Wie sich der Zorn des US-Präsidenten anfühlt, das bekam Benjamin Netanjahu in der vergangenen Woche zu spüren. Per Telefon stellte Donald Trump den israelischen Ministerpräsidenten in den Senkel. „Du bist total verrückt. Ohne mich wärst du im Knast“, soll Trump seinem Verbündeten Medienberichten zufolge entgegengeblafft haben. „Ich rette dir den Arsch. Jetzt hassen dich alle. Wegen dieser Sache hassen alle Israel.“Kurz darauf bestätigte der Amerikaner die Meldungen, betonte gleichwohl, dass er Netanjahu sehr schätze. Als Erklärung schob er hinterher: „Ich war ein wenig beunruhigt darüber, dass er ständig mit dem Libanon im Konflikt stand.“ Die Beunruhigung dürfte nun wieder größer geworden sein.Denn in der Nacht zum Montag eskalierte der seit Monaten simmernde Großkonflikt im Mittleren Osten erneut. Zum ersten Mal seit April beschoss der Iran Ziele in Israel mit ballistischen Raketen. Vorangegangen waren israelische Bombardements auf Stellungen der Hisbollah im Süden des Libanons.Iran-Konflikt „Die US-Regierung findet keinen Ausweg“ von Julian HeißlerDer erst kurz zuvor unter amerikanischer Führung ausgehandelte Waffenstillstand – ein wichtiger Baustein auch für eine dauerhafte Feuerpause zwischen den USA und Iran – war damit schon wieder hinfällig. Und angesichts der erneut angelaufenen Vergeltungsschläge der israelischen Streitkräfte gegen Ziele im Iran, scheint ein Ende des Konflikts am Golf erneut in weiter Ferne.Bindung nur noch an die RepublikanerEs ist eine Entwicklung, die Donald Trump nicht gefallen kann. Der US-Präsident sucht seit Wochen nach Wegen, den Krieg zu beenden, den er selbst entfesselt hat. Doch bislang gelingt es ihm nicht – teils aus innenpolitischem Druck, teils aus Rücksicht auf den israelischen Verbündeten. Doch die Geduld mit letzterem scheint auch im Weißen Haus zu schwinden. Nach Irans jüngsten Angriffen, etwa, soll der Präsident den israelischen Regierungschef dazu aufgerufen haben, auf Vergeltung zu verzichten. Doch der hielt sich nicht an die Ansage aus Washington.Iran-Krieg Drei Optionen bleiben Trump – und alle schmecken nach Niederlage von Julian HeißlerNetanjahu geht damit ein großes Risiko ein. Denn die öffentliche Meinung über Israel hat sich in den USA in den vergangenen Jahren fundamental geändert. Über Jahrzehnte galt Jerusalem als einer der engsten Partner Washingtons. Und das parteiübergreifend. Doch seitdem Netanjahu Mitte der 1990er das erste Mal zum Premierminister aufstieg, hat sich dieses Verhältnis verschoben. „Er hat verstärkt auf eine engere Bindung zu den Republikanern gesetzt“, sagt Jon Finer, ehemals Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden.Schon 2015 etwa, als die Obama-Regierung das Nuklear-Abkommen mit dem Iran ausgehandelt hatte, akzeptierte der Premier eine Einladung des damaligen republikanischen Sprechers des Repräsentantenhauses, um vor dem Kongress Stimmung gegen die Vereinbarung zu machen. Es war ein Bruch mit diplomatischen Gepflogenheiten. Und eine Kampfansage an den damaligen demokratischen Präsidenten.Negatives Bild von Israel setzt sich durchTrotzdem hielten die historisch engen Verbindungen die Länder lange zusammen. Nach den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 an israelischen Zivilisten stellte sich etwa Biden noch demonstrativ an die Seite Netanjahus, umarmte ihn öffentlich und sprichwörtlich. Auch bezeichnete der US-Präsident sich selbst als Zionist. Die Unterstützung erhielt er selbst dann aufrecht, als in großen Teilen seiner Wählerschaft die Empörung über die Art der Kriegsführung der israelischen Streitkräfte im Gazastreifen immer größer wurde.Doch was als Grummeln an der Demokratenbasis begann, ist mittlerweile in der breiten amerikanischen Öffentlichkeit angekommen. Einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew zufolge haben heute 60 Prozent der US-Bevölkerung ein negatives Bild von Israel. 2022 waren es nur 42 Prozent. Auch das Misstrauen gegenüber Netanjahu sitzt tief. Dass der Premierminister mit Blick auf die Weltpolitik die richtigen Entscheidungen trifft, glauben gerade einmal noch 27 Prozent der Amerikaner.Iran-Krieg Hoffnung auf Lösung des Iran-Kriegs – Trump will Anerkennung Israels Getrieben wird diese Antipathie vor allem von den Demokraten. Rund 80 Prozent der Anhänger der Oppositionspartei geben heute an, einen negativen Eindruck von Israel zu haben. Unter Republikanern ist die Unterstützung noch größer. Allerdings: Deren Anhänger zwischen 18 und 49 Jahren schauen ebenfalls mit deutlicher Mehrheit kritisch auf den jüdischen Staat. Für die Zukunft der amerikanisch-israelischen Beziehungen besagt das nichts Gutes.Großzügige Unterstützung durch die USADenn dieser Stimmungswandel in der Bevölkerung droht sich auch auf die politische Ebene durchzuschlagen. Im Kongress finden Initiativen wie Militärhilfen für Jerusalem und andere Unterstützung derzeit zwar noch breite Unterstützung, aber die Mehrheiten sind zuletzt spürbar kleiner geworden. Auch stellen sich für die aktuellen Zwischenwahlen zahlreiche Kandidaten zur Wahl, die die finanzielle Unterstützung für Israel massiv zurückfahren wollen. Derzeit erhält das Land jährlich mindestens vier Milliarden Dollar an Militärhilfen. Weitere Zuschüsse sind nicht unüblich, insbesondere in Konfliktzeiten, sowie großzügige Waffenverkäufe.Verschlechtert sich das amerikanisch-israelische Verhältnis also, dürfte Jerusalem das schnell zu spüren bekommen. „Wenn man sich die Welt anschaut, gibt es nicht viele enge Freundschaften und Partnerschaften für die Regierung Israels. Die USA waren immer mit Abstand der am stärksten unterstützende Partner“, so Ex-Präsidentenberater Finer. Weniger Rückendeckung drohe, Israel zunehmend zu isolieren: diplomatisch – etwa im UN-Sicherheitsrat, wo die USA Israel seit seiner Existenz schützen – und sicherheitspolitisch. „Wem Israels Zukunft am Herzen liegt“, so Finer, „ist über diese Entwicklung besorgt.“