Man liest sie jetzt anders, die Science-Fiction-Romane, die vom Untergang der freien westlichen Welt, des Lebensraums von Pflanzen, Tier und Mensch erzählen, in einer Zeit, in der die Nachrichten sich der Fiktion nähern. Man fragt sich, wie sie früher gelesen wurden, in anderen explosiven Zeiten, als es auch schon darauf ankam, Aldous Huxley etwa in den Dreißigern oder Ray Bradbury zur Zeit von McCarthys Kommunistenjagd, und was die Leser damals mitnahmen. Wem half ihr Rat? Und: Lernt heute noch irgendjemand etwas aus der Dystopie?Ein Beispiel: Im September 2025, dem Monat, als Ian McEwans achtzehnter Roman erschien, veröffentlichten Meeresforscher eine Studie, die dem globalen Meeresströmungssystem AMOC, das warmes Wasser aus den Tropen in den Norden transportiert, kaltes Wasser in die Tiefe leitet und für das milde Klima in Europa sorgt, Anzeichen eines Zusammenbruchs bescheinigte. Die Botschaft: Mit mehr als fünfzig Prozent Wahrscheinlichkeit wird eine Katastrophe eintreten, deren Konsequenz die Lebensbedingungen in Europa ganz erheblich beeinträchtigen wird.Im selben Monat konnte man sich bereits literarisch von den Konsequenzen überzeugen. Ian McEwan lässt die Protagonisten von „Was wir wissen können“ in den Überresten Großbritanniens nach einer großen Überflutung mühsam durch zerklüftete Insellandschaften stromern, sehnsüchtig in Dokumenten des zurückliegenden chaotischen 21. Jahrhundert stöbern, in dem zwar offensichtlich Riesenfehler gemacht wurden, das Leben aber deutlich weniger langweilig war. Man konnte aus der Lektüre mindestens eine Portion Demut mitnehmen.Zwei Kinder in einer Welt der TotalüberwachungAuch Ali Smith hat gerade einen Endzeitroman veröffentlicht, „Gliff“. Smith ist wie McEwan Britin, allerdings in Schottland geboren. Ist es Zufall, dass die Briten die besten totalitären Schauerwelten erreichten, von Margaret Atwood mal abgesehen, und unsere deutsche Genrevertreterin Sibylle Berg in „GRM“ und „RCE“ den Untergang des britischen Königreichs unter ähnlichen Vorzeichen (Überwachung, abgeräumte Rechte von Minderheiten, Gewalt, Niedertracht) beschreibt?Ali Smith, immer wieder für den Booker Prize nominiert, hat in den vergangenen Jahren mit einem Romanquartett, das die Namen der Jahreszeiten trägt, die gesellschaftlichen Entwicklungen vom Brexit bis zur Pandemie in introspektiven Szenen aus dem Alltag mit einer erfreulichen Mischung aus kühler Beobachtung, magischem Realismus und sprachlicher Mühelosigkeit in Literatur gefasst. Was Ali Smith kann, ist: Spannungsmaschinen am Laufen halten. Erzählstile variieren. Von Freigeistern erzählen.Ali Smith: „Gliff“. Roman.LuchterhandIn „Gliff“ sind es nun zwei Kinder, Brie und Rose, die in einer Welt der Zertifizierungen und Totalüberwachung von ihrer Mutter getrennt werden. Die muss weg, um ihrer Schwester zu helfen, und man hört und sieht nie wieder etwas von ihr. Ihr Freund Leif, der eigentlich auf die Kinder aufpassen soll, muss diese ebenfalls zurücklassen; es deutet sich eine Verfolgung an, weil die Familie als „unzertifizierbar“ gilt, was in der Welt des Romans, die nicht weit von der unsrigen entfernt zu liegen scheint, als Kapitalverbrechen gilt, das mit härtester Zwangsarbeit (auch und vor allem von Kindern) geahndet wird.Ein Untergrund aus belesenen, scharfzüngigen LeutenRose und Brie finden sich also in einem verlassenen Haus mit ein paar Dosen Fleischbällchen vor. Was an diesen Kindern auffällt: Sie sind unverzagt, eigensinnig und menschenfreundlich, obwohl die sie umgebende Welt das Gegenteil erwarten ließe; man kann ihnen nichts vom Pferd erzählen (das Pferd wird aber sehr wichtig werden, noch steht es auf der Weide hinter dem Haus). Und sie besitzen bereits im jungen Alter Strategien, sich Autoritäten zu entziehen. Als Brie dem ersten klapprigen Wagen begegnet, der rote Linien um Orte zieht, die nicht mehr erwünscht sind und wenig später von großen Bauunternehmen plattgewalzt werden, tritt er fest mit seinem Fuß dagegen. Der Wagen fällt um. Die Farbe läuft aus.Wie es sich für totalitäre Systeme gehört, gibt es dennoch kein Entkommen, obwohl der Untergrund, dem sich die Kinder anschließen, von belesenen, scharfzüngigen Leuten bevölkert wird. Menschen, die sich etwas teilen, eine gemeinsame Basis, die aus mehr besteht als dem Widerstand gegen die Mächtigen. In der Frage nach dieser Basis, danach, was sie beinhaltet, steckt das Politische in diesem Roman, liegt die viel beschworene, aber selten ernsthaft durchdachte Macht der Literatur.Ali Smith deutet diese vereinende Erfahrung in „Gliff“ als impliziten Austausch über verloren geglaubtes kulturelles Wissen, über Songs und Kunst, Wörter und deren Herkunft, Namen, die eine Zeit, eine Geschichte, ein ganzes System widerständiger Referenzen beschreiben: Marianne Faithfull, Rose of Allendale. Wörter, immer wieder, die im Gegensatz zu den neuen Begriffen des Machtapparats stehen, den „Edukatoren“ (zur Überwachung und Indoktrination weiterentwickelte Smart Watches an den Handgelenken derer, die zertifiziert wurden). Wie man lernt, hat hier eine Mutter hervorragende Arbeit geleistet: Rose und Brie erinnern sich an all ihre Warnungen, aber vor allem an die Fähigkeit, sich Geschichten zu erzählen, die beim Durchhalten helfen.Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto düsterer wird sieDie Erzählung springt, wie es bei Ali Smith üblich ist. Mal sind wir weit voraus in den Kellern des anonymen Machtapparats, mal wieder in den frühen Kindheitsjahren von Brie und Rose, in denen die Familie noch relativ intakt war. Die Art, wie Smith hier ein Netz aus Referenzen und Erinnerungen, aus Vorahnungen und Vorkehrungen geschaffen hat, ist wunderbar verstörend und aufregend.Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto düsterer wird es. Und je auswegloser die Umstände, desto mehr idealistische Selbstversicherung wird nötig, um den märchenhaft schwebenden Ton zu erhalten. Aufgegeben wird bei Ali Smith nicht. Errettet auch nicht. Es gibt aber, so will es uns die Autorin vermitteln, eine kleine Rettung im Geiste, selbst in einer solchen Welt.Lernt heute noch jemand etwas aus der Dystopie? Ja. Im Fall der Britin Ali Smith ist es, mindestens, die Antwort auf die Frage, wo die Anleitung zum Widerstand gegen autoritäre Entwicklungen und ein kollabierendes Wertesystem zu finden ist. An Höhlenwänden in den Schlafstätten unserer Vorfahren. Auf Servietten und Bierdeckeln. Vor allem aber in Büchern.Ali Smith: „Gliff“. Roman. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Luchterhand Literaturverlag, München 2026. 304 S., geb., 25,– €.