Kaum hatte Iran am Sonntagabend Israel mit Raketen beschossen, zum ersten Mal seit dem Beginn des Waffenstillstands vom 8. April, da meldete sich Donald Trump zu Wort. „Ich werde Bibi sofort anrufen und ihm sagen, dass er nicht zurückschlagen soll“, sagte der amerikanische Präsident der Plattform Axios. „Sie hatten beide ihren Spaß. Israel hatte seine Treffer, und Iran hatte seine Treffer. Wir brauchen nicht noch einen.“ Er wolle nicht, dass die Eskalation seinen „Deal“ mit Iran gefährde. Damit stellte Trump den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu vor ein Dilemma: Dieser musste entweder den Worten seines engsten Verbündeten zuwiderhandeln oder Iran die Eskalationsdominanz überlassen.Netanjahu entschied sich, wenig überraschend, für Ersteres. Am Montagmorgen gab das israelische Militär bekannt, dass es das Regime im Westen und im Zentrum des Landes beschossen habe. Aus Teheran, Täbris, Isfahan und Karadsch wurden Explosionen gemeldet. Nach iranischen Angaben wurde unter anderem eine petrochemische Anlage in der Provinz Khuzestan getroffen. Über Opfer wurde zunächst nichts bekannt. Darauf reagierte das iranische Regime am Montagmorgen mit weiteren Raketenangriffen auf Israel.Begonnen hatte die jüngste Eskalationsspirale am Sonntagabend mit iranischen Raketen auf den Norden Israels. Nach Angaben der Revolutionsgarde war die Luftwaffenbasis Ramat David das Ziel. Die Geschosse seien abgefangen worden, teilte das israelische Militär mit. Teheran reagierte damit auf ein israelisches Bombardement auf einen Außenbezirk der libanesischen Hauptstadt Beirut, das sich gegen die irantreue Schiitenmiliz Hizbullah gerichtet haben soll. Angriffe auf Beirut hatte Iran zuvor als rote Linie deklariert.Die USA versuchen, die Eskalation einzudämmenEs war das erste Mal in der Geschichte des seit 47 Jahren währenden Konflikts, dass Iran Israel bombardierte, um einen israelischen Angriff auf ein anderes Land zu vergelten. Damit wolle Teheran eine „neue Gleichung erzwingen“, sagte der Sprecher des israelischen Militärs, Effie Defrin. Erstmals seit dem Beginn des Waffenstillstands im April griff am Montag auch die mit Iran verbündete jemenitische Huthi-Miliz Israel mit Raketen an.Die USA schienen bemüht, die Eskalation einzudämmen. Ein Regierungsmitarbeiter sagte der Plattform Axios, die israelischen Schläge seien „relativ begrenzt gewesen“. Trump appellierte auch an Iran: „Ihr habt eure Raketen abgefeuert. Das ist genug. Kommt an den Tisch zurück, und macht einen Deal“. Die Revolutionsgarde teilte jedoch mit, es handle sich um den „Beginn einer ganzen Woche anhaltender Militärschläge“.Teheran stellte damit auch die Verhandlungen mit Trump über eine Absichtserklärung zur Beendigung des Krieges und Wiederherstellung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus infrage. Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf warf den USA vor, Israel „grünes Licht“ für den Beschuss in Beirut gegeben zu haben. Er schrieb auf der Plattform X, „sie halten sich weder an eine Waffenruhe, noch glauben sie an Dialog. Und durch ihre Seeblockade und Verstöße der Vereinbarungen bezüglich Libanon haben sie gezeigt, dass sie nur die Sprache der Macht verstehen“. Ghalibaf bezeichnete sowohl amerikanische als auch israelische Stützpunkte und Vermögenswerte als „legitime Ziele“.Iran testet Trumps Bereitschaft, Netanjahu in die Schranken zu weisenIranische Strategen vermuteten hinter dem israelischen Vorgehen gegen die Hizbullah einen mit Amerika abgestimmten Versuch, die iranische Verhandlungsposition zu schwächen. Je länger der ungeklärte Zustand zwischen Krieg und Frieden andauert, desto mehr fürchtet Teheran eine Erosion der aus seiner Sicht im Krieg erreichten Position der Stärke. Vor allem die anhaltende amerikanische Seeblockade untergräbt die ohnehin am Boden liegende iranische Wirtschaft. Nach amerikanischen Schätzungen kostet sie Teheran täglich 500 Millionen Dollar in Form ausbleibender Öleinnahmen.Mit der Verknüpfung des Waffenstillstands in Iran mit dem Kampfgeschehen im Libanon testet Teheran die Bereitschaft Trumps, seinen Verbündeten Netanjahu in die Schranken zu weisen. Zugleich unterstreicht Teheran damit die Bedeutung, die es der Hizbullah und anderen Milizen in der Region, der sogenannten „Achse des Widerstands“, als Teil seiner Sicherheitsstrategie zumisst. Israel hatte von Anfang an erklärt, dass der Waffenstillstand vom 8. April zwischen den USA und Iran nicht den Libanon einschließe. Iran hatte dem widersprochen, jedoch bislang das israelische Vorgehen unbeantwortet gelassen.Die Verhandlungen zwischen den USA und Iran schienen zuletzt kaum voranzukommen. Am Sonntagabend kurz vor Beginn der jüngsten Eskalation hatte der pakistanische Innenminister Mohsin Naqvi als Vermittler in Teheran einen Brief an den Obersten Führer Modschtaba Khamenei übergeben. Zu den wichtigsten Streitpunkten gehört Irans Beharren auf eine Freigabe eingefrorener Gelder in Höhe von zwölf Milliarden Dollar unmittelbar nach Unterzeichnung einer Absichtserklärung.Viele Iraner fürchten eine weitere InternetsperreTrump aber fürchtet Vergleiche mit seinen Vorgängern Barack Obama und Joe Biden, die er selbst für ähnliche Freigaben scharf kritisiert hatte. Um den Druck auf Teheran zu erhöhen, verbreitete Washington Überlegungen, wonach es die in den USA eingefrorenen Gelder für Wiederaufbau in den von Iran beschossenen Golfstaaten einsetzen könnte.Viele Iraner haben seit Wochen mit einem Wiederaufflammen der Kämpfe gerechnet. Trotz Waffenstillstands hatte es zwischen den USA und Iran regelmäßig Scharmützel in der Straße von Hormus gegeben. Jenseits der Kriegsangst fürchten viele nun, dass das Regime abermals ihren Zugang zum globalen Internet kappen könnte. Erst vor knapp zwei Wochen war die Sperre nach 88 Tagen aufgehoben worden.
Iran und Israel beschießen sich erstmals seit April mit Raketen
Zum ersten Mal bombardiert Iran Israel zur Vergeltung eines Angriffs auf ein anderes Land. Israel reagiert umgehend, trotz Donald Trumps Appellen, auf einen Gegenschlag zu verzichten. Was bedeutet das für die Verhandlungen?










