Smarte Grills, per App gesteuert. Der Grillrost weicht der Plancha-Platte, der Schweinenacken dem Flanksteak. Und wer heute noch mit einem einfachen Gemüsespieß aufwartet, hat den Anschluss an die Haute Cuisine des Grillens längst verloren. Doch sosehr sich die Geräte, das Grillgut und die Beilagen von Saison zu Saison auch wandeln mögen: Spätestens wenn im Frühsommer die Temperaturen steigen, stellt sich in Millionen Haushalten dieselbe, unausweichliche Frage: Wollen wir grillen?Das Grillen selbst hat etwas Ursprüngliches, Unverrückbares. Lebensmittel auf offenem Feuer zu garen ist eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit und übt bis heute eine fast archaische Anziehungskraft aus, ganz egal, ob mit Glut oder dem stillen Summen einer Elektrogrillplatte. Holzkohle, Gas oder Elektro – das mag der Mode überlassen sein. Dass gegrillt wird, ist hingegen gesetzt.Die Rechtslage ist unbefriedigendNur: Wo gegrillt wird, ist in einem Land der Balkone, Innenhöfe und eng bebauten Mietshäusern selten Privatsache. Wohl dem, der einen Garten hat. Wer dagegen, wie Millionen Stadtbewohner, nur ein paar Quadratmeter Balkon sein Eigen nennt, teilt die Freuden des Sommers zwangsläufig mit der gesamten Nachbarschaft.Was für den einen nach Freiheit riecht, ist für andere schlicht Rauch. Das musste auch eine Familie aus Frankfurt erleben, die bis vor Kurzem in einem gut situierten Wohngebiet im Nordend lebte. Für sie war das gesellige Grillen mehr als Freizeitvergnügen – es war gelebte Kultur auf dem Balkon. Regelmäßig lagen große Fleischstücke auf dem Rost, der Duft zog an der Hausfassade entlang, über die anderen Balkone bis hinunter in den Innenhof. Was in einem frei stehenden Familienhaus niemanden gestört hätte, sorgte in der Hausgemeinschaft im dicht bebauten Frankfurter Nordend jedoch für Gesprächsstoff – zunächst im Flüsterton unter Nachbarn, bald laut genug, sodass die Kritik die Familie direkt erreichte. Was folgte, waren Beschwerden und Diskussionen im Treppenhaus. Am Ende zog die Familie aus. Eine Einigung, so berichten es Beteiligte, habe es bis zuletzt nicht gegeben.Aber warum eskalieren solche Konflikte immer wieder, gerade jetzt in der Grillsaison? Ein Grund dafür mag die unbefriedigende Rechtslage sein. Ein Gesetz, dass das Grillen pauschal erlaubt oder verbietet, gibt es nämlich nicht. Entscheidend ist das Kleingedruckte: der Mietvertrag, die Hausordnung, Vereinbarungen mit den übrigen Eigentümern. Fehlt eine klare Regelung und spitzt sich der Streit immer weiter zu, müssen am Ende die Gerichte entscheiden.Der Vermieter kann ein Verbot nicht nachträglich einfügenWer auf seinem Balkon grillen möchte, sollte zunächst einen Blick in den Mietvertrag und die Hausordnung werfen. Der Vermieter kann dort ein Grillverbot festschreiben – entweder individuell gegenüber dem einzelnen Mieter oder in der Hausordnung verbindlich für alle Parteien. Wichtig dabei: Wenn der Mietvertrag von Anfang an nichts zum Thema Grillen geregelt hat, kann der Vermieter ein Verbot nicht einfach nachträglich einfügen. Das wäre eine – rechtlich unzulässige – einseitige Änderung des Vertrags.Für Eigentümer gelten andere Spielregeln. An die Stelle des Vermieters treten hier das Wohnungseigentumsgesetz und die Eigentümergemeinschaft. Im Grundsatz darf jeder Eigentümer seinen Balkon frei nach Belieben nutzen. Allerdings kann die Eigentümergemeinschaft verbindliche Regelungen treffen und das Grillen auf dem Balkon zeitlich, örtlich oder sogar vollständig untersagen.Fehlt eine ausdrückliche Regelung – ganz gleich ob für Mieter oder Eigentümer –, kommt es auf den Einzelfall an. Juristen sprechen hier von der sogenannten Sozialadäquanz: Ein gewisses Maß an Rauch und Grillgeruch gehört zum normalen Zusammenleben dazu und muss hingenommen werden. Wo aber genau die Grenze zur unzumutbaren Belästigung verläuft, hängt von den genauen Umständen ab – von der Häufigkeit und Dauer des Grillens, der Tageszeit und davon, wie viel Rauch und Geruch tatsächlich entstehen.Vor Gericht landet das Thema Grillen seltenArtet ein Konflikt aus und wird bis vor Gericht getragen, fallen die Entscheidungen höchst unterschiedlich aus. Verbindliche Ableitungen lassen sich nicht treffen: Grillrecht ist Richterrecht. Das Amtsgericht Bonn etwa hielt ein einmaliges Grillen im Monat zwischen April und September für zulässig – sofern die Nachbarn mindestens zwei Tage vorher informiert werden. Das Landgericht Stuttgart hingegen befand dreimal jährlich für je zwei Stunden für vertretbar. Anders das Amtsgericht Westerstede: Zwei Mal im Monat, aber insgesamt beschränkt auf zehn Grillvorgänge im Jahr – hier mit einem sogenannten Grillkamin – seien noch akzeptabel. Etwas großzügiger urteilte Anfang 2023 schließlich das Landgericht München: Viermal im Monat, aber nicht an zwei aufeinanderfolgenden Wochenendtagen, sei in Ordnung.Wer trotz eines ausdrücklichen Verbots weiter grillt oder die Geduld der Nachbarn dauerhaft strapaziert, muss mit Konsequenzen rechnen. Mietern droht eine Abmahnung und im Wiederholungsfall sogar die Kündigung. Wohnungseigentümer können auf Unterlassung verklagt werden. Wer übermäßig Rauch produziert, riskiert ein Bußgeld wegen eines Verstoßes gegen das Immissionsschutzrecht. Und kommt es gar zu einem Brand, kann die Versicherung die Leistung verweigern. Allerdings setzt dies in der Regel grobe Fahrlässigkeit voraus, also das Außerachtlassen dessen, was jedem hätte einleuchten müssen.So hitzig die Nachbarschaftsstreitigkeiten im Einzelfall auch sein mögen: Vor Gericht landet das Thema Grillen überraschend selten. Diese Erfahrung macht auch die ABG Frankfurt, eine der größten kommunalen Wohnungsbaugesellschaften des Landes. „Sehr vereinzelt gibt es Beschwerden, die uns erreichen“, sagt ein Sprecher auf Anfrage der F.A.S. Und mehr noch: „Dass Streitigkeiten wegen Grillens auf dem Balkon vor Gericht verhandelt werden müssen, erleben wir in der Praxis nicht.“ Sobald eine Beschwerde eingehe, weise man die Hausgemeinschaft schriftlich auf die geltende Hausordnung hin. Die Regeln der ABG sind unmissverständlich: Grillen mit Kohle oder Gas ist wegen der Brandgefahr grundsätzlich verboten. Ein Elektrogrill hingegen ist erlaubt – sofern man sich mit den Nachbarn abspricht und Qualm, Geruch und Lärm auf ein Minimum reduziert.Die Formel des Sprechers der ABG für ein konfliktfreies Miteinander klingt dann auch weniger nach Juristerei als nach gesundem Menschenverstand: „Ganz allgemein werden nachbarschaftliche Konflikte am besten durch Rücksichtnahme und Kommunikation vermieden.“ Wer das beherzigt, braucht weder Hausordnung noch Richter. Und wer es besonders gut meint, lädt die Nachbarn am besten gleich mit zum Grillen ein.
Grillen auf dem Balkon: Das müssen Sie beachten, wenn der Streit um die Wurst eskaliert
Grillen auf dem Balkon sorgt oft für Konflikte. Entscheidend ist das Kleingedruckte: Mietverträge, Hausordnungen und Gerichtsurteile bieten Orientierung.










