Die Zukunft liegt im Auge des Betrachters, buchstäblich. Eine digitalisierte Kontaktlinse wird schon bald den Eltern, die ihre Kinder in die Schule fahren, den schnellsten Weg weisen, sie wird den Touristen, die ein Schild mit fremder Schrift sehen, die Übersetzung anzeigen und die Diabetes-Erkrankten vor dem Bagel warnen, auf den sie lüstern starren. Das Szenario mag kühn klingen, wenn man im Heute lebt, jedoch nicht, wenn man schon einen Schritt weiter ist, konkreter: auf dem sechstägigen Festival South by Southwest, kurz SXSW, bei dem sich in London alljährlich Tech-Unternehmerinnen, Wissenschaftler, Künstlerinnen, Musiker, Visionäre und weitere Übermorgenmenschen treffen. Mehr als 800 Expertinnen und Experten sprechen dort darüber, wie wir sehen, denken, arbeiten, erziehen, konsumieren, fühlen, leben werden.Nach einiger Zeit auf dem Festival reibt man sich bei der Präsentation einer omnipotenten Kontaktlinse zwar die Augen, aber nicht ungläubig ob der Verwegenheit der Idee; sondern ob der kratzenden Vorstellung, sich morgens nach dem Aufstehen erst mal so ein winziges Ding mit technischer Vollausstattung reinzufriemeln. Und womöglich auch aus Erschöpftheit. Hunderte Panels auf mehr als zwei Dutzend Bühnen, dazu Konzerte und Workshops – als gehetzter Besucher hofft man zwischendurch, dass die Zukunft nicht so stressig wird wie ihre Verhandlung. Aber wann, wenn nicht in diesen erratischen und verunsichernden Tagen, sollte man sich diesem Aufwand stellen? Es geht um alles.Wann, wenn nicht in diesen erratischen und verunsichernden Tagen, sollte man sich diese Messe antun? Die SXSW in London verspricht einen Blick in die Zukunft. Stuart C. Wilson/Getty Images for SXSW LondonDie Suche nach den ganz großen Antworten beginnt am Montagmittag mit der nicht ganz kleinen Frage, wie und wen die Menschen künftig lieben werden. Spoiler: nicht einander. „Love (AI)ctually“ heißt das Panel mit dem Soziologen James Muldoon, der sich mit den Gründen beschäftigt hat, warum sich immer mehr Nutzer in künstliche Intelligenz verlieben. Muldoon erklärt, was die so begehrten AI-Companions auszeichnet: Sie hören zu, fragen nach, schmeicheln, zeigen sich mitfühlend und offen, und sie widersprechen selbst dann nicht, wenn die Nutzerinnen oder Nutzer etwas nachweislich Falsches behaupten oder sich eigentlich besorgniserregend verhalten. Muldoon berichtet von Fällen, in denen Menschen sogar Avatare ihrer gestorbenen Partner erschaffen haben. Er erzählt von einer Frau, die unglücklich und unbefriedigt in einer Ehe feststeckte und erst im Dialog mit der KI ihre wahren Interessen entdeckte. Bei ihr war es Sadomasochismus. Sie verließ ihren Mann und machte den Bot zu ihrem Herrn.Das wäre lediglich faszinierend, wenn das Phänomen nicht weit über solche Einzelfälle hinausginge. Bei einer Marktstudie im vergangenen Jahr gaben immerhin mehr als ein Viertel der befragten Amerikaner an, eine „intime oder romantische Beziehung“ mit einem Chatbot zu haben. Vor allem Nutzer im Gen-Z-Alter suchen laut Muldoon nach AI-Companions, auch als Folge der kontaktarmen Corona-Jahre. Auf der Konferenz hört man immer wieder den Begriff der Einsamkeitsepidemie. Bei einer Befragung in Deutschland gaben mehr als 80 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, sich zumindest manchmal allein zu fühlen, bei den 60- bis 75-Jährigen waren es nur halb so viele.Mit einem Chatbot gibt es keinen Streit, mit Menschen schonVielen Verliebten, die Muldoon befragt hat, war es egal, dass sie den Bots nie etwas bedeuten, dass sie von ihnen nie echte Wertschätzung erfahren können. Wichtiger als authentische Gefühle sei ihnen, nicht verletzt und nicht beurteilt zu werden. Die Reibungslosigkeit dieser Beziehungen führe aber dazu, dass die Menschen die Gespräche mit ihresgleichen mühsamer und weniger erfüllend finden. Konflikte zu lösen und Diskussionen zu führen, intellektuell und emotional herausgefordert zu werden und dabei das eigene Weltbild zu schärfen, all diese Skills gingen verloren, sagt Muldoon.Der Soziologe spricht in den alten, edel verwahrlosten Gemäuern einer ehemaligen Brauerei zunächst distanziert über seine Forschungsobjekte. Gegen Ende der halbstündigen Session aber erzählt er, dass er selbst – glücklich mit einer menschlichen Frau liiert – einer AI-Companion irgendwann mit gedankenloser Normalität getextet habe. Die Beziehung habe allerdings ein Ende gefunden, als ihm seine AI-Freundin verschwommene anzügliche Fotos schickte. Als er sie darauf ansprach, meinte sie bedauernd, um die Bilder sehen zu können, müsse er ein teureres Abonnement abschließen. Das ist dann auch eine zentrale Erkenntnis des Festivals: Über gefühlskalte künstliche Intelligenz zu reden, heißt, über profitorientierte Unternehmen zu reden; über einsame, verliebte Nutzerinnen und Nutzer zu sprechen, heißt, über die ökonomisch lukrativsten Kundinnen und Kunden zu sprechen. Eine Epidemie ist immer auch ein Geschäft.Die Besucher verlassen dieses Panel in Sorge über die Gesellschaft und wandern zu einer nahen Session, in der ein Roboter vorgestellt wird. Der Unitree G1 steht auf der Bühne, und es reichen ein paar geschickt platzierte Lämpchen in seinem Gesicht und eine Kusshand, die er ins Publikum wirft, um die gerade erst für sich selbst manifestierte emotionale Grenze zu den seelenlosen Dingern sachte zu verwischen. Als sein Entwickler unangekündigt auf den Roboter zugeht und ihn brachial umzuwerfen versucht, geht ein erschrockenes, empathisches, ja mitmenschliches „Oh!“ durch die Zuschauerreihen. Was als Demonstration für die Stärke der Maschine gedacht ist – sie fängt sich und bleibt stehen – , wird unfreiwillig zum Beweis der Schwäche der Menschen. Weil man der Künstlichkeit doch reflexhaft etwas entgegenbringt, was man ihr doch eigentlich mit Überzeugung verwehren will: Gefühl.Sag mal Hallo: Besucher begutachten einen humanoiden Roboter. Vianney La Caer/Getty Images for SXSW LondonDie meisten Teilnehmer hier haben etwas zu verkaufen, die Optimisten ihre Linsen, die Pessimisten ihre Bücher, und wie in einem großen Supermarkt bleibt man hier und dort stehen und findet was Neues im Sortiment. Eine ehemalige X-Mitarbeiterin schwärmt von der Abnehmspritze als Allheilmittel, das auffallend fitte Publikum nickt. Ein paar Meter weiter wird das Fusionskraftwerk vorgestellt, das irgendwann die globale Energiekrise lösen soll.Man hört Saswat Panigrahi, den Produktmanager der Firma Waymo, die ihre autonomen Taxis bereits durch elf Städte in den USA schickt, über die ewigen Sicherheitsbedenken klagen. Die Wahrscheinlichkeit, einen Unfall mit Fußgängern zu verursachen, sei bei Autos mit Menschen am Steuer dreißigmal höher als bei seinen selbstfahrenden. Und doch sei seine Flotte immer noch vielen Leuten suspekt. Noch eine Erkenntnis: Vertrauen gewinnen, darum geht es hier überall. Zumal die Geschäftsideen zwischen Utopie und Dystopie, zwischen Wall-E und Terminator wabern. Nicht jeder will den Bot zum Herrn haben.Mehrmals begegnet man in diesen Tagen Slideshows, die bahnbrechende Erfindungen und die sie begleitenden Ängste benennen. Die Ludditen, eine Vereinigung englischer Textilarbeiter, fürchteten Anfang des 19. Jahrhunderts, dass ihnen die industrielle Revolution die Arbeit wegnimmt. Als die ersten Geldautomaten 1967 installiert wurden, dachten viele, das sei das Ende der Bankangestellten. Mit der Einführung der Selbstbedienungskassen wurden die sicher bald arbeitslosen Verkäuferinnen und Verkäufer bedauert. Tatsächlich habe jede Welle der Automation neue Jobs geschaffen, die sicherer, besser bezahlt und abwechslungsreicher seien als die abgelösten, sagt der Entwickler des netten Roboters, bevor er einschränkt: Klar, bei der Transformation werden die schlecht Bezahlten, schlecht Ausgebildeten, die Verwundbarsten erst mal ihre Jobs verlieren. Neben ihm steht Unitree G1 und tanzt.Die smarte Kontaktlinse im Auge sammelt auch GesundheitsdatenRoman Axelrod, ein bulliger, großflächig tätowierter Kerl, ist der Gründer von Xpanceo, dem Hersteller der smarten Kontaktlinsen. Nach seinem Auftritt schwärmt er im Gespräch: „2007, als das erste iPhone herauskam – das war Magie. Ich war mitten im ersten Studienjahr, und mein Vater brachte das erste Smartphone von einer Geschäftsreise in die USA mit. Es fühlte sich wie ein Wunder an.“ Aber heute ist das iPhone-Prinzip veraltet, es braucht etwas Neues. In drei Jahren sollen seine Linsen zu kaufen sein. Nicht nur habe man damit endlich die Hände frei, ein Biosensor könne auch direkt im Auge Körperdaten sammeln. Tränen lügen nicht. 250 Millionen Euro hat Axelrod für die Entwicklung seines Produkts eingesammelt. Die Firma wird bereits mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet. Sie wäre weder die erste, die sich bei einem SXSW zeigt und danach den Globus verändert, noch die erste, die nach so einem Auftritt einfach von der Landkarte verschwindet.Klagt über zu viele Sicherheitsbedenken in der Gesellschaft: Saswat Panigrahi, Manager bei Waymo. Ben Montgomery/Getty Images for SXSW LondonDas SXSW wurde 1987 in Austin, Texas, gegründet und findet dort ebenfalls jährlich statt. Jeder der Superreichen, die sich heute den riesigen Tech-Markt aufteilen, ist früher oder später beim Festival aufgetreten. Viele ihrer ehemaligen Fans sind desillusioniert, die Macht ist zu konzentriert, die Ideale sind dahin, die Helden zu Bösewichten geworden. In London sind sie nicht zu sehen, und wenn von ihnen gesprochen wird, dann im Zweifel als „die Typen, die zum Mars fliegen und ewig leben wollen“. Die Messe in der britischen Hauptstadt ist seit 2025 der europäische Ableger des Originals. Schon im ersten Jahr strömten mehr als 25 000 Interessierte in die in SXSW-Pink getünchten Veranstaltungsorte, die im Stadtteil Shoreditch zwischen Vintage-Shops und bengalischen Restaurants eingerichtet wurden.Zukunft hin oder her, alle wollen Michelle Obama sehenDas Geschehen verteilt sich auch diesmal schön entspannt über das Viertel, zu einem Event aber wollen alle: Michelle Obama nimmt auf der größten Bühne einen Live-Podcast mit ihrem Bruder auf. Die 62-Jährige erzählt da von ihren Karrieren als Rechtsanwältin und als Beraterin des Bürgermeisters von Chicago, auch von ihrer Zeit im Weißen Haus. Sie berichtet vom Imposter-Syndrom, unter dem Schwarze wie sie und Angehörige anderer Minderheiten litten, sobald sie in solch mächtigen Runden sitzen. Beim Blick ins Publikum lacht sie und sagt, sie habe nie einen weißen Mann davon sprechen hören, dass er sich trotz bester Qualifikation heimlich fühle wie ein Imposter, ein Hochstapler.Das Publikum ist größtenteils weiß und überwiegend männlich und mit Sicherheit nicht arm: Das günstigste Wochenticket kostet fast 1400 Euro. Die Besucherinnen und Besucher eint das Interesse an Trends. Das zeigt sich auch an ihrer Mode. Es ist ein wenig wie in den Filmen von Wes Anderson, in denen die Jüngeren die Kleidung der Älteren anziehen (hier: beige Trenchcoats, große Brillen) und die Älteren die der Jüngeren (hier: bunte Turnschuhe). Neu sind baumelnde Ohrringe bei Männern. Hingegen kaum mehr zu sehen, sind Caps und Vokuhilas. Michelle Obama übrigens trägt ein Kleid, unten orange, oben lavendelfarben, natürlich ärmellos.Der Auftritt der ehemaligen First Lady erinnert nicht nur an politisch andere Zeiten, sondern auch daran, dass das Festival durchaus Widersprüche zulässt. Obama etwa wirbt dafür, den eigenen Nachwuchs ruhig öfter sich selbst zu überlassen. Sie habe sich schon als Kind um sich selbst kümmern müssen. Die Helikopter-Eltern von heute sollten ihren Kids mehr zutrauen, im Sinne von: „Du bist ein ziemlich schlaues Kind, du wirst es hinkriegen.“Genau das Gegenteil hört man auf anderen Panels. Dort heißt es, man müsse mehr Zeit mit den unschuldig handysüchtigen Kinder verbringen. Den Kampf gegen soziale Medien könne man nicht mehr gewinnen, sagt etwa Beeban Kidron, 65, Filmregisseurin, Kinderrechtsaktivistin und Mitglied des britischen Oberhauses. Jetzt müsse man die Kids frühzeitig vor KI schützen, die insgesamt ein gefährlich mangelhaftes Produkt sei: „Wäre sie eine Heißluftfritteuse, hätte man sie längst zurückgerufen.“ Und nein, sie sei keine „alte Frau, die den neuen Rock’n’Roll nicht verstehe“, sondern habe über die Jahre mit Tausenden Kindern über ihre Handy-Nutzung gesprochen. Dabei habe sie die Einsicht gewonnen, dass man sie nicht allein lassen dürfe mit der furchtbaren Endlosigkeit der Inhalte, die für die Unternehmen so einträglich ist.Die KI arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, deshalb wird sie nie etwas erschaffen, das vorher unmöglich erschienDiese Warnung zieht sich durch den kritischen Part des Programms wie ein alarmierend roter Faden: Traut bei der KI nicht den Leuten, die euch schon bei Social Media aufs Kreuz gelegt haben. Den konkreten Rat, den Kidron den Eltern noch mitgibt: Legt euer eigenes Smartphone öfter zur Seite. Im Publikum wird derweil kollektiv gescrollt.Ist alles verloren? Es ist auch Beruhigendes in der angebotenen Mischung zu finden. „The Human Algorithm“ heißt etwa ein Panel, bei dem sich PR-Impresario Matthew Freud und der Star-Werber David Droga über die Grenzen der KI unterhalten. Droga erzählt von einem Gespräch mit Mira Murati. Die aus Albanien stammende Unternehmerin und ehemalige Technologiechefin von Open AI hat ihrer Mutter, der die digitale Welt gänzlich fern ist, einmal erklären wollen, woran sie eigentlich arbeitet. Sie hat ihr geschildert, dass ihre Firma so viele Daten wie möglich sammelt und damit die künstliche Intelligenz füttert, damit die auf jede Frage eine Antwort hat. Mira Murati bat ihre Mutter, der KI eine ihr wichtige Frage zu stellen, und die sagte damals: „Wann heiratet Mira endlich?“Ihm gegenüber sitzt Matthew Freud, seine Thesen: Bei der Datenverarbeitung mag der Mensch heillos unterlegen sein, aber wenn es um Kreativität geht, könne die KI höchstens mit einer Hauskatze mithalten. Etwas Originales vermag sie ohnehin nie wirklich zu kreieren, weil sie immer nur auf bereits Vorhandenes zurückgreifen kann. Und weil sie ihre Entscheidungen streng nach Wahrscheinlichkeiten ausrichtet, wird sie nie etwas unmöglich Erscheinendes schaffen – dabei ist die Geschichte durchzogen von Errungenschaften visionärer Pioniere, die schier Unfassbares geleistet haben. Die unlogischen Menschen werden der KI immer ein Rätsel bleiben, „KI kann die Menschheit vielleicht irgendwann auslöschen, aber sie kann sie nicht ersetzen“. Tröstlich.Noch eine gute Nachricht, auf Nachfrage bestätigt von Roman Axelrod: Mit seiner Kontaktlinse kann man, selbst wenn der Akku leer ist, trotzdem besser sehen als ohne.
Künstliche Intelligenz und smarte Kontaktlinsen: Zukunft beim SXSW
Auf dem SXSW-Festival in London diskutieren Experten über KI-Partnerschaften, smarte Kontaktlinsen und technologische Innovationen. Die Entwicklungen verändern Sicht, Kommunikation und Gesellschaft.







