Kuh statt Tiger? Warum selbst Muslime für Indiens Heiligtum kämpfenEinst ein Löwe, dann ein Tiger, nun eine Kuh? Manche in Indien fordern ein neues Nationaltier – und bekommen Zuspruch von unerwarteter Seite.15.06.2026, 14.28 Uhr4 Leseminuten«Ich bin hier die Herrscherin»: Die Kuh ist Alltag in Indien und gilt als heilig. Manche im Land wollen sie zum Nationaltier erheben.Kaveh Kazemi / Getty Images EuropeSie ist jetzt schon die heimliche Herrscherin in Indien. In den Strassen, vor Tempeln, entlang der Wohntürme. Die Kuh ist überall. Manchmal liegt sie, ganz abgemagert, an den Strassenkreuzungen und überhört, gelangweilt wirkend, das Gehupe um sie herum. Manchmal stöbert sie auf der Suche nach Nahrung in den Müllcontainern der Metropolen. Sie lebt in den Alltag hinein und ist Alltag im Land, in dem vor allem Hindus sie als heilig verehren. Nach Ansicht ihrer Verehrer hätte die Kuh längst zum Nationaltier Indiens erklärt werden müssen. Nun bekommen die Befürworter der Idee auch von muslimischen Funktionären Zuspruch. Was ist los im Land der Kuh, pardon, des Tigers?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Oder doch des Löwen? Es war zunächst diese Raubkatze, die Indien nach der Unabhängigkeit von Grossbritannien 1947 verkörpern sollte. Das junge, sozialistisch geprägte Land gab sich stark – mit einem Asiatischen Löwen als Symbol, inspiriert vom Löwenkapitell des buddhistischen antiken Kaisers Ashoka. Man wollte sich damit mächtig und nobel zugleich zeigen. Das Problem dabei: Der indische Löwe lebt bis heute fast ausschliesslich im Gir-Wald im Bundesstaat Gujarat, der an Pakistan grenzt. Bis heute bekommen ihn nur wenige Menschen zu Gesicht. Diese Unsichtbarkeit eignet sich wohl kaum, um ein grosses Land wie Indien zu «repräsentieren». Das müssen Indiens Politiker befunden haben, als sie den Wandel in der damaligen Nationaltierdebatte einforderten.Vom Löwen zum Tiger zur Kuh?1972 folgte schliesslich der Wechsel zum Tiger. Das Hauptargument der damaligen Regierung unter Premierministerin Indira Gandhi: Der Tiger, dieses wilde, agile Tier, sei vom Aussterben bedroht und müsse geschützt werden. Der Tiger sollte die Beweglichkeit Indiens symbolisieren und den Weg für das von Indien gestartete Artenschutzprogramm «Project Tiger» bereiten. Nationalparks wurden gegründet und Gesetze gegen Wilderei angenommen. Dem asiatischen Tiger retteten die Massnahmen das Leben. Heute wächst der Bestand der eleganten Tiere, die überall im Land zu finden sind, auch wenn sie versteckt in Reservaten leben. Das indische Umweltministerium zählte im Jahr 2022 knapp 3700 Tiere. Für den nächsten Tigerzensus erwarten Experten einen Zuwachs von 10 bis 15 Prozent. Es ist ein Erfolg, made in India.Nach der Unabhängigkeit 1947 war der Löwe das Nationaltier Indiens.ANOOP SANE / 500pxUnd nun also die Kuh? Vom Aussterben bedroht sind die Tiere keineswegs, mehr als 192 Millionen Rinder zählt die Regierung in Neu-Delhi. Das kann also nicht der Grund sein, warum das Land Jahr um Jahr über den Nationalstatus dieser Huftiere diskutiert. Indien gehört zu den grössten Milchproduzenten der Welt. Die Kuh ist die Lebensgrundlage von Millionen von Bauern im Land, so dass für viele Menschen ohnehin längst klar ist: Wenn ein Tier die Seele Indiens verkörpert, dann ist es die Kuh. Sie liefert Milch und Dung und ist als Arbeitskraft gefragt. Manche sagen gar, sie sei «wie unsere Mutter». So drückt es Yogi Adityanath, der Chefminister von Uttar Pradesh, aus.Für Abgeordnete der regierenden Hindu-nationalistischen «Volkspartei», der BJP, wäre die Statuserhöhung der Kuh eigentlich der ultimative Schritt, Indien endgültig zum hinduistischen Staat zu deklarieren. Millionen Menschen im Land aber wollen nicht aufs Rindfleisch verzichten. Sie wollen weiterhin Kühe schlachten, und sie tun das auch. Vor allem vor dem islamischen Opferfest Eid al-Adha. Das sorgt regelmässig für teilweise gewaltsamen Protest von radikalen Hindus im Land. Manchmal auch für Mord.Mord vor dem OpferfestVor dem diesjährigen Opferfest im Mai meldete die indische Menschenrechtsorganisation APCR drei Todesfälle im Zusammenhang mit dem Fest. Ein muslimischer Mann sei nach mutmasslicher Folter in Gujarat gestorben, heisst es darin. In Assam habe ein Mob zwei Männer «wegen des Vorwurfs des Viehdiebstahls» gelyncht. Es sind vor allem solche Gewalttaten, die auch Muslime in Indien dazu veranlassen, sich für die Kuh als Wappentier einzusetzen. Sie wollen damit Verbrechen vorbeugen. Denn, so der Gedanke mancher muslimischer Fürsprecher: Sei die Kuh erst einmal Nationaltier, werde die Radikalität der Hindu-Bürgerwehren zurückgehen, weil dann der Staat für den Schutz der Huftiere zuständig sei.Die Regierung von Premierminister Narendra Modi reagiert allerdings zurückhaltend. Erst kürzlich erklärte sein Justizminister Arjun Ram Meghwal, das Kabinett befasse sich derzeit nicht mit Kühen, das Thema werde lediglich von der Bevölkerung und in den Medien diskutiert. Gesetze zum Schutz von Rindern fielen weiterhin in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesstaaten, sagte er.Die Kuh bleibt also weiterhin auf der Strasse, der Tiger Nationaltier. Und der Löwe kommt ohnehin stets zu seiner Ehre: Er ist – in Form eines Siegels des Löwenkapitells von Ashoka – auf jeder indischen Banknote zu sehen.Heutzutage symbolisiert der bengalische Tiger Indien. Der Grund, warum er 1972 den Löwen ablöste, war sein drohendes Aussterben.Anupam Mukherjee / 500px / 500pxPassend zum Artikel
Heilige Kuh statt wilder Tiger? Indien diskutiert über sein Nationaltier
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