Im Kultfilm „Sie leben“ findet ein Arbeitsloser eine alte Sonnenbrille auf einem Schuttplatz. Er setzt sie auf – und sieht plötzlich alles: die Werbeplakate, die in Wirklichkeit „Gehorche“ und „Konsumiere“ schreien. Die Brille ist das Werkzeug des Erwachens. Wer sie trägt, erkennt die Wahrheit. Alle anderen trotteln wie Zombies durch eine Welt, die sie nicht verstehen.Jetzt laufen diese Zombies die Torstraße entlang. Nur dass die Brille diesmal anders herum funktioniert.Die Meta Glasses, optisch kaum von einer Ray-Ban Wayfarer zu unterscheiden, haben Berlin erreicht. Man erkennt die Träger nicht an der Hardware, sondern am Verhalten: das leicht entrückte Lächeln ins Nichts, das abrupte Stehenbleiben an unlogischen Stellen, das Nicken auf Reize, die kein Umstehender sehen oder hören kann. In der Ringbahn, auf dem Tempelhofer Feld, vor der Eisdiele am Prenzlauer Berg – sie sind überall, diese freundlichen Abwesenden.

Carpenters Brille, auf den Kopf gestellt

Aliens als Medienprofis: In „Sie leben“ sitzen die Kontrolleure längst vor der Kamera – und niemand merkt es. 1988 war das Science-Fiction. Heute heißt die Brille Meta.

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Carpenters Brille hat sich in ihr Gegenteil verkehrt. Sie blendet nicht die Lüge aus, sie blendet die Realität ein – eine gefilterte, kuratierte, algorithmisch verdichtete Version davon. Die KI übersetzt die Speisekarte. Der Assistent diktiert die nächste Abzweigung. Das Mikrofon nimmt auf, was die Augen gerade sehen. Der Träger glaubt, mehr zu erfassen. Er erfasst weniger.Das Eigenartige ist: Der Effekt wirkt nicht dümmer, sondern effizienter. Die Leute bewegen sich schneller, haben die Hände frei, hören ihren Podcast zu Ende, während sie den Einkauf erledigen. Was früher Multitasking hieß und als Illusion entlarvt wurde, heißt jetzt „Augmented Reality“ und gilt als Fortschritt. Das Unbehagen, das Außenstehende beschleicht, lässt sich schwer benennen: Werde ich gerade gefilmt? Spricht die Person mit mir oder mit ihrem Assistenten? Man teilt denselben Bürgersteig, aber längst nicht mehr dieselbe Wahrnehmung.