Ein Land und eine Zeit im warmen Grauton gemaltPeggy Mädlers Roman «Die Selbstregulierung des Herzens» erzählt vom Scheitern einer politischen Utopie in der DDR und vom privaten Glück, das sich ihre Bürger dennoch zu schaffen versuchten.Paul Jandl08.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenPeggy Mädler erfindet eine eigene Sprache für eine bleierne Monotonie.Wenke SeemannMan kann es auch so sehen: Am Ende hat dieser Staat die Nerven verloren. Die DDR war nicht geübt darin, mit politischen und ökonomischen Stressfaktoren umzugehen. Der Muskel, der uns am Leben erhält, muss in seiner Schlagzahl flexibel sein, um Krisen zu meistern. Davon erzählt die 1976 in Dresden geborene Peggy Mädler in ihrem neuen Roman «Die Selbstregulierung des Herzens» auf doppelte und dafür umso eingängigere Weise. Es ist eine Geschichte zweier aneinander gebundener Kreisläufe. Eine Geschichte von der Pulsfrequenz des Staates und dem Privaten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es geht recht einfach los. Es sind die sechziger Jahre in Ostberlin. Georg liebt Helga, und Roland liebt Marlies. Man studiert noch und glaubt, dass aus der DDR etwas zu machen ist. Ein sich laufend selbst verbesserndes System, das aus seinen Fehlern lernt.Traum von der SelbstregulierungEs könnte so sein wie in der Kybernetik, dem Fach, dem sich Georg gewidmet hat und das im imperialistischen Erzfeind Amerika Erfolge feiert. Dort revolutionieren Computerprogramme das Leben und die Ökonomie.Was, wenn die DDR-Planwirtschaft sich nicht an den Vorgaben politischer Kader ausrichten würde, sondern an berechenbaren Realitäten? Eine Software-unterstützte marxistische Utopie, die am Ende allen etwas bringt. Aufschwung, privaten Wohlstand. Eine allzu kühne Idee, wie bald ganz staatsoffiziell entschieden wird. Die Kybernetik wird zur Irrlehre erklärt.Die alten Herren des Politbüros triumphieren über die Algorithmen der elektronischen Datenverarbeitung. Ihre Verfechter verlieren den Posten, und der Wirtschaft der DDR wird die Chance auf Selbstregulierung genommen. Selbstregulierung hätte ein Mass an Freiheit bedeutet, ein Annähern an marktwirtschaftliche Bedingungen, das man nicht riskieren wollte.Peggy Mädlers Roman ist raffiniert gemacht, weil er auf sensible Weise vom Druckausgleich zwischen zwei Systemen erzählt. Vom Staat ist das Glück nicht zu holen, also sucht man es im Privaten. Symbol dafür ist die Datsche. Das kleine Häuschen mit Garten irgendwo auf dem Land. Die Mangelwirtschaft erzeugt nicht viel, aber immerhin einen Erfindungsreichtum, mit dem es sich in ihr überleben lässt.Mit ein paar Tricksereien gelingt es, an ein Grundstück am See zu kommen. Kleine Bungalows werden aus dem Holz verwahrloster Stadthäuser zusammengenagelt. So macht es auch der findige und mit hilfreichen Beziehungen zu offiziellen Stellen gesegnete Herr Fritzsch. Am Bauersee, der nahe bei Berlin liegt, entsteht eine kleine Siedlung. Sie wird im Roman zum Epizentrum des gestohlenen Glücks. Eine Gegenwelt zu den engen und von Schimmel befallenen Wohnungen in der Stadt.Die Datschen sind mit Kofferradio, Alkohol und Glühwürmchen möblierte Paradiese. Wer heute die sprechendsten Relikte der untergegangenen DDR sehen will, fahre durch Brandenburg. 4,3 Millionen Datschen nannten die Bürger einmal ihr eigen, obwohl dieser Ausdruck natürlich nicht stimmt. Sie besassen nur die Nutzungsrechte. Jedes Gebüsch gehörte dem Staat.Inneres ExilGeorg hat seine Datsche am Bauersee. Ein Bungalow, der ihm, Helga und dem kleinen Sohn Zufluchtsort ist. Helga hat eine Ausbildung als Chemikerin und erledigt ihre Arbeit in der Fabrik in stiller Resignation. «Das bisschen Leben durfte einfach kein Drecksleben sein», denkt sie über jenem Abgrund zwischen Traum und Wirklichkeit, der rundum die Menschen in Zwangslagen bringt. Man arrangiert sich und geht ins innere Exil. Nur einer flieht in den Westen. Roland, Freund von Helga und Georg. Junger Ökonom. Erst wird in Berlin die Mauer hochgezogen, dann der Prager Frühling blutig beendet.In der DDR geht das Leben weiter. Peggy Mädler hat für diese bleierne, nur durch gelegentliche private Gefühlsausschläge durchbrochene Monotonie eine eigene Sprache gefunden. Eine Sachlichkeit der Benennung, mit der alles gesagt ist. «Schon als Kind hatte Helga den Blick gern nach innen geklappt und sich allerhand Vorstellungen gemacht», heisst es einmal.Was die Wirklichkeit zu bieten hat, ist wenig beglückend, aber jeder versucht, irgendwie durchzukommen. Helga und Georg trennen sich, und so kommen Mona und Konrad ins Spiel. Auch sie haben ein Häuschen in der Siedlung. Es knistert zwischen dem EDV-Mann und der Malerin Mona, die sich als Gebrauchsgrafikerin verdingt und Werbeplakate für die Konsum-Filialen macht. Ein Job, der depressiv macht und ihre eigenen Bilder verdüstert. Peggy Mädler bringt diese Melancholie auf den Punkt, indem sie beschreibt, wie Mona aus ihren Farben «einen warmen Grauton» anmischt. Ihr Freund Konrad hat mehr Erfolg und wird bald bei den künstlerischen Leistungsschauen der östlichen Hemisphäre herumgereicht.«Die Selbstregulierung des Herzens» ist ein Roman der eher stillen Thesen, auch wenn er seinen Figuren den grossen Knall nicht erspart: im wiedervereinten Deutschland noch einmal mit einer Suche nach Identität beginnen zu müssen. Mit dem Zeitraum, den Peggy Mädler schildert, ist auch eine Generation abgebildet, die die Chance gehabt hätte, den neuen Staat mit aufzubauen. Was geworden wäre, hätte man den Herzschlag dieser jungen Menschen mit dem Herzschlag des Staates synchronisiert, wird man nie erfahren.Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens. Roman. Verlag Galiani, Berlin 2026. 304 S., Fr. 33.90.Passend zum Artikel