Der andere BlickBei der Pflegereform bestraft die deutsche Gesundheitsministerin Nina Warken die FleissigenMit ihren Reformvorschlägen stopft die Christlichdemokratin Finanzlöcher, legt aber kein Zukunftsmodell vor. Belastet werden ausgerechnet diejenigen, die das Pflegesystem vor dem Kollaps bewahren. Das ist ein Irrweg.08.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenReformpläne zur Pflege: Die deutsche Gesundheitsministerin Nina Warken spart bei den Falschen.Sean Gallup / Getty Images EuropeSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Susann Kreutzmann, Redaktorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit ihren Plänen zur Pflegereform stopft die deutsche Gesundheitsministerin Nina Warken nur kurzfristig Finanzlöcher, macht das System aber nicht zukunftsfest. Die Christlichdemokratin setzt Prioritäten, die die strukturellen Probleme der Pflege kaum lösen. Denn die Lasten für Beitragszahler, Pflegebedürftige und Arbeitgeber steigen weiter. Ausgerechnet dort, wo die Not am grössten ist, spart Warken: bei den pflegenden Angehörigen.Entlastet wird dagegen der Bund, der sich auf elegante Art seiner Verpflichtung entzieht, die milliardenschweren Kredite aus der Corona-Zeit zurückzuzahlen. Das sind Kosten, die nach Ansicht der Pflegekassen aus dem Bundeshaushalt finanziert werden müssen.Auf die drängendste Frage, wie die Pflege langfristig finanziert werden soll, liefert die Reform keinerlei Antworten. Mit dem Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland von derzeit knapp 6 Millionen bis 2055 um etwa 1,8 Millionen erhöhen.Ausgerechnet die Menschen sollen schlechtergestellt werden, die die Pflegeversicherung vor dem Ruin bewahren. Rund 85 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – meist von Ehefrauen, Töchtern oder Schwiegertöchtern, die dafür ihre Arbeitszeit reduzieren. Um deren spätere Altersarmut abzufedern, übernahm die Pflegekasse bislang einen Teil der Rentenbeiträge. Diese Zahlungen sollen nun um 30 Prozent zusammengestrichen werden.Mehrbelastungen für die WirtschaftWarken würdigt damit nicht nur nicht die Arbeit der rund 7 Millionen pflegenden Angehörigen, die ohnehin keine lautstarke Lobby haben. Sie verkennt auch die ökonomische Realität: Würde diese unsichtbare Pflegeleistung von professionellen Pflegediensten oder Heimen übernommen, bräche das System vollends zusammen. Zumal jetzt schon das Personal fehlt.Gleichzeitig greift Warken den Leistungsträgern der Gesellschaft tiefer in die Tasche. Die Ministerin will analog zur Gesundheitsreform die Einkommensgrenze heraufsetzen, bis zu der Beiträge in die Pflegeversicherung fällig werden. Damit wird die Mittelschicht getroffen, die den Wohlstand in Deutschland massgeblich finanziert.Da auch in der Pflegeversicherung die Beiträge in der Regel zur Hälfte von den Arbeitgebern bezahlt werden, steigen die Ausgaben für die Wirtschaft.Dieses Signal ist verheerend, besonders in der gegenwärtigen Strukturkrise. Weniger Abgaben wären der richtige Weg, nicht noch mehr. Deutschland hat innerhalb Europas jetzt schon eine Spitzenposition bei den Sozialabgaben.Die Ausgaben werden durch die Alterung in der Gesellschaft weiter in die Höhe getrieben. Das ist keine Überraschung. Klar ist auch, dass es harte Einschnitte geben muss. Doch seit Jahren drückt sich die Politik vor unliebsamen Reformen. Auch Warken liefert nicht.Warken ergreift Chance nichtEine konsequente Entscheidung könnte sein, den Pflegegrad eins von insgesamt fünf gänzlich zu streichen. Denn er enthält keinerlei pflegerische Leistung und sollte damit auch nicht von der Versichertengemeinschaft finanziert werden. Experten hatten sich durch die darin enthaltene Unterstützung im Haushalt erhofft, dass die Pflegebedürftigkeit so hinausgezögert wird. Statistisch zumindest hat sich dies nicht belegen lassen.Und wie schaut es mit der Verantwortung von Bund und Ländern aus? Fast 6 Milliarden Euro Mehrkosten hat der Bund der Pflegeversicherung in der Corona-Pandemie aufgebürdet und diese nicht zurückgezahlt. Seit Jahren fordern die Pflegekassen das Geld ein.Während die Bundesländer bei Hospitälern verpflichtet sind, die Instandhaltung zu zahlen, verweigern sie dies bei Pflegeheimen. Wenn Pflege wirklich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, müssen auch hier die Länder eingespannt werden. Der Eigenanteil für einen Heimplatz, den die Pflegebedürftigen zahlen müssen, könnte so um etwa 500 Euro pro Monat reduziert werden.Warkens Pläne verlagern die Lasten einseitig auf jene, die arbeiten, und jene, die pflegen. Im Gegenzug spüren die Menschen aber nicht, dass sich etwas in der Pflege verbessert. Nina Warkens Reformvorschlag ist kein verantwortungsvolles Zukunftsmodell, sondern vertagt die Lösung der Probleme nur.Passend zum Artikel
Nina Warken spart bei pflegenden Angehörigen – ein gefährlicher Irrweg
Mit ihren Reformvorschlägen stopft die Christlichdemokratin Finanzlöcher, legt aber kein Zukunftsmodell vor. Belastet werden ausgerechnet diejenigen, die das Pflegesystem vor dem Kollaps bewahren. Das ist ein Irrweg.












