PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftDatschenkultur„Das Bedürfnis, sich solche Inseln zu schaffen, war im Osten sehr groß“Von Heiko ZwirnerRessortleitung Stil, Leben und ReiseStand: 13:22 UhrLesedauer: 8 MinutenDDR im Herzen: Peggy Mädler nach ihrer Lesung im Berliner Ortsteil Rosental Quelle: Marlene Gawrisch/WELT/MARLENE GAWRISCHSchriftstellerin Peggy Mädler erzählt von der Suche nach Glück in einem maroden System. Gartengrundstücke waren in der DDR sehr begehrt, doch der Staat ließ seine Bürger auch dort nicht als den Augen.Etwa 50 Gäste haben sich an diesem sonnigen Sonntagnachmittag im kleinen Saal der evangelischen Kirchengemeinde Nordend im Berliner Ortsteil Rosenthal eingefunden. Räuspernd verteilen sie sich auf Stühlen, die mit hellblauen Sitzkissen bespannt sind. Viele von ihnen kommen regelmäßig zu den Lesungen, die vom örtlichen Förderverein organisiert werden. In diesem Jahr waren bereits die Autorinnen Tanja Dückers und Hannah Lühmann zu Besuch. Heute liest Peggy Mädler aus ihrem Buch „Selbstregulierung des Herzens“.Zur Einstimmung läuft ein Film mit Szenen aus dem Alltagsleben der DDR. Private Super-8-Clips beschwören unbeschwerte Stunden herauf – Kinder auf der Schaukel, tanzende Paare bei einer Gartenparty, Badende im See. Die farbsatten Bilder wechseln sich ab mit Schwarzweißaufnahmen von Werkstätigen in volkseigenen Betrieben, die voller Stolz ihrer Arbeit nachgehen. Dazwischen werden Schaltpläne eingeblendet. „Woran merkt man, dass ein System kippt, kollabiert, in einen neuen Zustand übergeht?“, ist zu lesen.Mit ihrem dritten Roman schlägt Mädler ein vernachlässigtes Kapitel der DDR-Geschichte auf: Im Mittelpunkt steht eine Gruppe von Computerpionieren, die überzeugt sind, dass der automatisierte Austausch von Daten die stockende Wirtschaft in Schwung bringen kann – und sich die Produktion von Gütern auch im Sozialismus weniger nach den Quoten aus dem Politbüro richten sollte als nach dem Wechselspiel von Bedarf und Verfügbarkeit. Lesen Sie auch„Am Anfang stand tatsächlich die Idee, die DDR noch einmal aus der ökonomischen Perspektive zu betrachten“, sagt Mädler bei einem Gespräch, das nach der Buchpräsentation im Garten der Kirchengemeinde stattfindet. „So bin ich auf die Kybernetiker gestoßen, die sich zu Beginn der 1960er-Jahre mit der Steuerung komplexer Systeme befassten.“Seit Erscheinen des Buches im Februar hat Mädler eine Reihe von Auftritten in Buchhandlungen, Literaturhäusern und Stadtteilbibliotheken absolviert, vorwiegend im Ostteil Berlins und in den ostdeutschen Bundesländern. Dabei hat sich gezeigt, wie groß der Gesprächsbedarf ist, den ihr Epochenbild über die Reformbestrebungen der Kybernetiker und die verpasste Abzweigung hin zu einem flexibleren, sich selbst regulierenden System bei ihrem Publikum auslöst. Lesen Sie auchNach einer Lesung in Erfurt sei eine Frau auf sie zugekommen, die nur durch Zufall bei der Veranstaltung gelandet war, weil eine erkrankte Freundin ihr die Eintrittskarte überlassen hatte. In einer Figur sah sie die eigene Familiengeschichte gespiegelt: „Georg, das ist mein Vater“, habe die Frau zu ihr gesagt. „Der hat immer vom großen Reformprojekt erzählt – und wir haben ihn ausgelacht. Jetzt weiß ich, was er meinte.“Rückzug in die Feriensiedlung Georg ist eine zentrale Figur des Romans, ein stiller und bedächtiger Vertreter der technischen Intelligenz, der an den Fortschritt glaubt und der staatlichen Autorität skeptisch gegenübersteht. Doch die Aufbruchstimmung der frühen Sechziger ist bald verflogen. Die Kybernetik wird mit einem Mal als Pseudowissenschaft diskreditiert, die SED-Führung hält an der Planwirtschaft fest und leitet damit einen schleichenden Niedergang ein, der sich über Jahrzehnte hinzieht und mit dem Zusammenbruch des Systems enden wird. Die Handlung des Romans verlagert sich daraufhin in eine Datschenkolonie im Barnim, einer Seenlandschaft nördlich von Berlin. „Ich habe mich gefragt, wie es mit Georg weitergeht, nachdem seine beruflichen Ambitionen enttäuscht wurden“, erzählt Mädler, die wenige Tage vor der Lesung ihren 50. Geburtstag gefeiert hat.Während sein bester Freund Roland nach dem Scheitern der großen Reform in den Westen flieht, ergattert Georg eines der begehrten Grundstücke in der Feriensiedlung und baut darauf ein Häuschen für sich und seine Familie, das ihm fortan als Rückzugsort dient. Hier trifft er auf Mona, eine Grafikerin mit künstlerischen Ambitionen, die sich mit Gleichgesinnten aus der Ost-Berliner Boheme in der Nachbarschaft eingerichtet hat. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, doch ihre Liebe bleibt ebenso unerfüllt wie die Reformpläne der Kybernetiker. Zu verschieden sind die Milieus, denen sie angehören.Peggy Mädler hat ihr Figurenensemble an einem realen Schauplatz angesiedelt, der ihr selbst vertraut ist. Seit mehr als zehn Jahren besitzt sie einen kleinen Bungalow in einer Feriensiedlung bei Bernau in Brandenburg, die Ende der 1960er-Jahre gegründet wurde. „Es ist eine sehr schöne Gegend mit vielen Seen“, erzählt sie. „Und zugleich hat man das Gefühl, dass man einmal rückwärts durch das 20. Jahrhundert läuft, wenn man in den Wald hineingeht.“ Tatsächlich gleicht die Umgebung einem weitläufigen Geschichtsparcours: Am nahen Bogensee ließ Joseph Goebbels ein Waldhaus errichten, auf dem Areal entstand später die Jugendhochschule der FDJ. Der ehemalige Atomschutzbunker der DDR-Regierung liegt in unmittelbarer Nachbarschaft, und die Waldsiedlung Wandlitz, in der die SED-Elite einst abgeschirmt lebte, ist auch nur ein paar Kilometer entfernt.Lesen Sie auchDas Leben in der Datsche war zentraler Bestandteil der ostdeutschen Freizeitkultur. In der DDR gab es rund 2,6 Millionen Feriengrundstücke. Laut einer Erhebung aus dem Jahr 1985 verbrachten 70 Prozent der Bevölkerung ihre Wochenenden im eigenen Garten. „Das Bedürfnis, sich solche Inseln zu schaffen, war im Osten sehr groß“, sagt Mädler. So entstand ein scheinbar unbehelligter Mikrokosmos, in dem Beete bepflanzt, Kinder großgezogen und Feste gefeiert wurden. Doch auch in dieser Parallelwelt war das Private an das Politische gekoppelt, die großen Konflikte reproduzierten sich im Kleinen, und die Datschenbewohner standen unter ständiger Beobachtung durch die Informanten des Staatsapparats.Wie schon in ihrem 2011 erschienenen Debüt „Die Legende vom Glück des Menschen“ fragt Peggy Mädler nach den Voraussetzungen für ein erfülltes Leben und nach den individuellen Handlungsspielräumen in einem repressiven Staat. Dieser maßt sich an, definieren zu können, was ein glückliches Leben ausmacht – und gängelt seine Bürger systematisch, verdächtigt sie und horcht sie aus. Dabei vermeidet Mädler es, das Verhalten ihrer Protagonisten zu bewerten oder sie gar in Täter und Opfer zu unterteilen. Die wahren Stützen des Staatsapparats„Die Lebenswirklichkeit lässt sich nicht auf ein binäres System herunterbrechen, das nur Nullen und Einsen kennt“, sagt sie. „In den meisten Fällen ist es ja nicht so, dass man sich einmal entscheidet, ob man mitmacht oder nicht. Das Leben ist eine Abfolge von Abwägungen und Entscheidungen, auch von Zufällen oder Zwangssituationen. Manchmal kommt man dem System vielleicht entgegen, weil man sich davon größere Freiräume verspricht.“ So wie Mona, die in vorauseilendem Gehorsam Bilder malt, die dem Menschenbild des Sozialismus entsprechen, weil sie auf eine Zulassung als Künstlerin hofft.Ein klares Bild ergibt sich für Mädlers Figuren erst im Rückblick auf die eigenen Lebensentscheidungen – und mit ihm kommt eine Ahnung, die sich auch auf andere Systemzusammenhänge übertragen lässt: Die wahren Stützen des Staatsapparats waren womöglich nicht die Eiferer und die Linientreuen, sondern vielmehr die Zweifler und Skeptiker, die eigentlich alles anders machen wollten und sich zugleich mit den Zuständen arrangiert haben. Auch Georg wird erst im Nachhinein klar: Er war mehr Rädchen als Sand im Getriebe.Peggy Mädler wurde 1976 in Dresden geboren und hat ihre Kindheit in der DDR verbracht. In behüteten Verhältnissen, wie sie heute sagt: Ihre Eltern waren beide Elektroingenieure und damit Angehörige der technischen Intelligenz, so wie Georg. Als die Mauer fiel, war sie 13 Jahre alt und zu jung, um den Anpassungsdruck gespürt zu haben, unter dem ihre Landsleute standen. Lesen Sie auchSie hat sich oft gefragt, was aus ihr geworden wäre, wenn das System überlebt hätte. „Lehrerin für Deutsch und Geschichte“ hat sie mal angegeben, als sie in der Schule nach ihrem Berufswunsch gefragt wurde und einen entsprechenden Erfassungsbogen ausfüllen musste. „Vermutlich wäre es irgendwann zu Reibungen gekommen, vielleicht schon in der Pubertät, aber das ist natürlich nur meine heutige Sicht auf die Dinge.“ Stattdessen ging sie mit 18 nach Berlin und studierte Kulturwissenschaften, arbeitet heute als Dramaturgin und schreibt Romane.Georgs Expertise als Informationstechniker ist in der Berufswelt des wiedervereinigten Deutschlands nicht mehr gefragt, er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Was er wohl der aktuellen Bundesregierung empfehlen würde, um die nötigen Reformen in Gang zu setzen und das Erreichen eines Kipppunktes zu verhindern? „Wahrscheinlich würde er ihr raten, darauf zu achten, dass sich die Rückkopplungen eines dysfunktionalen Systems nicht immer weiter verstärken“, sagt Mädler. „Wenn man einmal in so einem Kreislauf steckt, ist es ganz schwer, da wieder herauszukommen.“Beim Signieren ihrer Bücher verteilt Mädler Stempel mit der schematischen Abbildung eines Herzens, bei dem die Blutbahnen als Schaltkreis dargestellt sind. „Das ist mein letztes Buch über die DDR“, sagt sie am Ende des Gesprächs. „Ab jetzt beschäftige ich mich mit der Gegenwart.“Zur Person: 1976 in Dresden geboren, studierte Peggy Mädler Kulturwissenschaften in Berlin und arbeitete unter anderem als Dramaturgin. Bekannt wurde sie mit ihrem Debütroman „Legende vom Glück des Menschen“ (2011), in dem sie sich mit ihrer ostdeutschen Familiengeschichte auseinandersetzt. Für ihren zweiten Roman „Wohin wir gehen“ (2019) erhielt Mädler den Fontane-Preis. Mit Annett Gröschner und Wendy Seemann veröffentlichte sie „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ (2024). Im Februar folgte „Selbstregulierung des Herzens“. Mädlers Bücher verbinden historische Recherche mit fein beobachteten Charakterstudien und kreisen um die Frage, wie politische Systeme private Lebenswege prägen. Sie lebt mit Mann und Kind in Berlin.
Datschenkultur: „Das Bedürfnis, sich solche Inseln zu schaffen, war im Osten sehr groß“ - WELT
Peggy Mädler erzählt von der Suche nach Glück in einem maroden System. Schauplatz ihres neuen Romans ist eine Feriensiedlung in Brandenburg. Gartengrundstücke waren in der DDR sehr begehrt, doch der Staat ließ seine Bürger auch dort nicht als den Augen.
Peggy Mädlers Roman zeigt, wie DDR-Kybernetiker in den 1960ern datengetriebene Wirtschaftsreformen anstrebten und politisch scheiterten. 2,6 Mio. Datschen boten 70 % der DDR-Bürger privaten Rückzug – parallele Autonomiezonen als strukturelle Reaktion auf zentralisierte Kontrolle.








