Von Feinden umzingelt: Der Unmut über die deutsche Arbeitsministerin Bärbel Bas wächstDie Parteilinke galt noch vor einem Jahr als Hoffnungsträgerin der SPD. Jetzt wird sie zunehmend als Blockiererin in der Regierung wahrgenommen. Mit markigen Sprüchen sorgte sie jüngst für mehr Aufsehen als mit Reformvorhaben.08.06.2026, 04.30 Uhr6 LeseminutenBärbel Bas polarisiert zunehmend. Sich selbst sieht sie als unerschrockene Verteidigerin des Sozialstaates.Bernd Elmenthaler / ImagoFür die deutschen Sozialdemokraten gehören Fussballgleichnisse zur rhetorischen DNA. Kein führender Sozialdemokrat kommt ohne die Weisheiten des Fussballs aus. Gerhard Schröder und Franz Müntefering haben das zur Perfektion gebracht. Minister haben Tore zu schiessen, und der Koalitionspartner wird vor Foulspiel gewarnt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch die derzeitige Parteichefin und Bundesarbeitsministerin, Bärbel Bas, mischt als Fan und Vereinsmitglied des MSV Duisburg in dieser sozialdemokratischen Folklore mit. Als Kind wollte sie Fussballerin werden. Heute geht sie so oft wie möglich ins Stadion.Nun sieht die Torbilanz bei Bas weniger erfolgreich aus. Sie hat zwar die Reform des Bürgergeldes, jetzt Grundsicherung, auf den Weg gebracht, auch gegen erheblichen Widerstand aus den eigenen Reihen. Doch dann ebbte der Reformeifer ab. Bas fiel mehr mit forschen Bemerkungen und markigen Sprüchen auf als durch Konzepte, wie der Sozialstaat oder das Arbeitsrecht modernisiert werden könnten.Immer öfter hat man bei ihr das Gefühl, dass nicht ein Regierungsmitglied spricht, sondern eine Wahlkämpferin der Opposition. Etwa dann, wenn Bas den Kanzler massregelt und seine Vorstellungen vom Sozialstaat als «Bullshit» abtut. Zwar versöhnten sich beide Seiten bei einem Bier wieder, wie Bas berichtete. Der Ton war aber gesetzt.Jüngst nannte Bas die geplanten Sozialreformen menschenverachtend, beschrieb Arbeitgeber als Klassenfeinde und stellte zumindest Teile der deutschen Gesellschaft unter Faschismusverdacht. Sie bezeichnete bei einem Aktionstag Deutschland ohne Zuwanderung als «einheitsgrau» oder «ich will es sogar braun nennen – auch wenn manche sich sogar sehnen danach».Hat sich Bas verändert oder nur der Blick auf sie? Die Politikerin scheint nach einem Jahr in der Regierung eine andere zu sein.Mit Bas sollte SPD wieder Kümmererpartei werdenJetzt wird sie öffentlich zunehmend als Reformbremse wahrgenommen, in der Koalition wächst der Frust über die SPD-Ministerin. Sie trete auf die Bremse, «weil ich es vernünftig machen will», sagte Bas vor kurzem auf der Bühne im Berliner Congress Centrum vor Führungskräften aus den Jobcentern. Sie merke, dass der Druck wachse, meinte die Ministerin im Gespräch mit einer Moderatorin. Alles müsse jetzt schnell gehen.Bas steht im roten Rollkragenpullover und in einem dunklen Blazer auf der Bühne, ein Outfit, das inzwischen zu ihrer Uniform geworden ist. Im Plauderton erläutert sie, wie sie ihre Erfahrungen als begeisterte Motorradfahrerin auf die Politik übertrage: Gas geben, sich ordentlich in die Kurve legen, aber rechtzeitig auf die Bremse gehen.Bas kaufte sich vor ein paar Jahren eine Harley-Davidson, davor fuhr sie eine Honda. In Interviews erzählt sie gern von ihrem Hobby, das sie nur viel zu selten ausüben könne. Der sozialdemokratischen Fussballmetapher hat Bas damit eine neue Variante hinzugefügt. Eine bodenständige, Motorrad fahrende Ministerin, die anpackt und selbst mit dem Schraubenschlüssel umzugehen weiss, so lautet zumindest die Legende.Und dann ist da noch ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen, die Bas selbst immer wieder thematisiert. Die Ministerin gilt vielen Genossen deshalb als das personifizierte sozialdemokratische Aufstiegsversprechen und zugleich als Hoffnungsträgerin.Mit Bas an der Spitze wollte die SPD wieder als Kümmererpartei und nicht als Verein abgehobener Funktionäre wahrgenommen werden. Gelungen ist das wohl kaum. Denn die SPD kommt in aktuellen Umfragen bundesweit auf etwa 12 Prozent und liegt damit auf ihrem historischen Tiefstand. Auch der Stern der Vorzeigesozialdemokratin Bas ist deutlich gesunken. Unter den Top Ten der populärsten Politiker ist sie nicht zu finden.Politik erklärt Bas auch mit ihrer HerkunftBas kommt aus Duisburg, hat fünf Geschwister, der Vater war Busfahrer, die Mutter Hausfrau. Nach der Trennung der Eltern blieben die Kinder bei der Mutter, die zeitweise auf Sozialhilfe angewiesen war. Diese Zeit prägt ihr Politikverständnis bis heute.Das Geld sei knapp gewesen, erzählte Bas in der Sendung «Inas Nacht». Aus eigenem Erleben wisse sie, wie es sei, beim Sozialamt um neue Schuhe bitten zu müssen. «Das vergisst man nicht.» Und bei Klassenfahrten? «An dem Tag war ich dann krank.» Bas selbst benutzt ihre Biografie, um ihre Politik zu erklären. «Ich weiss, wovon ich rede», sagt sie dann.Bei dem TV-Auftritt in der Hamburger Hafenkneipe Ende Oktober punktete Bas mit Schlagfertigkeit und mit einer Fröhlichkeit, die ihr jetzt öffentlich abhandengekommen zu sein scheint. Bas stimmte das Steigerlied an, erzählte lachend, dass Emmanuel Macron auch aus der Nähe ziemlich attraktiv sei, und amüsierte sich darüber, dass es im Bundestag einmal eine Sauna gegeben haben soll.Bas besuchte die Hauptschule, machte zunächst eine Ausbildung zur Bürogehilfin und später zur Sozialversicherungsfachangestellten. Sie engagierte sich im Betriebsrat und sass für die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat der Duisburger Verkehrsgesellschaft. 2009 schaffte sie den Sprung in den Bundestag. 2021 wurde sie zur Bundestagspräsidentin gewählt, immerhin das protokollarisch zweithöchste Amt im Staat.Als Hoffnungsträgerin auf dem SPD-Parteitag gefeiertIhr Ehemann, Siegfried Ambrosius, konnte den Karriereschritt seiner Frau nicht mehr miterleben. Der ebenfalls aus Duisburg stammende SPD-Politiker war an Parkinson erkrankt, starb jedoch im September 2020 nach einer Rückenoperation, bei der er sich eine Infektion zugezogen hatte. «Würde er noch leben, hätte ich das Amt nicht angenommen. Ich hätte ihn nicht alleingelassen», sagte Bas in der «Bunten».Vor rund einem Jahr auf dem SPD-Bundesparteitag wurde sie mit 95 Prozent zur Parteivorsitzenden gewählt. Ihren Co-Parteichef Lars Klingbeil straften die Delegierten mit 65 Prozent ab. Bas strahlte nach dem Wahlergebnis in Dutzende Kameras und gab gut gelaunt Interviews.Die Bilder wirken heute wie aus einer anderen Zeit. Jetzt macht Bas bei vielen Auftritten einen angestrengten Eindruck, zuweilen einen überforderten. Spontane Statements werden von ihren Mitarbeitern meist unterbunden, auch in Talkshows tritt die Ministerin vergleichsweise selten auf.Arbeitgeber zu Feinden erklärtBas beklagte jetzt, sie sei öffentlich zu einem «personifizierten Feindbild» geworden. Bas meinte die Vielzahl von Hassnachrichten aus rechten Netzwerken, die sie bekomme. Es gehe dabei nicht um sachlichen Streit, sondern um «puren Hass». Einen kritischen Blick auf ihr eigenes Handeln verbindet die Politikerin damit nicht.Dabei gilt die Duisburgerin durchaus als nahbar. Im Kommunalwahlkampf in ihrer Heimatstadt blühte Bas beim Gang über den Wochenmarkt oder beim Grillabend im Kleingartenverein regelrecht auf. In Berlin wirkt sie dagegen zunehmend abgeschottet.Es gibt nicht wenige SPD-Abgeordnete, die meinen, Bas habe sich zu viele Ämter zugemutet. Als Parteichefin ist sie in den vergangenen Monaten kaum in Erscheinung getreten. Klingbeil hielt Ende März eine bemerkenswerte Reformrede vor der Bertelsmann-Stiftung. Von Bas gab es nichts Ähnliches. Auch in den Debatten über ein neues Grundsatzprogramm der SPD sind die Impulse der Parteichefin übersichtlich.In Erinnerung geblieben sind dafür Auftritte wie beim Arbeitgebertag Ende November. Dort wurde die Arbeitsministerin mit höhnischem Gelächter bedacht, als sie erklärte, die Milliarden an Zusatzausgaben für das von ihr vorangetriebene Rentenpaket würden nicht von den Beitragszahlern gezahlt, sondern aus Steuermitteln finanziert. TV-Mitschnitte zeigen Bas, in Rollkragenpullover und violettem Blazer, wie sie in ihrer Rede stockt und aus dem Konzept kommt. Ihr Umfeld sagte, Bas habe die Reaktion im Saal völlig verblüfft.«Es wandert niemand in die Sozialsysteme ein»Auf dem Juso-Kongress sprach die Ministerin dann von Arbeitgebern als «Herren in bequemen Sesseln und Massanzug», gegen die man «ankämpfen» müsse. Damit war das Verhältnis zur Wirtschaft erst einmal zerrüttet. Unverständnis über solche Auftritte kam aber hinter vorgehaltener Hand auch aus den eigenen Reihen.Auf die Spitze trieb die Arbeitsministerin den Unmut des Koalitionspartners, als sie vor einigen Wochen bekundete: «Es wandert niemand in die Sozialsysteme ein.» Die Realität sieht deutlich anders aus. Später relativierte Bas zwar ihre Aussage, nahm sie aber nicht zurück.Die Welt der Arbeitsministerin teilt sich zunehmend in Freund und Feind auf. Ihre Mission sieht Bas darin, den Sozialstaat vor Angriffen zu schützen, die sie von allen Seiten wittert. So wie bei ihrer Rede am 1. Mai. Angriffe auf das bestehende Sozialsystem nannte sie «zynisch und menschenverachtend». Arbeitnehmer sollten ihrer Darstellung nach «wie Zitronen ausgepresst werden». Obwohl der Name nicht ausgesprochen wurde, war klar – sie meinte Bundeskanzler Friedrich Merz und damit den Chef der Regierung, der sie selbst angehört.Koalition könnte auch wegen Bas scheiternDamit wachsen die Zweifel, wie ernst es Bas mit den Reformen zum Sozialstaat überhaupt noch meint. Dabei kommt es auf sie an. Als Arbeits- und Sozialministerin verantwortet sie den grössten Etat im Bundeshaushalt.In ihren Händen liegt die Reform der Altersvorsorge, die wohl mit einer längeren Lebensarbeitszeit einhergehen wird. Sie muss sich um die Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes kümmern. Die Gewerkschaften drohten vorsorglich schon mit einer Revolte, sollte der starre Acht-Stunden-Tag fallen. An Bas hängt die Zukunft der schwarz-roten Koalition mit ihren Reformversprechen.«Ein Scheitern der Koalition würde nur der AfD in die Hände spielen», sagte Bas vor kurzem im «Spiegel». Das Land wolle sie aber nicht den «Feinden der Demokratie» überlassen. «Wir haben eine verdammte Verantwortung, das gemeinsam hinzukriegen», betonte die Ministerin. Es hört sich an wie eine Beschwörungsformel – auch an sie selbst. Das schwarz-rote Zweckbündnis scheint nicht mehr der gemeinsame Gestaltungswille zu einen, sondern nur noch die Abwehr der AfD.Passend zum Artikel