sie trotzdem nicht fürchten. Denn die Kuh steht in einer «gaushala» – einem Gnadenhof für Kühe. In der Anlage im ländlichen Norden der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai finden Kühe Obdach, die von den Strassen gerettet oder aus den Händen illegaler Kuhschmuggler befreit worden sind.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Die Kuh ist unsere heilige Mutter. Wie könnten wir zulassen, dass unsere Mutter geschlachtet wird?», fragt Somil Mehta und schaut auf die braune Kuh, die zufrieden ihr Futter kaut. Mehta ist 29 Jahre alt, Ingenieur bei einer grossen Ölfirma und Mitglied der VHP, der Vishva Hindu Parishad. Die Hindu-nationalistische Organisation, die eng mit der regierenden Bharatiya Janata Party (BJP) von Narendra Modi verbunden ist, setzt sich für den Schutz der hinduistischen Kultur ein. Und dazu gehört auch der Schutz der Kühe.Denn den Hindus sind die Kühe heilig. Rindfleisch zu essen, ist für sie ein Tabu. In den meisten Teilstaaten Indiens ist es heute verboten, Kühe zu schlachten – seit 2015 auch in Maharashtra, wo Mumbai liegt. Wer es trotzdem tut, dem drohen bis zu zehn Jahre Haft. Die strengen Kuhschutzgesetze sind dem Druck der VHP und verbündeter Organisationen geschuldet, die den Schutz der Kuh zu einer zentralen Frage der hinduistischen Identität gemacht haben.Somil Mehta setzt sich für die Bewahrung des Hinduismus ein. Er sieht die Hindus bedroht durch Muslime und Christen, die ihnen ihr Land, ihre Frauen und ihre Kühe nehmen wollten.NZZDie VHP sieht den Hinduismus bedroht durch die MuslimeSomil Mehta ist vor vier Jahren der VHP beigetreten. Er wollte etwas tun, um den Hinduismus zu retten. Denn der Hinduismus sei bedroht durch Christen und Muslime, die mit falschen Versprechen Hindus dazu bewegen wollten, zu konvertieren, sagte der junge Ingenieur. Vor allem die Muslime versuchten, den Hindus ihr Land, ihre Frauen und auch ihre Kühe zu nehmen. Um die Kühe zu retten, macht die Jugendorganisation der VHP, der Bajrang Dal, regelmässig Jagd auf Kuhschmuggler.«Wenn wir von einem illegalen Kuhtransport ins Schlachthaus erfahren, greifen wir ein und stoppen den Lastwagen», sagt Mehta. Meist würden die Kuhschützer dabei begleitet von der Polizei. Wenn es dringend sei, handelten sie aber auch allein. Könnten die Viehhändler keine gültigen Papiere vorweisen, würden sie festgenommen und ihre Lastwagen beschlagnahmt, sagt Mehta. Der Bajrang Dal bringe die Kühe dann in einen Gnadenhof wie jenen im Norden von Mumbai.Die Viehhändler und Schlachter sind in Indien traditionell Muslime und Dalits, eine sozial benachteiligte Gruppe, die früher als Unberührbare bezeichnet wurde. Wenn die Kuhschützer des Bajrang Dal Viehtransporte stoppen, kommt es oft zu Gewalt. Immer wieder werden echte oder vermeintliche Kuhschmuggler gelyncht. Oft reicht schon ein Gerücht, dass jemand Rindfleisch transportiert. Gemäss einem Bericht von Human Rights Watch von 2019 wurden allein zwischen Mai 2015 und Dezember 2018 bei solchen Lynchmorden 44 Menschen getötet.Selbst der Urin der Kuh hat grossen NutzenSiraj Nair will davon nichts wissen. «Diese Berichte über Lynchmorde sind falsch», sagt der VHP-Sprecher von Mumbai. Die wahren Opfer seien die Kuhschützer, die von den Viehschmugglern mit scharfen Waffen angegriffen würden. «Wir sind gegen Gewalt, wir achten das Gesetz, wir weisen unsere Mitglieder an, mit der Polizei zu kooperieren», versichert Nair. Als Hindus seien sie für ein friedliches Miteinander, doch könnten sie nicht hinnehmen, dass Muslime sich über ihren Glauben lustig machten und Kühe schlachteten.«Die Kuh ist seit Jahrtausenden ein wichtiger Teil der indischen Kultur», referiert Nair. Nicht nur gebe sie Milch, sie diene den Bauern auch, um die Felder zu pflügen und Karren zu ziehen. Ihr Dung sei unerlässlich als Dünger und diene zum Hausbau. Mit Stroh vermischt, könne er in getrockneter Form als Brennstoff zum Kochen verwendet werden. «Die Kuh hat so viele Nutzen», schwärmt Nair. Selbst ihr Urin finde in der traditionellen Medizin Verwendung.Wenn die Kuh jedoch alt wird und keine Milch mehr gibt, verliert sie für die meisten Bauern ihren Nutzen. Da die Kühe nicht geschlachtet werden dürfen, überlassen viele Bauern die alten Tiere sich selbst, um sie nicht weiter füttern zu müssen. Die Kühe wandern dann über die Felder, wo sie das Getreide fressen. Oder sie streunen durch die Städte, wo sie im Abfall wühlen und den Verkehr behindern. Heilig oder nicht – für viele Inder sind die Millionen streunenden Kühe eine Plage.Streunende Kühe gehören fest zum Strassenbild in den indischen Städten. Fromme Hindus kaufen manchmal Futter für die Tiere, doch meist bleiben sie sich selbst überlassen.Godong / Universal Images / GettyNicht alle alten Kühe finden einen Platz in einem GnadenhofNair gibt zu, dass die Streuner ein Problem seien. Leider gebe es noch zu wenig Gnadenhöfe für alle alten Kühe. Dabei hätten auch sie noch ihren Nutzen, sagt der VHP-Sprecher. Schliesslich könne man weiter ihren Dung und ihren Urin verwenden. Seine Organisation versuche daher, den Bauern zu helfen, Produkte aus Kuhurin zu vermarkten, damit sie ihre alten Tiere nicht aufgeben müssten.Ob Kühe bei den Hindus schon immer geschützt waren, ist umstritten. Die Hindu-Nationalisten behaupten, dass der Rindfleischkonsum erst mit dem Islam nach Indien gelangt sei. Historiker sehen dagegen Hinweise, dass es in der Ursprungszeit des Hinduismus üblich war, Rindfleisch zu essen. Zum Politikum wurde die Frage während der britischen Kolonialzeit, als es im Streit um Kühe wiederholt zu blutigen Unruhen zwischen Hindus und Muslimen kam.Ein komplettes Verbot, Kühe zu schlachten, gab es in Indien aber nie. Selbst heute ist es in etlichen christlich geprägten Teilstaaten wie Goa, Kerala, Meghalaya, Nagaland und Tripura erlaubt, Kühe zu schlachten. In anderen Staaten sind Kühe zwar geschützt, doch dürfen Ochsen und Stiere geschlachtet werden. Auch ist in vielen Staaten das Schlachten von Büffeln erlaubt. Diese geben zwar auch Milch, geniessen aber nicht den gleichen heiligen Status wie Kühe.Indien ist der zweitgrösste Rindfleischexporteur in der WeltWährend indische Kühe einen Höcker haben und meist weiss oder braun sind, sind Büffel schwarz, grösser und halten sich gern im Wasser auf. «Uns geht es nur um den Schutz der indischen Kuh», stellt der VHP-Sprecher Nair klar. Nichtindische Rassen sowie Kühe ausserhalb Indiens seien für die VHP kein Thema. Das Schlachten von Ziegen, Schafen und auch Büffeln sei ebenfalls kein Problem, sagt Nair. Sie seien schliesslich nicht grundsätzlich gegen den Verzehr von Fleisch.Optisch und geschmacklich lässt sich das Fleisch von Büffeln und Kühen nur von Kennern unterscheiden. International wird beides unter dem Begriff «beef» verkauft, also Rindfleisch. Dies erklärt, warum Indien seit längerem einer der grössten Exporteure von Rindfleisch in der Welt ist – trotz dem in weiten Teilen des Landes geltenden Kuhschlachtverbot. Ob alles, was im Ausland als Rindfleisch verkauft wird, wirklich Büffel ist und nicht Kuh, bleibt freilich eine offene Frage.Während der Viehhandel in muslimischer Hand ist, sind am Export auch Firmen von Hindus beteiligt. Laut einer Recherche des Magazins «Caravan» ist einer der grössten Exporteure von «beef» in die arabischen Golfstaaten ein Unternehmen der Familie von Nitin Gadkari. Gadkari ist Minister für Strassenbau und einer der einflussreichsten Politiker der BJP, jener Partei, die sich seit Jahren dem Schutz der Kühe verschrieben hat und die muslimischen Viehhändler kritisiert. Er beteuert, nichts mit dem Rindfleischhandel zu tun zu haben.In Indien gibt es Tausende Gnadenhöfe für Kühe, wie diesen im südindischen Hyderabad. Viele werden von den Hindu-Nationalisten betrieben, finanziert werden sie durch Spenden frommer Hindus.Mahesh Kumar A. / APDas Schlachtverbot hat die Viehhändler hart getroffenDer grösste Schlachthof von Mumbai liegt in Deonar, im Osten der Stadt. Auf dem weitläufigen Areal warten Tausende Ziegen, Schweine und Büffel in grossen Hallen auf die Schlachtung. Ihr Fleisch ist für den lokalen Konsum bestimmt, nicht für den Export. Am Tor zum Schlachthaus stehen an diesem Abend vier Büffel und zwei Kälber angebunden, bis ihre Zeit gekommen ist. Die Anlage wird von der Stadtverwaltung betrieben, doch der An- und Verkauf der Tiere liegt in der Hand privater Viehhändler, die meisten von ihnen sind Muslime.Einer von ihnen ist Umar Ansari. «Bis 2015 sind in Deonar jeden Tag 1300 Kühe geschlachtet worden», sagt er bei einem Treffen in einem Büro am Rande des Schlachthofs. Seitdem in Maharashtra das Schlachten von Kühen verboten sei, sei der Handel aber komplett zum Erliegen gekommen. Drei Viertel der Viehhändler hätten ihr Einkommen verloren. Das Verbot treffe nicht nur die Händler, sondern die ganze Kette von den Bauern über die Lastwagenfahrer bis zu den Metzgern.Mohammed Qureishi, ein weiterer Viehhändler, der zu dem Gespräch dazugekommen ist, sagt, das Verbot schade den Bauern, weil sie keine Käufer mehr für ihre alten Tiere fänden. Oft seien sie gezwungen, die Tiere umsonst an «gaushalas» abzugeben. Das Verbot fördere zudem die Korruption, da Händler die Polizei bestächen, um im Geschäft zu bleiben. Auch führe es zu mehr Schmuggel in Nachbarstaaten wie Goa, in denen das Schlachten von Kühen noch legal sei.Die Viehhändler Umar Ansari (Dritter von rechts) und Mohammed Qureishi (rechts) haben vor Gericht eine Klage gegen das Kuhschlachtverbot in Maharashtra eingereicht. Das Verfahren zieht sich aber seit Jahren hin.NZZFür Qureishi sind die Kuhschützer einfach nur ViehdiebeMit Angriffen von militanten Kuhschützern haben die Viehhändler leidvolle Erfahrungen gemacht. «Alle Händler sind davon betroffen, auch wenn sie ganz legal mit Büffeln handeln», sagt Qureishi. Aus seiner Sicht ist das Ganze ein abgekartetes Spiel. Meist arbeiteten die Kuhschützer mit der Polizei, um die Transporte zu stoppen, sagt er. Diese beschlagnahme die Lastwagen und bringe das Vieh in eine «gaushala», bis der Fall vor Gericht geklärt sei.In Indiens chronisch überlastetem Gerichtswesen können leicht Jahre vergehen bis zu einem Urteil. In der Zwischenzeit müssen die Händler bis zu 400 Rupien (3 Franken 30) pro Tier und Tag an die «gaushala» für das Futter zahlen, wie Qureishi erklärt. Die Kosten steigen rasch so hoch, dass es sich für die Händler nicht mehr lohnt, an den Tieren festzuhalten. Laut Qureishi verkaufen die Kuhschützer sie daraufhin an andere Händler, die sie zum Schlachter bringen.Glaubt man Qureishi und seinen Kollegen, sind die Kuhschützer also in Wahrheit gemeine Viehdiebe, die unter dem Vorwand des Schutzes der heiligen Kuh die Viehhändler ausnehmen. Unabhängig bestätigen lässt sich dies nicht. Auch ein Forscher, der lange zum Fleischhandel in Indien recherchiert hat, hat dafür keine konkreten Beweise gefunden. Klar ist jedoch, dass die Angriffe der Kuhschützer für die Viehhändler so hohe Kosten verursachen, dass viele das Geschäft verlassen müssen.Qureishi, Ansari und ein dritter Viehhändler haben 2015 vor Gericht eine Klage eingereicht gegen das Kuhschlachtverbot. Sie argumentieren, dass das Gesetz in Maharashtra nur das Schlachten von Kühen verbiete, die als Zugtiere und zur Milchgewinnung genutzt werden könnten, nicht aber Tiere, die zu alt seien, um Milch zu geben oder das Feld zu pflügen. Sie fordern, dass diese in Maharashtra zur Schlachtung freigegeben werden, wie dies in einigen anderen Staaten Indiens der Fall ist. Ein Urteil des Obersten Gerichts in Delhi steht weiter aus.Die Tiere werden in Deonar wieder von Hand geschlachtetWährend des Gesprächs ist die Sonne über dem Schlachthof von Deonar untergegangen: Zeit für die abendliche Schlachtung. Früher war der Schlachtprozess in Deonar teilweise mechanisiert, doch die Maschinen sind nach und nach kaputtgegangen. Auch das Kühlhaus ist seit längerem ausser Betrieb. Auf einen Neubau haben sich die regierenden Hindu-Nationalisten bis jetzt nicht einigen können. Die Tiere werden daher wieder von Hand geschlachtet, und das Fleisch wird direkt an die Metzgereien ausgeliefert.An diesem Abend sind die vier Büffel und zwei Kälber dran, die zuvor am Tor angebunden waren. Die Tiere schauen sanft und ergeben, nur ein grosser Büffel wehrt sich. Eines nach dem anderen werden sie gefesselt und dann von mehreren Männern auf die Seite geworfen. Ein rascher Schnitt, und Blut ergiesst sich über den Steinfussboden. Während dem letzten die Kehle durchtrennt wird, haben die Arbeiter bereits dem ersten Kalb die Haut abgezogen. Was eben noch ein atmendes, schnaubendes Wesen war, ist nun ein Stück Fleisch. Wären sie Kühe gewesen, wäre den Büffeln dieses Schicksal wohl erspart geblieben.Dank den strengen Gesetzen zum Schutz der Kuh sind die Tiere in den meisten Teilstaaten Indiens heute vor dem Schlachter sicher. Für Büffel gilt dies aber nicht.Eric Lafforgue/ Corbis / GettyMitarbeit: Sabah Gurmat.Passend zum Artikel